Tschüss, alte UB! Vielleicht werde ich dich nicht vermissen, ist das okay?

Martin Jost

Martin studiert schon so lange, dass er noch die alte Universitätsbibliothek benutzt hat, jetzt ihr Provisorium aussitzt und vielleicht noch zur Neueröffnung der neu Renovierten an der Uni sein wird. An die alte UB denkt er mit gemischten Gefühlen zurück, einer Art Hassliebe. – Nein, eigentlich ist es nur Hass. Ein Abschiedsbrief.

Liebe UB,

wenn eine Dame von uns geht, pflegt man in ihrem Nachruf zu sagen, wie elegant sie war. Aber du warst hässlich wie die Nacht. Und ich glaube, damit tu ich der Nacht schwer Unrecht.

Ich habe schon viele „Oh!“ und „Ah!“ machen hören, die sich angesehen haben, wie der Knabberbagger sich an dir herum frisst. Aber ich habe noch keinen gehört, der dein altes Äußeres vermisst. Alle sagen mehr so: „Na endlich!“ Sie finden dich scheinbar schöner, wie du jetzt bist. Du bist nicht die Erste, der zu spät einfällt, sich für die ganze Stadt auszuziehen.

Als ich dich zum ersten Mal sah, dachte ich an einen abgestürzten Raumfrachter aus „Alien“, der mit einem lauten Knall auf ein Stadtviertel gestürzt ist und gerade noch seine Gangway ausfahren konnte, bevor er tot liegen blieb. Du hast gut versteckt, was du bist. Auf deiner Fußgängerbrücke (kurioserweise lag dein Haupteingang zwei Etagen über Straßenlevel und war den ganzen Winter hindurch wegen Rutschgefahr geschlossen) fragte mich mal ein Ortsfremder nach dem Weg zur Universitätsbibliothek und wollte mir partout nicht glauben, dass du kein Parkhaus bist. An deinen Ecken, die über den Gehweg hingen wie eine modrige Seebrücke über das Watt, stand ganz klein: „UB“. Nur diese zwei Buchstaben, nichts weiter. – Neckisch!

Als ich zum ersten Mal in dir drin war, war ich noch klein. Ein Erstsemester in der großen Stadt. Du hast mich eingeschüchtert. Von innen sahst du noch größer aus. Diese Hallen, deren Wände so weit wie der Horizont zu sein schienen, voller Bücher. So viele Bücher, dass uns Benutzern nicht zugetraut wurde, sie wieder ins Regal zurück zu stellen. Das war verboten, denn „ein verstelltes Buch ist ein verlorenes Buch“.

Wie ein Bergwerk des Wissens. „Bergwerk“ passt, weil man in dir auch im zweiten Stock das Gefühl hatte, irgendwo unter Tage zu stehen.

Früher sind wir oft nur in deinen Computerpools oder deinem Foyer gewesen, weil wir kein Internet zu Hause hatten. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Da saß ich in einem lauten, wuseligen Raum neben Fremden und hatte einen Fresszettel mit allem, was ich seit der letzten Woche online erledigen wollte. Auf der Tastatur schichteten sich schwarze Schmutzränder. Immer dieses Gefühl, dass einer hinter mir steht und meine E-Mails mitliest. Und dann zucke ich zusammen, weil eine der Garderobendamen durch den ganzen Raum blökt: „Hallo! Ich habe Ihnen gesagt, Sie dürfen hier keine Pornos anschauen!“ Und die Frau neben mir zieht den Kopf ein, schnappt ihre Tasche und verzieht sich. True Story!

Du warst die Klügste in der ganzen Stadt. Aber nicht weise. Du hattest astronomische Mengen Bücher in deinem Bauch, aber du warst vollkommen nutzlos für einen, der nicht studiert hatte, wie man dich benutzt. Zum Beispiel im Freihandmagazin, dem Teil der Bibliothek, in dem man sich seine Bücher selbst heraus suchen durfte, waren sie nicht nach Thema oder Autor sortiert, sondern in der Reihenfolge der Anschaffung. Da standen die unwahrscheinlichsten Sachen neben einander: Studien über den Genderaspekt im Tierfilm neben der Kulturgeschichte der deutschen Küche neben Rezepten für Bose-Einstein-Kondensat.

Du hast mir Bibliotheken vergällt. Als ehemaliger Bücherwurm hätte ich vor Glück in dir zerschmelzen müssen. Aber du konntest keine Nähe zulassen. Du hast mich abgestoßen. Mit einem Haufen kleiner Dinge: die trockene, säuerliche Luft in deinen Etagen; das komische Gewitterlicht, das deine getönten Fenster nur hinein ließen; der strenge Geruch, der jede Toilettentür in einem meterweiten Umkreis umwaberte; der keimige graue Teppich, der praktisch überall lag; die stockfleckigen abgehängten Decken, aus deren Löchern Kabel hingen; die Stufen in deinen Treppenhäusern, die ein ganz kleines bisschen höher waren als normal, so dass wir alle früher oder später stolperten; die kleinen Bücher-Eisenbahnen, die unter der Decke ratterten und deren Schienen in der richtigen Höhe hingen um mich zu skalpieren.

Die „Übungsräume“ in deinem Bauch hatten meistens keine Tageslichtversorgung. Ich musste immer an das Rathaus von Schilda denken.

Am Tag, als ich zum ersten Mal Studiengebühren überweisen musste, wurde ich an einem deiner Videoarbeitsplätze mit Hausverbot bedroht. Der unhaltbare Vorwurf lautete auf DVDs rippen. Das hat mein Selbstbild als Universitätskunde nachhaltig geprägt. Du warst ein lebensfeindlicher Ort und du hast mich auf Vermeidungsverhalten konditioniert. Seit dem Grundstudium habe ich daher bei der Anfertigung von Hausarbeiten grundsätzlich Literatur ignoriert, die sich nicht von zu Hause irgendwo herunterladen lässt.

Du gefällst mir im Moment viel besser. Du bist durchschaubar geworden. Während du dich bröckchenweise von uns verabschiedest, zeigst du Schwäche. Baggersaurus hast du nichts entgegen zu setzen. Gleichzeitig stehst du im Prinzip ungerührt vor unseren Augen. So, wie du jetzt bist, bist du schön. Transparent und mit fluffigen, organischen Abbruchkanten, die wie Plüsch aussehen. Kann es sein, dass du im Moment öfter fotografiert wirst als das Münster?

Zu dir glotzt eigentlich immer jemand hoch wie Romeo zu seiner Julia. (Dass die Leute eher auf den langen Baggerausleger starren als auf deine Balkone, müssen sie mit sich und Siggi Freud ausmachen.) Keiner hat Tränen in den Augen.

Ich würde dich so lassen. Wie die Gedächtniskirche – als Denkmal für die alte Wissensgesellschaft.

Video: Im Inneren der UB

Quelle: YouTube [youtube gE3CmSADGuQ nolink]    

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Foto-Galerie: Martin Jost

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