Erfahrungsbericht

Studierende mit psychischen Erkrankungen warten oft lange auf einen Therapieplatz

Maleen Thiele

Die Studentin Sophie aus Freiburg hat Depressionen und wartet seit zwei Monaten auf einen Psychotherapieplatz – wie viele andere auch. Lange Wartezeiten sind in der ambulanten Psychotherapie keine Seltenheit.

Wenn Sophie (Name von der Redaktion geändert) über ihre Erfahrungen bei der Therapieplatzsuche spricht, wählt sie ihre Worte mit Bedacht. "Die eigene Hilfsbedürftigkeit kann man sich nur schwer eingestehen. Wenn man dann das Gefühl hat, Steine in den Weg gelegt zu bekommen, erfordert es noch mehr Kraft, sich Hilfe zu suchen."


Seit zwei Monaten wartet die Studentin auf einen Psychotherapieplatz. Doch sie erntet nur Absagen. Seit ihrer Jugend hat sie Depressionen. In einer depressiven Phase hat Sophie das Gefühl, dass die Traurigkeit sie erstickt. "Wenn ich weiß, dass es dann ein Sicherheitsnetz gibt, auf das ich zurückgreifen kann, fühle ich mich besser."

Zeitaufwendige Suche und lange Wartezeiten

Solch ein Sicherheitsnetz wird in Freiburg durch eine Vielzahl an Psychotherapeuten gewährleistet, deren Sprechstunden oft ausgebucht sind. "Trotz der hohen Therapeutendichte hebelt die Nachfrage das große Angebot wieder aus", sagt Dr. Jörg Angenendt, leitender Psychologe der Psychotherapeutischen und Psychotraumatologischen Ambulanz der Uniklinik Freiburg.

"Das ist die Besonderheit einer Universitäts- und Dienstleistungsstadt, in der viele Menschen leben, die generell keine besondere Hemmschwelle haben, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen." Für Einzelne bedeutet dies eine zeitaufwendige Suche und lange Wartezeiten.

Nach einer Reform der ambulanten Psychotherapie im April 2017, die Therapeuten verpflichtet, zeitnah Erstgespräche anzubieten, beträgt die Wartezeit auf einen Sprechstundentermin durchschnittlich 5,7 Wochen. "Damit wird das Ziel verfolgt, den Zugang zu einer psychotherapeutischen Hilfestellung zu beschleunigen", so Angenendt. Jedoch beinhaltet dies keinen festen Therapieplatz. Häufig können Therapeuten aus Mangel an Kapazität die Patienten nicht in ihre Behandlung übernehmen.

Kaum Energie für zeitlichen Aufwand

Eine weitere Hürde stellt der zeitliche Aufwand dar. In einer Phase, in der das Energielevel niedrig ist, müssen sich Patienten entscheiden, wofür sie diese verwenden. Das kann auch Sophie bestätigen. "Ich habe festgestellt, dass ich vergessen habe, mich für meine Prüfungen anzumelden – einfach, weil ich damit beschäftigt war, nach einem Therapieplatz zu suchen."

Die Organisation empfindet sie häufig als zusätzliche Belastung, die den Betroffenen abgenommen werden sollte: "Momentan fühlt es sich an, wie ein Urwald aus Internetseiten und Telefonnummern und man weiß nie, hinter welcher Nummer sich Hilfe verbirgt."

Dass es Betroffenen schwerfällt, die Suche in ihre Alltagsplanung zu integrieren, bestätigt auch Beate Massell. "Allein schon die Einhaltung der verschiedenen Telefonsprechzeiten benötigt ein gutes Zeitmanagement und löst bei Betroffenen häufig großen Druck aus, wenn die Sprechzeiten mit Terminen kollidieren", sagt die Beauftragte für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung der Universität Freiburg.

Ebenfalls ginge es vielen schon sehr schlecht, bevor sie sich entschließen, eine Therapie zu machen. "Dann ist der Antrieb häufig schon so schwach, sodass man bei der Suche Hilfe von außen benötigt", so Massell.

Ein Notfallnetz, auf das man zurückgreifen kann

Sophie hat sich mittlerweile entschieden, die Suche abzubrechen. Das hat viele Gründe. Zum einen hat sie sich bereits ein Notfallnetz geschaffen, auf das sie zurückgreifen kann. Zum anderen wird ihre Entscheidung durch ihre momentane Gefühlslage beeinflusst. "Ich bin gerade eigentlich stabil und würde mich lieber auf mein Leben und nicht auf irgendwelche Überlebensstrategien konzentrieren."

Jörg Angenendt rät von solch einer Einstellung ab. Eine psychische Erkrankung sei zumeist kein Dauerzustand, sondern trete vielmehr in Phasen auf. "So kann es auch längere Phasen geben, in denen man dann glaubt, man habe die Krankheit überwunden."

Entschließt man sich, einen Therapieplatz in Anspruch zu nehmen, empfiehlt Angenendt eine strukturierte Herangehensweise. "Einfach das Telefonbuch von A bis Z durchzutelefonieren ist nicht wirklich zielführend." Vor allem aber sollte man Absagen nicht persönlich nehmen. "Es ist nicht so, dass die Therapeuten keine Unterstützung anbieten wollen, vielmehr muss man sich bewusstmachen, dass es einfach schwierig ist, kurzfristig und sofort an geeignete Hilfe zu kommen," so Angenendt.

Hauptaufgabe liegt bei Betroffenen

Manchmal sei es auch hilfreich, in eine Klinik zu gehen, wenn die Krankheit eine Alltagsbewältigung unmöglich mache, sagt Beate Massell. Bei einer Gesprächstherapie werden häufig innere Konflikte aufgedeckt, sodass es vielen Patienten zunächst schlechter geht. "Und das mit dem Alltag zu vereinbaren, ist sehr anstrengend."

Trotz der zeitlichen und psychischen Belastung, die die Suche nach einem Psychotherapieplatz häufig mit sich bringt, sind sich Beate Massell und Dr. Jörg Angenendt einig, dass die Hauptaufgabe den Betroffenen nicht abgenommen werden kann. "Der Impuls muss von den Patienten selbst kommen, sonst hat die Therapie keinen Sinn", so Massell.

Auch Sophie weiß, dass ihr diesen Schritt niemand abnehmen kann. Jedoch wünscht sie sich, dass die Probleme, denen sie sich bei der Suche häufig ausgesetzt fühlt, abgebaut werden.


Tipps zur Suche nach einem ambulanten Psychotherapieplatz:

  • Mit dem Hausarzt sprechen
  • Empfehlungen des eigenen Umfelds einholen
  • Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Med Call anrufen: Tel. 0711 7875-3966
  • Sich überlegen, welche Therapierichtung man präferiert, damit per Ausschlussverfahren zielgerichteter gesucht werden kann.


Mehr zum Thema: