The Notwist im Jazzhaus: Der Teufel, du und ich

Alexander Ochs

Starke Konkurrenz fürs ZMF: Die Indie-Institution The Notwist zu Gast im ausverkauften Jazzhaus. Die Band kommt ohne Ansagen und Starallüren daher, lässt es aber auf unkonventionelle Weise krachen und knarzen. Alex war für fudder am Start.



The Notwist – eine gut fünf Jahre dauernde Ewigkeit ist es her, dass sie, im Kern die Acherbrüder und Martin Gretschmann, auf ausgedehnten Tourneen Musikbewegte vom Sockel gerissen haben. Nun wieder alles von vorne: 6 Jahre nach ihrem Album Neon Golden, das sie unwiderruflich in den Indie-Olymp trug, haben sie Anfang Mai den langersehnten und hymnisch gefeierten Nachfolger The Devil You + Me veröffentlicht – und sich wieder dem Rampenlicht, den Argusaugen der Öffentlichkeit ausgesetzt.


Die Fans riefen und die Band geht ran: „Pick up the phone“, einer der ersten Songs, macht unwiderruflich klar, wer hier auf der Bühne steht. The Notwist sind zurück, und fast durchgängig laufen im Hintergrund die pluckernden Frickel-Beats von Martin Gretschmann aka Console, der seit nunmehr zehn Jahren für die elektronische Abteilung in diesem Bandkosmos zuständig ist.



Gretschmann, ganz dunkle Brille und braune Lockenmähne, hantiert tatsächlich mit umgebauten Wii-Controllern– ganz so, als wären es Rasseln. „Ehrlich gesagt verstehe ich das alles nicht, was der Martin da macht“, hat Bassist Micha Acher einmal gestanden. „Wenn man sich das Ganze mal genauer anschaut, dann versteht man noch viel weniger. Das ist schon wahnsinnig.“ Das dürfte auch den meisten im Publikum so ergangen sein, allerdings tut dies der Sache keinen Abbruch. Im Gegenteil. Fasziniertes Staunen.

Markus Achers Stimme legt sich wie ein melancholischer (Grau-)Schleier auf die Musik, die zwischen weicher Elektronik, krachigem Indierock und melodischem Pop oszilliert. Gerade lullt einen sanfter Indiepop genüsslich und gemütlich ein, da schlägt Markus Acher drei, vier Mal mit der Handkante auf seine Gitarrensaiten ein, und kurz darauf türmt sich eine meterhohe Soundwand aus Gitarrenlärm auf – um schnellstmöglich im Wohlklang der Elektrowolken zu entfleuchen.



Zwischen diesen Polen entsteht eine eigentümliche, fast unbeschreibliche Spannung, die selbst überzeugte Nichtfans in Sekundenbruchteilen zu Anhängern mutieren lassen dürfte. Im schwülen, brechend vollen Jazzhaus wird kaum getanzt, sondern vielmehr offenen Auges gestaunt oder man lässt sich mit geschlossenen Augen dezent davontragen. Indie-Common-Sense auf höchstem Niveau.

Hauptsächlich wühlen und spielen sich die kreativen Weilheimer gekonnt durch die beiden letzten Alben „Neon Golden“ (2002) und „The Devil You + Me“ (2008). Im Vordergrund steht dabei immer die Musik, die Musik und nochmals die Musik. Die Macher verschwinden dabei fast hinter ihren Klangwelten. Das ist als Kompliment gemeint: keine Allüren, keine Posen. Aber auch keine Ansagen.

Ab und an geistert ein Stück der 1998er-CD Shrink („Day 7“) durch den Raum, während das Publikum ganz in Notwist’scher Manier jubelt: sparsam-und-doch-frenetisch. Ein erster Versuch der Notwister, ihr offizielles Programm nach gut 90 Minuten zu beenden, scheitert kläglich am klatschenden Widerstand der Zuschauer.



Ich hätte es den Jungs nicht verübelt, wenn sie – orthodox in ihrer gänzlichen unorthodoxen Bandhaltung erstarrt – auf eine Zugabe verzichtet hätten. Doch wie so oft bei The Notwist kommt alles anders. Genauso, wie sie einem sanft changierenden Chamäleon gleich die Musikstile wechseln und in neue mit filigraner Leichtigkeit hineinzuschlüpfen scheinen, enttäuschen sie die Anti-Erwartungshaltung, die erwartete Anti-Haltung, indem sie irritierende, irisierende 30 Minuten zugeben. Bis die 600 Zuschauer schließlich klein beigeben. Bye, bye, ihr Bayern!

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The Notwist: Website & MySpace

P.S. All jene, die keine Karten bekommen haben oder The Notwist gleich noch mal live erleben wollen, können ihr Glück im Herbst in Straßburg versuchen. Dort spielen die Jungs am Samstag, den 15.11.2008 in der Laiterie. Frühzeitig um Karten kümmern!