Thilo Seibel (sc)herzt im Vorderhaus

Wolfgang Weismann

Gegen Ende des Samstagabends packt er endlich aus: Das, worauf alle gewartet haben. Was seine eigentliche Stärke ist und was die lang ersehnten lauten Lacher bringt. Den Koffer voller Parodien. Er schlüpft in die Haut von Merkel und Wowi, macht den Münthe und den Stoiber. Dann tobt er über die Bühne, sorgt für Lachsalven, reißt das Publikum hin und weg. Leider erst dann.



Zuvor philosophiert der Kabarettist Thilo Seibel über Gleichberechtigung, über die GEZ, hält den Monolog über Eurorettung und Bildung. Wie bei einer Politikerrede beim Jahresparteitag: Jedes Thema wird beackert, alles abgehakt, man wird rundum informiert, über alles aufgeklärt. Aber eines fehlt, was ein Kabarettprogramm rund macht: die übergreifende Story, der Klebstoff, der die einzelnen Beiträge zusammenhält. Nur selten erlaubt sich Seibel Rückbezüge und Anspielungen auf das erst gesagte, die dem Programm gut täten.


Dabei sind die Witze an sich gut und auf gewohnt hohem Seibel-Niveau: So werde in Deutschland gespart, wo es nur geht. Vor allem das Wesentliche werde aus Kostengründen weggelassen: ein Verfassungsschutz ohne Verfassung, ein Flughafen ohne Flugzeuge, die Kölner U-Bahn ohne Bahnen, eine Rennstrecke ohne Autos. Auch bindet, ein echter Pluspunkt, Seibel das Publikum immer wieder in seinen Monolog ein: Wofür gibt es sein Geld aus? Für Urlaub und was Gutes zum Essen, so die Antwort. Seibel wisse, wofür er es gerade nicht ausgebe: ein Kind, das koste rund 250.000 Euro, bis es aus dem Haus ist. Was, wenn er vier Kinder nicht bekäme?

Auch liefert er sehr schöne Spitzen gegen die Bundesspitze: „Wenn die Merkel in atemberaubender Geschwindigkeit 360-Grad-Wendungen hinlegt, sodass man als Zuschauer schon ein Schleudertrauma kriegt, fragt man sich, was die Frau im Kopf hat.“ Seibel kann auch ernst und gibt sich fast schon als Europabefürworter: Die Rettung der Union wird zwar teuer, aber „es geht nicht um Brötchen, es geht um unsere Zukunft, es geht um uns“. Die Witze sind schmackhaft und intelligent, nur vermisst man als Zuschauer die Leidenschaft.

Der Abend fing an, wie ein Kabarettabend eben beginnt, Seibel freue sich, in Freiburg zu sein, er smalltalkt über das Wetter und seine Heimat in Kölle. Er endet schließlich, wie er eigentlich sein soll und wie wir Thilo Seibel kennen und lieben: voll Empathie und für feuchte Augen sorgend. Es ist schon richtig: ein Kabarettabend soll eine gewisse Steigerung zum Ende hin erfahren. Das heißt aber nicht, dass man sich nur auf das Ende freuen soll.

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