Tanzstile – eine Typologie

Johanna Schoener

Trittst du anderen auf die Füße? Drehst du dich im Kreis? Bist du taktlos? Tanzt du mit Herz oder wackelst du lieber mit der Hüfte? Tanzstile verraten etwas über den Menschen. Eine Typologie frei nach dem Motto: "Zeig mir wie du tanzt und ich sag dir wie du bist."



Freitag abend, ich will tanzen! Also rein in die bequemen Turnschuhe und ins schweißflecken-resistente Shirt und raus ins Wochenendgetümmel. Musikstil egal, Hauptsache tanzbar. „Mist! Tanzfläche leer“, denke ich, als ich ankomme. Ich stehe an der Theke, halte mich am Bier fest und warte darauf, dass jemand die Anfangshemmung bricht. Zum Glück gibt es dafür die


Drei Hüpfmädels

Hüpfmädels treten meistens im Rudel auf. Vom Style her unterscheiden sie sich kaum – momentan gern in Retromöhre mit goldenem Gürtel oder Haarreif. „Zusammen sind wir stark“ denken sie und hüpfen beim ersten Lala-Frauen-Pop-Lied auf die Tanzfläche. Wie ihr Name schon sagt, hüpfen sie herum, ein bisschen verhalten anfangs, ein bisschen sexy später, aber nicht zu sehr. Alles eher zum Spaß. Nicht zu stark auffallen und bloß nicht in Tanztrance verfallen. Außerhalb des Tanzbodens sind Hüpfmädels nett und ungefährlich. Richtig spannend wird es mit ihnen selten, aber das macht nix, weil sie so nett sind. Fast schon hätte ich mich zu ihnen gesellt, doch da wird die Musik ruhiger, gitarrenlastiger.

Der melancholische Grunger

steckt in den Startlöchern. Vom Rand der Tanzfläche nähert er sich vorsichtig dem Rhythmus. Ein Bein nach vorn, eins zurück, der Oberkörper wiegt leicht mit. Mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf findet er den Takt und verliert sich darin.

Was die Leute von seinem Tanzstil halten? Egal! Er fühlt nur die Musik. Melancholiche Grunger sind häufig introvertierte, empfindsame Menschen. Sie können besser zuhören als von sich erzählen und tauen nur langsam auf, gehören dann aber zur Sorte treuer Freund. Percussionklänge, schnell füllt sich die Tanzfläche. Ich verlasse die Sicherheit der Beobachterposition und bewege mich in Richtung Tanzgeschehen. Gerade erst finde ich den Rhythmus, da kommt mir    

Der Ausdruckstänzer

in die Quere. Das darf man ihm nicht übelnehmen, denn offenbar hat er seinen Körper nicht mehr in der Gewalt. Der Typ ist ziemlich egozentrisch und tritt dadurch nicht nur im übertragenen Sinne anderen Menschen auf die Füße. Tanzen bedeutet für ihn Meditation und Befreiung. Tanzen als Ausdruck von Gefühlen, wie sein Name schon sagt. Dazu gehören auch solche der negativen Sorte wie Aggressionen. Unkontrolliert biegt sich sein Rumpf, während die Beine scheinbar willkürlich bedrohliche Tritt-Schritte ausführen. Ich tänzel vorsichtshalber ein Stück von ihm weg und schiele ängstlich auf die nackten Füße der 

Hippie-Tanztante.

Glühende Zigarettenkippen, Bierpfützen und Glasscherben? Für die Hippie-Tanztante kein Grund die Schuhe anzulassen. „Damit das Tanzen mich erdet, muss ich den Boden unter meinen bloßen Füßen spüren“, sagt sie, lächelt entrückt und bändigt ihre langen Locken mit einem Filz-Blumen-Haargummi. Ihre schwingenden Arme sehen eher so aus, als wolle sie gleich fortfliegen. Bodenhaftung stelle ich mir anders vor, denke ich. Aber bodenständig ist die Hippie-Tanztante ja auch sonst nicht, eher ziemlich durchgeknallt. Ihre fließenden Bewegungen, die westafrikanische Tanzelemente zu imitieren scheinen, sind mir jedoch allemal lieber als die Show, die...

Die Möchtegern-Sexbombe

...dahinten schon seit einer ganzen Weile abzieht. In knappem Shirt (wieso hat die keine Schweißflecken?) und knallenger Hose wackelt sie lasziv mit allem, was wackeln kann. Sie sieht aus, als würde sie ein MTV-Trash-Hiphop-Video performen. Zugegeben, es regt mich auf, dass ihr Auftritt zieht und auch ich mit einer Mischung aus Neid und Verachtung zuschaue. Von allen Seiten wanzen sich die Typen ran. Andererseits: macht es wirklich Spaß nur für diese Idioten zu tanzen, statt für sich selbst? Ihr anscheinend schon.

Auch sonst steht sie gerne im Mittelpunkt und ist abhängig von männlicher Aufmerksamkeit und der Dorn im Auge einer jeden Frau. Naja, mal gucken, ob sie auch das nächste punkigere Lied durchhält. Denn in ihrem Rücken legen...

Die Pogo-Kumpels

...los. Ich habe ja den Verdacht, dass das Pogen eher eine Verlegenheitslösung für tänzerisch Minderbegabte ist. Früher hatten die Pogo-Kumpels wenigstens mehr oder weniger kreative Band-Shirts an, heutzutage ist eher Einheits-Kapuzenpulli angesagt. Beim Prosten und Rempeln spritzt das Bier der Pogos auf das Oberteilrosa der Möchtegern-Sexbombe und um die Füße der Hippie-Tanztante wird es feuchter. Die Pogo-Kumpels gehören zu den Menschen, die sich in der Gruppe stark fühlen und allein niemals das Tanzbein schwingen würden. Zu fortgerückter Stunde können sie unangenehm werden – zumindest, wenn man tanzen will. Der richtige Moment für mich, eine Pause einzulegen. 

Mit den beginnenden Drum’n’Bass Rhythmen verschwinden die Pogo-Kumpels. Auch die anderen Typen verschwimmen zu einer Masse aus zuckenden Füßen und rudernden Armen. Ich kehre zurück in dieses Konglomerat beatbrechender Bewegungen. Ob Mitwipper, Kopfnicker, Fußwackler, Taktlose oder Tanzbären – je länger die Nacht, desto mehr ist jeder bei sich und umso verrückter wird der Tanzstil. Von uns allen.