Taktikfuchs: Wie schlagen wir Argentinien?

Hanno Riethmüller

Unser Taktikfuchs Hanno hat sich eingehend mit der Frage beschäftigt, wie Deutschland am Samstag die Argentinier im WM-Viertelfinale besiegen könnte: Wo liegen die Schwächen von Messi und Co? Und wäre es ratsam, gegen dieses torgefährliche Team das System umzustellen?



Bei der WM 2002 haben drei 1:0-Siege über die Fußballriesen Paraguay, USA und Südkorea Deutschland ins Finale gebracht. Ein Paradebeispiel für den vielzitierten Dusel, den Deutschland oft schon bei großen Turnieren hatte.


2010 sieht’s ähnlich leicht aus. England im Achtelfinale mit Schiedsrichterbestechung rausgehauen und im Viertelfinale gegen Argentinien reicht ja bekanntlich ein Unentschieden, siehe 2006. Spanien hat es noch nie ins Halbfinale geschafft, daher wartet da eher wieder das Leichtgewicht Paraguay. Im Finale dann Holland – easy going.

Nein, im Ernst. Nach leichten Gegnern und Dusel sieht’s diesmal nun wirklich nicht aus. England ist überstanden, Argentinien, Spanien und Holland oder Brasilien stehen eventuell noch bevor. Das sind alles taktisch verdammt gut geschulte Mannschaften, und da, fürchte ich, könnte die Achillesferse des deutschen Teams liegen. Nicht, dass die deutschen Fußballer taktisch nicht gut geschult wären, aber die Schwächen sind für clevere Gegner leicht auszurechnen, was schon Serbien zumindest teilweise vorgeführt hat. Australien und Ghana haben ihre Angriffe fast immer durch die Mitte laufen lassen. Das kommt dem starken defensiven Mittelfeld und dem (zumindest rechten) Flügelspiel der Deutschen entgegen. Serbien hat sich mit der linken Abwehrseite eine vermeintliche Schwäche der deutschen Mannschaft ausgesucht und gezielt ihre Taktik darauf ausgerichtet – mit Erfolg. England hatte ich taktisch eigentlich sogar noch mehr zugetraut als den Serben – offensichtlich zu Unrecht.

Ich würde es gegen Deutschland mit einem 4-3-3 System versuchen. Wichtig wäre dabei, die drei Mittelfeldspieler sehr zentral agieren zu lassen, um Özil keine Freiräume zu gönnen und Podolski an seinen gefährlichen Fernschüssen zu hindern. Podolski zieht meistens früh zur Mitte und entzieht sich damit der Zuständigkeit des rechten Verteidigers. Diesem bietet sich dadurch viel Platz auf der rechen Außenbahn, um sich in die Offensive einzuschalten und die schwächere Verteidigungsseite der Deutschen zu beschäftigen.



Mit zwei echten Flügelstürmern könnten viele Flanken in den deutschen Strafraum segeln. Da hat die deutsche Defensive in der Zuordnung und bei Kopfbällen schon gelegentlich Schwächen gezeigt. Außerdem werden die deutschen Außenverteidiger – vor allem Lahm - weniger zu eigenen Vorstößen kommen. Das würde Müller die notwendige Unterstützung bei seinen Flügelangriffen und damit der deutschen Offensive eine große Stärke nehmen.

Die schlechte Nachricht ist: Argentinien spielt normalerweise 4-3-3!   Die gute Nachricht ist: Die argentinischen Stürmer sind alles keine Flügelstürmer!

Messi spielt zwar rechts, zieht aber immer zur Mitte und geht nie außen bis zur Grundlinie durch, um eine Flanke zu schlagen. Ebenso Teves, nominell auf der linken Seite, spielt aber eigentlich mehr hängende Spitze. Insofern sind von den Argentiniern zumindest in der Offensive wohl keine Überraschungen zu erwarten.

Klar, das alles weiß Jogi Löw natürlich auch und viel besser als ich. Und er wird ein Konzept haben, wie auf taktische Spielereien der Gegner zu reagieren sein wird. Vor dem Englandspiel hätte ich mir mal eine Abwechslung im deutschen Spielsystem gewünscht. Eben, um weniger berechenbar zu sein. Vielleicht die Doppelsechs auflösen und stattdessen ein zweiter offensiver Mittelfeldspieler, und/oder ein linker Mittelfeldspieler, der an der Außenlinie durchgeht oder eine Flanke in den Strafraum bringt. Konkret könnte ich mir da ein 4-1-4-1 System vorstellen, zum Beispiel mit Kroos neben Özil und Jansen im linken offensiven Mittelfeld. Kroos kann sehr gefährlich aus der zweiten Reihe abziehen, würde das spielerische Element der Offensive weiter verstärken und könnte bei den bisher schwachen Standardsituationen für eine Verbesserung sorgen. Jansen geht gerne an der Außenlinie lang, kann aber auch zur Mitte ziehen und die linke Defensive gut unterstützen. Beim HSV hat er in dieser Saison auch gezeigt, dass er durchaus torgefährlich ist.

Aber der große Erfolg des bewährten Systems beim 4:1 gegen England hat überzeugend verdeutlicht, dass ein Systemwechsel nicht notwendig war und wohl auch gegen Argentinien eher nicht sein wird. Die Argentinier haben ihre Schwächen sicherlich in der Defensive, dagegen ist die Offensive überragend. Wie bereits erwähnt, kommt die Spielweise der offensiven Leute dem bisherigen deutschen System aber eher entgegen.



Über die Verteidigung der Argentinier ist wenig Schlüssiges zu sagen. Sie ist im bisherigen Turnier kaum mal richtig unter Druck geraten. Mexiko hat es mit vielen Fernschüssen probiert. Das könnte durchaus ein probates Mittel sein, da Torhüter Romero nicht den sichersten Eindruck macht. Demichelis ist bekanntlich immer mal wieder für einen Bock gut und Heinze galt auf der linken Defensivseite schon immer als Unsicherheitsfaktor. Das würde alles dafür sprechen, im Großen und Ganzen Aufstellung und System so zu belassen wie gegen England.

Danach sieht’s dann anders aus. Sollte die deutsche Mannschaft im Verlauf des Turniers noch auf Mannschaften wie Spanien, Holland oder Brasilien treffen, hielte ich es für angebracht, über eine Umstellung des Systems nachzudenken.

[Fotos: dpa]

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