Telefon, City-Guide, Internet: Benutzt jemand die Multifunktionssäulen in der Innenstadt?

Leonard Wölfl

Große Werbetafeln sinnvoll nutzen: Diesem Konzept will die Wall AG mit ihren "Multifunktionssäulen" folgen, die mit kostenlosem Internetzugang, Schadstoffanzeigen und vielem mehr ausgestattet sind. Doch wer nutzt diese Portale überhaupt noch, in einer Zeit, in der jeder per Smartphone ins Internet kann? fudder-Autor Leonard Wölfl hat die modernen Litfaßsäulen einen Vormittag lang beobachtet.



11 Uhr, Stadttheater: Man muss nicht lange warten, bis die hole Dreieckssäule Besuch bekommt: Ein Mann in kaputter Lederjacke geht hinein, tappst eine halbe Minute auf dem Bildschirm herum und kommt wieder heraus. Er fragt einen Passanten, ob er ein bisschen Kleingeld für ihn habe. Eine Viertelstunde später kommt er noch einmal zurück, bleibt ein bisschen länger, aber scheint wieder erfolglos wegzugehen.


Er bleibt der einzige Besucher in einer halben Stunde. Wenn man die Medienzelle selbst einmal ausprobiert, braucht man für eine E-Mail rund zehn Minuten. Der Touchscreen ist kaputt, und die Navigation mit dem Metallball als Maus ist nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern auch unangenehm und zeitintensiv.

Nicht weit entfernt steht eine andere begehbare Litfaßsäule, auch sie ist leer. Direkt daneben: eine Telefonzelle - obwohl man in der Litfaßsäule theoretisch auch kostenlos telefonieren kann. Die Luftmessungswerte hier vorm Colombischlösschen sind übrigens dieselben, die auch am Stadttheater angezeigt wurden. Fast niemand schenkt ihnen Beachtung.

Drei Touristen orientieren sich an einem Stadtplan auf einer offiziellen Info-Tafel – wäre es ihnen zu eng oder wissen sie gar nicht, dass es im bluespot-Kasten auch eine eingebaute Google-Maps-Funktion gibt? Diese ist übrigens gut mit den anderen Funktionen verknüpft: So kann man sich beispielsweise nach dem Durchlesen eines News-Artikels über eine neue Ausstellung im Colombischlösschen auf der Karte zeigen lassen, wo dieses liegt.

Jemand kommt aus der Telefonzelle heraus. Er wirkt, als wäre er nicht lange drin gewesen, wahrscheinlich hat er nur nach Wechselgeld gesucht. Nach weiteren zehn Minuten geht ein 40-Jähriger in die Werbesäule, das Fahrrad, mit dem er gekommen ist, mit Lidl-Taschen beladen. Er hat den aktuelle Wetterbericht nachgeschaut.

Auch am Busbahnhof kann man das. Es ist 13 Uhr; hier funktioniert der Touchscreen, was es deutlich erleichtert, Texte zu schreiben, im Netz zu surfen und insgesamt das Gerät zu bedienen. Unter Verrenkungen schafft man es, eine Nummer einzugeben und gleichzeitig den Hörer aus der Halterung zu ziehen. Nur, eine Verbindung kommt nicht zustande.

Es fängt an zu regnen. Ein circa 30-jähriger Mann und seine weibliche Begleitung gehen in die bluespot-Säule, allerdings nur kurz, um sich unterzustellen; prüfend streckt der Mann seine Hand ins Freie. Als der Regen leichter wird, gehen sie schnell weiter.

50 Meter weiter steht schon das nächste Portal: direkt vor dem Eingang des Hauptbahnhofs. Hier betragen die Werte für Ozon 73 statt 71 µg/m³, die von Stickstoffdioxid sind dagegen leicht gesunken. Es ist zwar weder demoliert noch zugemüllt – nur eine kleine leere Plastiktüte liegt auf dem Boden –, doch das bluespot-Portal bleibt zu jener Tageszeit verweist.

Am Siegesdenkmal wie am Bertoldsbrunnen: Niemand scheint sich für die Werbetafel mit kostenlosem Zugang zum Netz zu interessieren. Eine ordentliche Telefonverbindung aufzubauen, gelingt auch hier nicht.

Vielleicht liegt es daran: Zwar gibt es gute Funktionen wie Internet, Mail, Maps, Freiburg-Guide mit Sehenswürdigkeiten – alles kostenlos. Doch die Bedienung ist zu unhandlich, um Passanten zum Stehenbleiben zu bewegen. Touristen wissen nicht, welche Möglichkeiten die modernen Litfaßsäule bieten, und Leute, die oft mobil ins Internet gehen, haben für so was schon eine Smartphone-Flat.

Die Idee scheint weitgehend ungenutzt zu bleiben, und auch der Umstieg auf eine neue Software, die auch als Smartphone-App angeboten wird, scheint daran nicht viel geändert zu haben: Mit einer durchschnittlichen Bewertung von 2,8 (von 5) Sternen bei Android-Nutzern und 4 von 5 bei Apple-Usern kommt diese nur mittelmäßig an, auch wenn sie einige interessante Funktionen liefert. Übrigens kann man nicht nur an den vier Meter hohen Dreieckssäulen surfen und mailen, sondern auch an den etwas niedrigeren trapezförmigen Plakatwänden.

Aber warum gibt es denn so viele dieser Geräte, die bestimmt teuer sind und Strom wie auch Bandbreite verbrauchen? Die Wall AG stellt die bluespot-Terminals auf Wunsch auf; die Kosten finanziert sie durch die Werbung. Ob unsere Beobachtungen täuschen und die Säulen abseits unserer Blicke rege genutzt werden, konnte die Wall AG uns nicht mitteilen. Die Evaluation sei kompliziert und laufe gerade noch. Zahlen gäbe es noch keine.  

Zum Autor

Leonard Wölfl, 15, hat ein c't-Abo und weiß, was ein Voxel ist. Er besucht zurzeit das Friedrich-Gymnasium und hat April 2013 ein Praktikum bei fudder gemacht.

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