Tocotronic im E-Werk: 25 Jahre vor und zurück

Alexander Ochs

Sozialisiert in der Hamburger Schule, einsortiert unter Indie- und Diskursrock, haben sich die einstigen Slogan- und Schreddeljünger zur Institution gemausert. Das war auch in Freiburg zu sehen und zu hören.

Spaßig oder spießig? Punkt neun begrüßt Sänger Dirk von Lotzow das Publikum im Stile eines altväterlichen Conférenciers, immer lustwandelnd auf dem schmalen Grat zwischen ironischem Unterton und großer Geste. Die vier "Jungs" sind Mitte 40 – und blicken auf 25 Bandjahre und ein Dutzend Studioalben zurück. Wie früher kommt von Lotzow in Adidas-Trainingsjacke auf die Bühne.


Der angegraute Grandseigneur haucht "Hallo Freiburg!", und dann lassen Tocotronic den genialen Opener des neuen Albums "Die Unendlichkeit" mit all seinen wüsten Fuzz-Orgien und scharfkantigen Riffs durch die Halle wabern. Mit dem countryesk angehauchten "Electric Guitar" trabt Dirk von Lotzow in die Räume, Träume und Alpträume seiner Kindheit und Jugend im Offenburger Reihenhaus zurück; der biographische rote Faden dieses überragenden Albums.

Wenn man sich ihre Anfänge vor Augen hält, muss man sich wundern, wie gut, wie perfekt die Band geworden ist. Das liegt vor allem auch an der Wahnsinnswucht, die Rick McPhail an der E-Gitarre entfaltet. Der alte Klassiker "Drüben auf dem Hügel" kommt herrlich rau daher, genau wie die Mitgrölhymne "Letztes Jahr im Sommer", beide von Anno Toastbrot: 1995. Laut, druckvoll und federnd ist der Sound, den das Quartett live bietet.

Ein Break und fast intimes Highlight markiert der neue Song "Unwiederbringlich", der ebenso zurückblickt (in eine Zeit ohne Handys und auf den Tod eines Jugendfreundes) und den Dirk im Bariton solo vorträgt. Viele Klassiker säumen die lange Setlist, darunter "Kapitulation", "Aber hier leben – nein danke" und "This Boy is Tocotronic".

Drei Zugaben und dann: "Freiburg"

Apropos Boy: Seinen scheinbar alterslosen Bassmann (ja, mittlerweile eine Mundfalte) kündigt von Lotzow schalkhaft-treffend als "Forever Jan Müller" an, wobei er den Vornamen wie "young" ausspricht und ihm schmunzelnd das Etikett "Dorian Gray des Indierock" anheftet. Auch die Panne am Bassgurt nehmen sie sportlich-lachend.

Was sie früher in einfacher Sprache rübergebracht haben, ist nun zu komplexen Gebilden gereift. Mit drei Zugaben(blöckchen) setzen sie erwartbar zum finalen "Freiburg" an – das sich mit seinen wilden Rückkopplungen fast schon selbst zersetzt. Zwei höllisch gute Stunden in der "Schwarzwaldhölle"!

Mehr zum Thema: