Terrorgefahr in Freiburg: An den Orten der Angst

Mitte November warnte Innenminister Thomas de Maizière vor bevorstehenden Terroranschlägen in Deutschland. Und mit den Warnungen kam die Angst an Bahnhöfe, Weihnachtsmärkte und eigentlich an jeden Platz, an dem viele Menschen sind. Wo ist man überhaupt noch sicher? Furchtlose fudder-Autoren haben sich an die Orte der Angst gewagt.



Auf dem Weihnachtsmarkt


Jeder hier ist bewaffnet.
Wer keine Tasse mit brühend heißer Flüssigkeit trägt, hat einen Regenschirm dabei. Vor mir stoppen sie ab, hinter mir schubst was, zur Seite könnte ich überhaupt nicht umfallen; und was war eigentlich das Weiche vorhin unter meinem Schuh? Wahrscheinlich wieder ein Kind. Ich bin auf dem Weihnachtsmarkt.

Heute trage ich meine Arbeitsschuhe. Die mit den Stahlkappen. Ellenbogen, Schirmstupser und Ketchup-Anschläge muss ich abkönnen, aber die Zehen lasse ich mir nicht zertrampeln! So gesehen bin ich auch bewaffnet. Ich Terrorist. Dabei will ich eigentlich nur einkaufen gehen. Doch zwischen mein Zuhause und den Discounter hat Jesus den Weihnachtsmarkt gesetzt. Es geht nicht weiter.

Hier bekomme sogar ich Beklemmung. Was macht dann erst jemand mit Angst vor großen Menschenansammlungen? Das sind wahrscheinlich die Leute, die an eine Bude gelehnt ihre Zwölf-für-Zehn-Glühweingutscheine einlösen.

Aus terrorökonomischer Sicht ist der Weihnachtsmarkt ein Geschenk Gottes. Eine Bombe würde hier einiges reißen, natürlich. Aber warum in Technik investieren, wenn vermutlich einmal laut „Feuer!“ schreien für eine Massenpanik reicht?

Was gar nicht zu wirken scheint: Keime. Gegen biologische Waffen wie Kolibakterien sind die meisten Freiburger immun. Die kaufen ja auch ihr Essen dreckig vom Biobauern. So haben sie ihre Mägen abgehärtet. Die vom SWR gemessenen Bakterien wurden deshalb aus den Glühweinbechern wieder abgezogen. Und außerdem: Bioterror, das ist sooo 2000-er! [Martin]

 

Am Hauptbahnhof

Nach den Terrorwarnungen unseres Innenministers wurden vor allem an neuralgischen Punkten wie Bahn- oder Flughäfen die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. Drei Wochen nach den Warnungen ist davon aber am Freiburger Bahnhof nichts zu sehen: Keine Polizei, keine Bahnhofs-Security. Ist das ein Grund zur Entspannung? Wahrscheinlich schon. Doch der Bahnhof hält leider eine ganze Menge potenzieller Sprengstoffversteckmöglichkeiten bereit und wartet außerdem mit vorweihnachtlichen Schreckensszenarien auf.

So zum Beispiel auf Gleis fünf: Plötzliche Aufregung unter einer Gruppe von Nikolaus-bemützten Schülern. Ihr hysterisch-pubertäres Gekreische vermischt sich mit vereinzelten Jubelrufen. Was ist da passiert? Haben sie etwa die Sprengung einer vermeintlichen Kofferbombe bewirkt? Ist gar jemand verletzt worden? Doch die Entwarnung folgt sofort: Der Lehrer ist am Bahnsteig eingetroffen und wird nun von den angetrunkenen Jugendlichen überschwänglich begrüßt.

Auch vor Ort: die NGO-Promoter, die sich nun von der kalten KaJo in den warmen Hauptbahnhof verzogen haben und diesen als neuen Punkt zur Kundenakquise nutzen. Die blauen Nikolaus-Mützen auf ihren Köpfen machen mir dabei mehr Angst als jede Terrorwarnung. Und warum sollte man eigentlich überhaupt Angst haben? Die Bahn macht es schließlich vor: Keine Ansagen zu herrenlosen Gepäckstücken auf dem Bahnsteig mehr, keine Informationszettel in den Schaukästen – wie noch vor einer Woche – und eine Bahnmitarbeiterin am Service Point, die mir offenbar keine Informationen darüber geben darf, ob die Polizei zur Vereitlung von Terroranschlägen nun vermehrt eingesetzt wird. Bei mir stellt sich Entspannung ein: Eigentlich ist doch alles total sicher hier...

Doch dann: ein herrenloser Koffer auf Gleis eins – direkt vor dem Eingang eines Bäckers abgestellt, stören sich die Passanten mäßig bis gar nicht an ihm. Ich warte daneben, will wissen ob der Freiburger Bahnhof heute doch noch Ziel eines terroristischen Anschlags wird. Aber auch hier: schnelle Entwarnung – die Besitzerin hat sich nur eine Brezel gekauft.


Ich schlendere durch den Bahnhof, schaue mich paranoider Weise nach möglichen Verstecken von Bombenlegern um und werde direkt im Erdgeschoss fündig: Dort steht eine Weihnachtskrippe – allerdings ohne Jesuskind. Unter dem Stroh in der Krippe bliebe eine Bombe sicherlich eine Weile unerkannt. Und auch die Snack-Stationen, Gepäckschließfächer, Mülleimer und Aschenbecher an den Gleisen lassen den Terror-ängstlichen Menschen erschaudern.

Doch unter den Fahrgästen scheint eine Befürchtung größer zu sein als die wage Angst vor einem terroristischen Anschlag: Am Service Point drängen sich aufgeregte Fahrgäste, die eine Rückerstattung ihres Ticketpreises fordern. Es wird klar: Im Winter ist die Angst auf den Gleisen unmittelbarer Art und bezieht sich dabei vornehmlich auf die üblichen Bahnpannen wie Zugausfälle oder Verspätungen. Und das kennen wir ja schon aus dem letzten Jahr – also: keine Panik! [Fanny]

 

Im Kagan


Es ist Freitagabend, 23:16 Uhr.
Ich habe mich auf eine lange Schlange und mindestens zehn Minuten Wartezeit eingestellt. Stattdessen treffe ich lediglich auf den Türsteher, der mich nicht einmal beachtet. Er ist im Gespräch mit einer Dame. Wenn er  die restlichen Besucher genau so kontrolliert hat, dann muss man mit allem rechnen.

Ich nehme all meinen Mut zusammen und fahre in den 17. Stock ins Kagan. Die Fahrstuhltür öffnet sich. Laute Musik schallt mir entgegen. Feuer!  Nein, keine Panik,  nur ein Feuervideo, das über Großleinwand läuft - cool. Ich kann den Terror förmlich riechen. Meine Augen und Ohren wissen bereits seit dem 17. Stock, was Terror ist. Die Bar im Visier versuche ich mich von meinen Ängsten abzulenken. Mit einem Glas Sekt setze ich mich auf einen Barhocker und konzentriere mich darauf, den einzigartigen Ausblick zu genießen. Schneebedecktes Freiburg bei Nacht.



Alle Romantik wird erneut von meinen Ängsten überschattet. Hier oben bin ich einem Luftangriff völlig ausgeliefert. Meine Gedanken kreisen um die Bilder des 11. September. Was wenn das Kagan ausgerechnet heute Abend Ziel eines Terroranschlags werden sollte? Ich exe mein Sektglas und begebe mich ein Stockwerk höher. Tanzen sollte mich ablenken. Vergebens versucht mein Körper in den Rhythmus einer Houseversion von Löwenzahn zu kommen.

Plötzlich steigt Nebel auf. Ein Gasangriff? Nein, die Masse aus dem Freiburger Umland tanzt vergnügt weiter. Nur die Nebelmaschine - cool. Wieder suche ich Halt an der Bar. Mit einem neuen Glas Sekt in der Hand lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Er bleibt an zwei damenlosen Handtaschen hängen, die neben der Tanzfläche stehen. Mir fällt der unaufmerksame Türsteher wieder ein. Was, wenn jemand eine Bombe direkt hierher ins Kagan geschmuggelt hat?



Ich gehe das Horrorszenario in Gedanken durch. „Aufzug im Brandfall nicht benutzen“. 18 Stockwerke zu Fuß – nicht mit mir!  Bevor ich herausfinde, wem die beiden Handtaschen gehören, siegt meine Angst vor dem Terror und meine Vernunft. Ich exe mein zweites Glas Sekt, gehe zum Aufzug und fahre hinunter. Erst nachdem ich einige hundert Meter vom großen Turm entfernt bin, fühle ich mich endlich wieder sicher. [Anna-Lena]

 

Am Schluchsee

Der Schluchsee hat sich verändert: Kampftaucher schützen den Seeraum rund um die Uhr, an den Ufern patroullieren Bundeswehrtruppen in Spähpanzern. Innenminister Thomas de Maizière hat zum ersten Mal konkret vor einem Anschlag durch radikale Islamisten gewarnt. Wenn der besonnene de Maizière eine Warnung ausgibt, Jesses nai, sagen viele hier oben, dann muss was dran sein, und meiden die Plätze von sogenannter symbolischer Bedeutung, die Islamisten als Ziele in Erwägung gezogen haben könnten: Aha, Unterkrummen, Seebrugg, auch Blasiwald.

 



Schluchsees Bürgermeister Jürgen Kaiser sieht die Gefahr von oben kommend: "Wir gehen davon aus, dass afghanische Kamikazepiloten den Schluchsee ganz bewusst als Terrorziel ausgewählt haben. Einfach, weil dann hinterher überhaupt nichts mehr da wäre, außer Wasser", so Kaiser in einem unautorisierten Interview mit dem Schwarzwälder Boten.

Die Terrorangst geht so weit, dass sich mittlerweile kein einziger Badegast mehr blicken lässt. Auch die Wassersportler haben sich aus Furcht vor Anschlägen vollständig vom Schluchsee zurückgezogen. Kein einziges Tretboot weit und breit, von Seglern ganz zu Schweigen. Der Schluchsee verströmt eine düstere, diabolische Atmosphäre. Nachts, so munkeln die Dorfweiber, würde der Teufel drunten am Seegrund die Glocken läuten, in der Kirche, die dort immer noch steht. [David]

Am Wasserschlössle

Tief im Sternwald, hoch über der Stadt, liegt der geheime Wasserbehälter halb in den Fels eingegraben. Hier drin plätschert das Trinkwasser für den Freiburger Osten. Wer unbedarft durch den knirschenden Schnee vorbei stapft, wird durch blaue Wasserschutzgebiet-Schilder und Zäune stutzig gemacht. Bald steht er vor einer steilen Burgfassade, die vor gefährlichen Schießscharten und Zinnen strotzt. Wenn ich Terrorist wäre, der es auf die Freiburger Wasserversorgung abgesehen hat, würde ich mich vor Angst jetzt einnässen.



Oder auch nicht.

Das Wasserschlössle ist natürlich nicht geheim und versteckt, sondern zum Ankucken gebaut. Nachts wird es sogar angestrahlt. Der Rücken des Wasserbehälters ist abgesperrt mit so einer Art Gartenzaun. Lüftungstürmchen ragen wie Pilzstängel aus dem Boden.

Im Schnee: Fußspuren! Ist etwa jemand Unbefugtes in das Wasserschutzgebiet eingedrungen? Ich kann zumindest nicht erkennen, ob er einen Koffer hat stehen lassen. Jetzt bin ich schon besorgt! Sind diese Lüftungstürmchen direkt mit der Wasserkammer verbunden? Die fasst ein Zehntel von Freiburgs täglichem Verbrauch. Was könnte ein Terrorist anrichten, der hier ein Röhrchen Milzbrand einflößt? Oder ein verirrter Sternwaldsäufer, der über den Zaun steigt und einem Bedürfnis nachgibt? Ganz ehrlich: Für beide Terrorakte ist es einfach zu kalt. Mit meinen steifen Fingern könnte ich jetzt keine Röhrchen bedienen.

Und reden wir erst mal über den Geschmack des Leitungswassers, das wir den Freiburgern westlich vom Bahnhof zumuten: Das ist ein Fall von struktureller Gewalt! [Martin Jost]'

Mehr dazu:

[Bild: Dominic Rock, Fanny (2), Anna-Lena (2), David, Martin Jost, Teaser: Fotolia]