Tschick im Theater Freiburg: 5 Fragen an Dramaturg Jonas Lindner

Lena Prisner

Seit Ende November läuft das phänomenale Stück "Tschick" im Werkraum des Theater Freiburg – eine Inszenierung des Romans von Wolfgang Herrndorf. Jonas Lindner erzählt uns von seinen vielfältigen Aufgaben als Dramaturg, den Hintergründen des Romans und warum das Stück nicht nur für Jugendliche interessant ist:



Jonas, was macht eigentlich ein Dramaturg?

Dramaturgen erstellen Spielpläne, geben Einführungen, wirken bei der Rollenbesetzung mit und machen auch viel Öffentlichkeitsarbeit. Im Prinzip ist man während der Proben eine Art „zweiter Blick“ des Regisseurs – denn der ist naturgemäß sehr nah dran am Geschehen und kann eine gewisse Betriebsblindheit entwickeln. Eine andere wichtige Aufgabe ist Recherchearbeit. Wann immer es inhaltliche Fragen gibt, zum Beispiel bei historischen Namen, Dinge, die in die Zeit passen müssen oder einfach wenn es wie bei Tschick um die inhaltliche Verortung eines Stadtteil Berlins geht, dann ist es Aufgabe des Dramaturgs, die Textgrundlage zu durchdringen und zu kontextualisieren.

Du hast eigentlich mal Geschichte und Englisch auf Lehramt studiert...

Ich habe aber schon während meines Studiums beim Theater gearbeitet, beim Einlass und an der Pforte. Ich habe dann auch Praktika gemacht, unter anderem ein längeres, bei dem ich Dramaturgiehospitant bei „Gottes kleiner Krieger“ war – ein ziemliches Mammutprojekt. Da habe ich unglaublich viel gelernt. Darüber habe ich natürlich auch persönliche Verbindungen zum Haus hergestellt. Als mein Studium zu Ende war, bin ich als Quereinsteiger Dramaturgieassistent geworden. Obwohl man Dramaturgie oder andere theaterwissenschaftliche Fächer auch studieren kann, ist es durchaus möglich, ohne ein solches Studium einzusteigen, wenn man Erfahrung mitbringt.

Mit Tschick hast du nun dein erstes Stück als Dramaturg zu verantworten. Auf was war zu achten?

Man kann die Arbeit in verschiedene Phasen unterteilen. Zuerst gibt es da die Entscheidungsphase – da wird beschlossen, ob ein Stück in den Spielplan aufgenommen wird. Dann geht es darum, einen Regisseur und die Besetzung zu suchen. Diese drei Schritte waren in meinem Fall schon erledigt, da ich erst zu Beginn der aktuellen Spielzeit dazukam. Dann kommt es zur konkreten Arbeit: Der Dramaturg erarbeitet gemeinsam mit dem Regisseur ein Konzept.

Bei „Tschick“ handelt es sich um eine Romanübersetzung. Man fragt sich also: Wie können wir das mit welchem Text auf der Bühne umsetzen? Bei „Tschick“ mussten wir keinen eigenen Text schreiben, da es bereits eine Theaterfassung gibt. Die können wir gegebenenfalls minimal abändern. Sobald man sich im Klaren darüber ist, was man erzählen will, geht es darum, wie man das Konzept anhand von Kostüm, Bühne und Text umsetzen kann. Das alles passiert vor Beginn der Proben. Während der Proben schaue ich dann stichprobenartig vorbei, um stets einen frischen Blick zu behalten. Wenn mir etwas auffällt, wo man das Konzept noch besser umsetzen könnte, rede ich mit dem Regisseur und den Verantwortlichen für Kostüm und Bühne darüber.

Außerdem bereite ich Lehrmaterial vor – „Tschick“ zum Beispiel ist Schulstoff. Ich schreibe Programmhefte, Ankündigungstexte, suche Pressefotos aus – viel Öffentlichkeitsarbeit. Als Dramaturg bin ich außerdem derjenige, der immer fest am Haus ist, ein Ansprechpartner also. Meist organisiert der Dramaturg auch die Premierenfeier. Nach der Premiere wird das Stück gegebenenfalls nachbearbeitet, beispielsweise in Form kleinerer Kürzungen. Manchmal stehen auch Umbesetzungen oder andere strukturelle Schritte an, falls das Stück länger nicht gelaufen ist und im Spielplan wieder aufgenommen wird.

Kurz bevor Herrndorf den Roman schrieb, wurde bei ihm ein bösartiger Hirntumor festgestellt. Inwiefern war die Hintergrundgeschichte für die Inszenierung wichtig?

Wenn man das Buch vor dem Hintergrund seiner Entstehung liest, kriegt es noch eine ganz andere Lesart. Trotz der schlimmen Nachricht, die Herrndorf erhielt, sprüht das Buch vor Lebensenergie. Das haben wir natürlich versucht, miteinzubeziehen. Wir haben uns mit den Schauspielern und Schauspielerinnen Texte aus Herrndorfs Blog „Arbeit und Struktur“  und andere Werke von ihm angeschaut. So etwas ist wichtig um herauszufinden, was die Geschichte bedeutet und weshalb sie einen berührt.

Was macht Tschick besonders?

Die Geschichte bündelt unglaublich viele Aspekte des Lebens und stellt elementare Fragen, ohne sie unbedingt abschließend zu beantworten. Jeder kann da andocken. Zum Beispiel: Welchen Platz nehmen wir in der Welt ein? Als Erwachsener kann man damit genauso etwas anfangen wie als Jugendlicher. Man erinnert sich, wie es war, als man diesen ersten verrückten Sommer erlebt hat. Ich denke, es können sich vor allem deshalb so viele damit identifizieren, weil sich die Jugend ja immer weiter nach hinten verschiebt. Da kommen Themen wie das erste Autofahren oder erste Erfahrungen mit Drogen wie Alkohol auf, die ganz klassisch mit dem Einstieg ins Erwachsenwerden zu tun haben. Aber der Übergang in die Verantwortung des Erwachsenenlebens ist gradueller, damit kann jeder etwas anfangen. Dazu braucht es dann auch gar kein Lehrstück – es bringt einen zum Nachdenken und berührt.

Zur Person

Jonas Lindner ist in Berlin geboren und hat Geschichte und Englisch auf Lehramt studiert. Seit 2014 ist er Dramaturgieassistent am Theater Freiburg und Dramaturg der Produktion „Tschick“, der Inszenierung des gleichnamigen Romans von Wolfgang Herrndorf. “Tschick“ läuft noch die gesamte aktuelle Spielzeit.

Spieltermine:

Mehr dazu:


Was
: Tschick
Wann: z.B. Sa, 20. Dezember um 29 Uhr; Fr, 2.1.2015 um 19 Uhr, alle Spieltermine gibts auf der Website des Theaters
Wo: Theater Freiburg, Werkraum
Eintritt: Normalpreis 12 Euro
[Foto: Lena Prisner]