Themenwoche: Freiburg, die wachsende Stadt

Dominik Schmidt

Alles andere als ausgestorben – das ist die Kaiser-Joseph-Straße an einem Samstag. Alles andere als erschwinglich – das sind die Mieten. Freiburg wächst wie kaum eine andere Stadt. Grund genug für eine Themenwoche auf fudder: Was wächst wo und warum und was ist toll (oder auch nicht) an unserer südlichsten Großstadt Deutschlands?



4500 bis 5000 neue Immatrikulationen müssen die Mitarbeiter des Studentensekretariats zum Wintersemester gewöhnlich abarbeiten. Eine davon ist Margot Zehnder. Am meisten Arbeit gibt es für sie, wenn der Rest der Republik in Urlaub ist, wenn die Sonne brennt und die Medien über Themenflaute jammern. Während die frischen Erstsemester-Studenten im Erdgeschoss per Ampelsystem zum Einschreiben geschleust werden, häuft sich in den Monaten zwischen Juli und Oktober der Aktenstapel bei Zehnder. Und es wird immer mehr. 18 Prozent mehr Studierende schreiben sich im Vergleich zu vor zehn Jahren ein. Jeder Dritte Freiburger Neubürger ist Student oder Schüler.

Ein ruhiger Hinterhof in der Günterstalstraße in der Wiehre. Jutta Posch schließt an einem heißen Sommermorgen ihre Praxis auf. Posch ist Hebamme und eigentlich in Urlaub. Genau wie Zehnder ist bei ihr Urlaubszeit oft auch Hochsaison. Statistisch kommen in Baden-Württemberg im Juli die meisten Kinder zur Welt. So betreut Posch trotz Urlaub drei Frauen in der Vor- oder Nachbereitung der Geburt. Und auch hier, werden es immer mehr, denn die Geburtenzahlen sind bereits seit 20 Jahren deutlich höher als die Sterbefälle.

Wie stark wächst die Stadt wirklich?

Es gab nur wenige Jahre seit dem 2. Weltkrieg, in denen Freiburg nicht an Größe gewann und sich so fast verdoppeln konnte. Als "prosperierende Wachstumsregion" wird Freiburg in einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung eingestuft und man sieht Freiburg als einer der wenigen Städte, die in den nächsten zehn Jahren über drei Prozent wachsen können. Eine realistische Prognose, denn Freiburg wuchs in den vergangenen zehn Jahren um ganze 7,5 Prozent.
Verglichen mit den anderen Großstädten Baden-Württembergs ist die Bevölkerungsentwicklung herausragend und in den letzten Jahren doppelt so hoch wie beim zweitplatzierten Ulm.

Woher kommt das Wachstum?

Das Kultur- und Freizeitangebot, eine Universitätsstadt, überdurchschnittliche junge Bevölkerung und starker Zuzug aus dem Umland. Das sind die prägenden Faktoren, die für Freiburgs Wachstum stehen. Doch wichtige Gründe sind historisch bedingt.

Stefanie Burg, freie Stadtplanerin und Mitarbeiterin bei fsp.stadtplanung, hat täglich mit dem Wachstum Freiburgs zu tun. "Die Herausforderungen bei einem solchen Wachstum sind vielfältig. Verkehr, Wohnraum, die ganze Infrastruktur muss sich mitentwickeln." Konservativ habe man nach dem 2. Weltkrieg in Freiburg gehandelt, und das lässt sich laut Burg durchaus positiv verstehen. Die Startvoraussetzungen sind aus heutiger Sicht gut – entschied man sich damals doch für den Wiederaufbau des historischen Stadtbilds. Andere Städte wie Kassel oder Saarbrücken leiden heute unter den damals modernen Ansichten, die Stadt autogerecht zu gestalten.

Während in den 70er Jahren die Bundesrepublik versuchte, der steigenden Motorisierung gerecht zu werden, entschied man sich in Freiburg für eine der ersten Fußgängerzonen Deutschlands in der Kaiser-Joseph-Straße. Laut Burg profitierte die Stadt auch von ihrer Randlage in Deutschland. Während andere Städte stark gegeneinander konkurrieren, konnte man in Freiburg ohne großen Druck handeln und planen.



Wachstum ist toll, oder?

Die Vorteile sind gleichzeitig auch Gefahren. "Sich auf den Lorbeeren auszuruhen, das ist wohl die größte Gefahr der Stadt", meint Burg. Das spürte die Stadt, als vor dem Bau des Neubaugebiets Rieselfeld der Wohnraum derart knapp wurde. "Der Druck auf die Stadt muss enorm gewesen sein", bevor man sich entschloss Anfang der 90er das Rieselfeld zu erschließen. Über 9000 Bürger fanden dort seitdem Platz (70 Prozent aus dem Stadtgebiet), die Situation von verfügbarem Wohnraum ist aber weiterhin schlecht und konnte in den anderen Stadtteilen nicht für eine Entlastung sorgen. Zahlt man in Freiburg im Schnitt 7,20 Euro pro Quadratmeter, ist der Bundesschnitt bei gerade einmal 5,12 Euro. Gentrifizierung, soziale Spaltung und große Unterschiede in Sachen Alter, Wachstum und Geburtenrate zwischen den Stadtteilen, werden auch in Freiburg zu einem schwelenden Problem. Stadtteile wie Brühl-Industriegebiet werden weiter an Attraktivität verlieren, während in der Wiehre Wohnraum immer mehr zum Luxusgut wird. Hebamme Jutta Posch, mit ihrer Praxis in der Wiehre, spürt das auch. Doch im Positiven. Während aus Weingarten kaum Frauen kommen, werden es in der Wiehre immer mehr.

Entspannung der Lage ist übrigens in Sicht. Die Stadt nimmt an, nur noch wenige Jahre zu wachsen, bevor ein leichter Schrumpfprozess in 3-4 Jahren beginnt. Auch in Freiburg wird sich der demographische Trend durchsetzen und die Bürger im Schnitt altern. Dann wird sich zeigen, ob die Stadt eine Strategie hat und der Konkurrenz gewachsen ist.

Themenwoche heißt jeden Tag eine Portion Beiträge rund um das Thema „Bevölkerungswachstum in Freiburg“. Neben den Fakten, wollen wir die Motivation für ein Leben in Freiburg erkunden. Dass man dabei auf allerlei Klischees trifft, war klar. Deswegen wird es einen Realitätscheck geben, die  ießmuffel, AntiAntis und Kritiker der Stadt werden auch auf ihre Kosten kommen und zum Schluß werden wir Euch die vielleicht wichtigste Frage stellen: In was für einer Stadt wollen wir eigentlich leben?

   

Warum bist Du nach Freiburg gezogen? Neu-Freiburger antworten

Johannes, Erstsemester- Student:
"Angeblich ist Freiburg total konservativ, auf der anderen Seite aber sehr öko. Allgemein hab ich gehört, Freiburg sei wie Tübingen, nur dreimal größer. Ich bin grad durch die Innenstadt gelaufen, das wirkte sehr schön und angenehm, ziemlich locker, also laisser-faire-mäßiger als woanders, aber komischerweise auch ziemlich provinziell, obwohl es ja gar nicht so klein ist. Ich hab auch gehört, dass es in Freiburg eine alternative Szene gebe, aber im Endeffekt schere sich niemand so wirklich drum."

Anja, Erstsemester- Studentin:
"Ich hab nur Gutes von Freiburg gehört. Mein Onkel hat auch hier studiert, der konnte mir ein bisschen was erzählen. Am meisten freue ich mich auf ein eigenes Leben und darauf, neue Leute kennen zu lernen. Ich lass mich mal überraschen, was Freiburg so zu bieten hat. Freiburg ist eine Studentenstadt, aber auch der Weg in die Natur ist nicht so weit. Die Uni soll auch einen guten Ruf haben und man kann wohl viel unternehmen."

Daniela, Studentin:
"Ich habe mich für Freiburg entschieden, weil ich mal mit einer Freundin hier war. Wir haben uns die Stadt angeschaut. Es ist ja auch ne Unistadt, das hört man schon von allen Leuten vorher. Die Stadt an sich hat mir gefallen. Es ist auch nicht so weit weg von Karlsruhe, wo ich ursprünglich herkomme. Ich denke, dass es ziemlich viele Freizeitangebote gibt, Sportangebote und dass die Uni auch sehr viel bieten wird."

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