Tote leben länger

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, wie man auf einfache Art und Weise an ein Stück Land kommt? Die Möglichkeit, wie das in Indien zuweilen praktiziert wird, erfordert einen Verwandten mit Land, ein klein wenig Fantasie, Kenntnis der Bürokratie und ein bisschen mehr Bestechungsgeld.

Lal Bihari, geboren 1961, war ein ganz normaler indischer Kleinbauer aus Uttar Pradesh. Jedenfalls dachte er das, bis er eines Tages einen Kredit aufnehmen wollte. Dabei erfuhr er, dass er schon im zarten Alter von 24 Jahren gestorben war. Obwohl er mit Recht anderer Meinung war, bekam er den Kredit nicht und benötigte mehrer Behördengänge um herauszufinden, dass ein Onkel ihn für tot hatte erklären lassen um Biharis Landbesitz erben zu können.


Doch damit begann erst seine Odyssee. Er brauchte geschlagene 18 Jahre, bis 1994 die Behörden endlich einsahen, dass der vermeintlich Tote doch noch am Leben war. In dieser Zeit versuchte Bihari alles mögliche, um die Bürokratie von seinem Anliegen zu überzeugen: Er organisierte seine eigene Beerdigung und beantragte danach persönlich die Witwenrente für seine Frau. 1989 trat er auch bei der Wahl zum indischen Premierminister an, die er aber nicht gewann.

Während der Zeit seiner Versuche, wieder als lebendig anerkannt zu werden, traf er viele, die das gleiche Schicksal erlitten hatten. Also gründete er den Verein für tote Menschen, dem inzwischen über 20.000 Menschen angehören. Bei über einer Milliarde Indern ist das zwar eine verschwindend kleine Minderheit, doch zeigt es die Beliebtheit dieser Methode des Erbens.

Lal Bihari wurde durch sein Engagement in Indien recht bekannt und hilft nun Menschen, die ebenfalls für tot erklärt wurden, mit ihrem Schicksal fertig zu werden. Denn auf eine bürokratische Wiederbelebung können nur wenige hoffen: Von den 20.000 Vereinsmitgliedern wurde bislang gerade mal ein halbes Dutzend auf dem Papier wieder lebendig.