Tausendfach verkauft, aber wenig genutzt: Wie erfolgreich ist der Freiburg-Cup tatsächlich?

Anna Ebach, Hanna Strub, Elena Stenzel & Julia Dreier

Der Freiburg-Cup hat weltweit Wellen geschlagen – die erste Auflage war direkt ausverkauft. Rund 15.000 Becher sind ausgeliefert, im März kommen weitere 10.000 dazu. Dennoch ist auf Freiburgs Straßen kaum ein Kaffeetrinker mit dem Pfandbecher zu sehen. Woran liegt das?

Seit rund 100 Tagen können Freiburger ihren Coffee-to-go in Pfandbecher abfüllen lassen. Umweltbewusst, grün, nachhaltig: Das weltweit erste, stadtweite Pfandsystem für den Kaffee auf die Hand der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg GmbH (ASF) hat alles, was Freiburg ausmacht. Möchte man meinen. Vielleicht steht es aber auch nur für das, wie die Stadt sich gerne sieht. Denn zu sehen ist von den Cups im Alltag kaum etwas. Zumindest ist das der Eindruck unserer Redaktion. Dabei waren die gelblichen Becher mit dem umstrittenen Design doch ruckzuck ausverkauft! Wo sind sie hin? Als Staubfänger daheim im Regal gelandet?


Doch der Eindruck mag täuschen. Deshalb waren wir auf Freiburgs Straßen unterwegs und haben uns vor Cafés und Bäckereien herumgetrieben, die den Freiburg Cup im Angebot haben. Immerhin sind das mittlerweile 70 Läden in der Innenstadt und den angrenzenden Stadtteilen, wie ASF-Chef Michael Broglin sagt.
Wer bietet den Freiburg Cup an? Die Liste der Anbieter gibt’s hier.

Die Stichproben:

Wir haben vor zehn Cafés und Bäckereien jeweils eine halbe Stunde lang beobachtet, wer mit einem Kaffee im Pappbecher rauskommt, und wer mit einem Freiburg-Cup. Beim Café Aspekt in der Bertoldstraße stand es dabei 7:0 für den Wegwerf-Pappbecher.

Beim Café Marcel im Stadtgarten gingen auf Nachfrage am gesamten Tag 23 Coffee-to-go über die Theke. 2 davon in Freiburg-Cups. Die Pfandaktion an sich findet Betreiber Philip Weller cool, aber: "Richtig rund läuft das System noch nicht, ich glaube, das liegt auch am Design." Obwohl seine Mitarbeiter bei jedem Verkauf eines Kaffees auf die Hand für den Cup werben. "Aber nur ganz wenige geben ihren eigenen Becher zurück", sagt Weller. "Ich gehe ja davon aus, dass bald mal Berge an Bechern zurückgehen, die bislang irgendwo zu Hause rumstehen. Denn: Wer benutzt den schon zu Hause?"

"Es ist ein bisschen umständlich." Delia Fels
Beim Café Wilhelm Moltke in der Moltkestraße geht in der halben Stunde gar kein Coffee-to-go über die Theke. Das System läuft auch hier noch nicht ganz rund: Die Becher sind hier gerade aus, weil die meisten Kunden sie mitnehmen und dann woanders oder gar nicht mehr abgeben, vermutet Mitarbeiterin Delia Fels. Sie sagt: "Den Grundgedanken finden viele gut, aber es ist ein bisschen umständlich." Auch sie meint: Das Design ist ein Minuspunkt.

Bei der Bäckerei Pfeifle in der Talstraße steht es 1:1. Dieser Freiburg-Cup wurde genommen, nachdem die Verkäuferin darauf hingewiesen hatte. Dort heißt es: "Am Anfang war's ein Hype, jetzt läuft’s nicht mehr so." Am Anfang seien die Leute sogar gekommen, um sich auch ohne Getränk einen Becher zu kaufen. In der Filiale in Oberlinden soll es besser laufen, dorthin kämen auch viele Kunden mit Bechern.

Wie sich während des Tests herausstellt, gibt es jedoch drei Varianten, in denen das System teilweise aufgeht.

Variante 1: Die Geschäfte

Im Bermuda Café in der Universitätsstraße steht es in der halben Stunde Testzeit 2:1 für den Wegwerfbecher. Den Punkt für den Freiburg-Cup gibt es durch die Mitarbeiter des Reisebüros nebenan: Drei Pfandbecher gibt es in ihrer Filiale, die ab und zu zum Einsatz kommen. Der Betreiber des Bermuda Cafés, Volkan Etlacakus, hat die Becher noch gar nicht herausgeholt, weil er "nicht so überzeugt von dem Pfandsystem" ist. Hinzu komme, dass nur zwei Getränke von seiner Karte in den Cup passen. Das will die ASF ändern, und bald ein größeres Modell einführen. Die Zahl der Leute pro Woche, die ihren Cup auffüllen lassen, könne man "an einer Hand abzählen", so Etlacakus.

"Ich möchte nicht erst meinen Becher waschen, um ihn dann in der Tasche mitnehmen zu können." Gesine Schrammel
Die Variante, die Cups im Büro oder dem Geschäft aufzubewahren, und dann damit Kaffee holen zu gehen, scheint zu funktionieren – wenn keine Kaffeemaschine vorhanden ist. Die Mitarbeiter des Boardshop Freiburg haben einen Stapel der Freiburg-Cups gesammelt, einer schnappt sich dann die Becher und holt für sich und die Kollegen Kaffee, erzählt Geschäftsführerin Gesine Schrammel. "Das klappt super. Allerdings würde ich sonst den Becher nicht in der Handtasche herumtragen, nur für den Fall, dass ich eventuell einen Coffee-to-go will." Warum? "Der Becher braucht Platz und außerdem ist er ja dreckig. Im Laden ist das kein Problem", erklärt Schrammel, "da trocknet der Kaffee halt fest. Der Cup wird dann im Café gewaschen. Aber ich möchte nicht erst meinen Becher waschen, um ihn dann in der Tasche mitnehmen zu können. Es ist einfach ein wenig umständlich."

Allerdings: Das öko-bewusste Kaffeeholen habe schon seine Außenwirkung, meint die Boardshop-Chefin: "Wenn andere Leute neben mir Kaffee auf die normale Weise bestellen, kommt dann oft ein verschämtes: Ich nehme dann mal den umweltverschmutzenden Pappbecher." Was am Cup verbesserungswürdig ist? Auf jeden Fall das Design, findet Gesine Schrammel. "Schön ist halt anders."

Variante 2: Die Studierenden

Bei Kaisers Gute Backstube in der Bertoldstraße laufen die Freiburg-Cups sehr gut – nur wieder nicht ganz so, wie es das System vorsieht. Denn: Zurückgegeben werden die Becher selten. Wer sie zurückgibt, sind laut Verkäuferin Janine in der Regel Studenten der nahegelegenen Uni. Auch vom Nachbargeschäft kommen Mitarbeiter, um sich Kaffee zu holen. Doch der Grund, warum die Cups schon zweimal ausverkauft waren, scheint ein anderer zu sein: Der Freiburg-Becher ist bei Touristen beliebt. "Die kaufen dann immer in großen Mengen, bis zu sieben Becher auf einmal", schätzt die Verkäuferin. Oft sind das Touristen aus Deutschland, die schon von dem Becher gehört haben und ihn als Geschenk oder Souvenir kaufen.

"Ein bisschen schöner sollte der Becher sein, das sieht einfach zu öko aus." Janine von Kaisers Gute Backstube
Was würden die Verkäuferinnen verbessern? "Ein bisschen schöner sollte der Becher sein, das sieht einfach zu öko aus", meint Mitarbeiterin Janine. "Und der Plastikdeckel macht keinen Sinn, wenn man schon einen umweltfreundlichen Becher will, geht das nicht mit Plastikdeckel."

Variante 3: Die Pendler

Am Bahnhof hat neben dem Markt am Gleis in der Unterführung nur das Les Gareçons (das allerdings bald schließt) die wiederverwendbaren Cups im Angebot. Nur die stehen noch im Lagerraum. Dennoch: Wer will, kann sich hier seinen Freiburg-Cup auffüllen lassen. Am Morgen kommen vor allem Pendler, die sich ihre Becher befüllen lassen. In der Regel sind das Stammkunden. Manche kommen nochmal am Abend für einen Kaffee für die Heimfahrt vorbei.

Sowohl beim Café Schmidt in der Bertoldstraße, beim UC Café in der Niemensstraße und dem Café Senkrecht im Uni-Innenhof kamen weder Menschen mit Papp- noch mit Pfandbecher heraus. Im Café Senkrecht hieß es aber, dass es mit dem Freiburg-Cup sehr gut laufe, und dass noch mehr Cups nachbestellt werden sollen. Laut Studierendenwerk, das die Cafés an der Uni verwaltet, sind momentan 2400 der gelblichen Plastikbecher in allen Cafés und Caféterien im Umlauf. Auch die Uniklinik hat vor kurzem den Mehrwegbecher ins Konzept aufgenommen und bringt in den zehn Cafeterien 1400 Cups in Umlauf.

Unbeliebtes Design: Es gibt Hoffnung

ASF-Chef Michael Broglin sieht hauptsächlich zwei Gründe dafür, dass das neue Pfandsystem noch hakt: "Das System ist erst drei Monate alt und muss erst noch im Bewusstsein der Freiburger verankert werden." Gewohnheiten müssen sich ändern. Das kann dauern. Außerdem, meint Broglin, stehe und falle das Konzept mit dem Thekenpersonal: "Da muss aktiv beraten und die Kunden über die umweltfreundliche Alternative aufklären." Die ASF lädt die Anbieter demnächst ein, um sich Feedback einzuholen. Für diese sind bislang keinerlei Anschaffungskosten angefallen. Die hat laut Dieter Bootz von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Freiburger Abfallwirtschaft die ASF selbst übernommen. Die beteiligten Betriebe müssten allerdings das Pfand gesondert verbuchen und gegebenenfalls an die ASF zurückerstatten. Das genaue Procedere sei noch nicht geklärt.Bootz findet es schade, wenn die Becher privat genutzt und nicht wieder in Umlauf gebracht werden: "Das schadet natürlich dem System."

"Wir hoffen, dass es bald Alternativen für das Design gibt." Michael Broglin
Hoffnung besteht übrigens in Hinblick auf das umstrittene Design: Zum Start des Projekts habe es eben nur diesen einen Hersteller gegeben, der die Qualität des Cups gewährleisten konnte – und dass die herkömmlichen Deckel darauf passen. "Die deutsche Kunststoffindustrie ist jetzt auf das Projekt aufmerksam geworden", sagt ASF-Chef Broglin. "Wir hoffen, dass es bald Alternativen für das Design gibt. Da habe ich meine Leute darauf angesetzt."

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