Studieren in Freiburg - mit Sehbehinderung

Frank Zimmermann

Markus Stratz kann so gut wie gar nichts sehen - und studiert trotzdem Jura an der Uni Freiburg. Welche Hürden er dabei nehmen muss:



Wenn Markus Stratz in der Uni einen wichtigen Termin hat, zum Beispiel eine Klausur schreiben muss, dann ist dafür einiges an Vorbereitung nötig. "Ich muss den Weg vorher abgehen, sonst kann das kläglich schief gehen." Er macht das, um zu wissen, wie viel Zeit er einplanen muss, und um nicht zu spät zu kommen – sicher ist sicher.


Der Jurastudent ist von Geburt an stark sehbehindert – auf dem rechten Auge ist er blind, links liegt die Sehstärke bei fünf Prozent. Eine Brille trägt er, weil er damit etwas schärfer sieht, eine Lupe im linken Brillenglas vergrößert das, was er sieht, um das Dreifache und hilft ihm so, kurze Texte in kleinerer Schrift zu lesen. Um seine Behinderung – eine Sehnervenfehlentwicklung – nachempfinden zu können, reicht er eine Simulationsbrille, die bis auf einen kleinen Punkt im linken Glas komplett undurchsichtig ist.

So wie man durch diesen kleinen Punkt sieht, so sehe er, sagt Markus Stratz – "das ist ein Röhrenblick mit einem ganz geringen Öffnungswinkel. Ich sehe nichts außen rum." Will heißen: Wenn er Bücher für sein Studium liest, muss er ständig den Kopf bewegen – von Zeile zu Zeile und manchmal auch von Wort zu Wort.

Glastüren sind eine besondere Hürde

Meistens bewegt er sich in der Uni mit dem Blindenstock fort – nur, wenn er sich wo sehr gut auskennt oder jemanden dabei hat, der ihn führt, verzichtet er darauf. "Ich habe bisher noch jeden Ort gefunden, an den ich wollte", sagt er und lacht. "Ich kann aber nicht einfach mal drauf los laufen getreu dem Motto ‘Ich werd’s schon finden’, denn Orientierung ist für mich als schlecht Sehender viel schwieriger und zeitaufwändiger als für einen normal sehenden Menschen."

Besonders schwierig zu erkennen sind für ihn Glastüren. Er weiß genau, welche Eingänge weniger frequentiert sind und wo er schneller voran kommt. Viele Altbauten seien leider sehr dunkel. Sind viele Geräusche in einem Gebäude, erfordert das für ihn ein noch höheres Maß an Konzentration.

Kommilitonen auf gut Glück im Hörsaal zu treffen ist für ihn schwierig, ein Lächeln oder Winken beim Eintreten in den Raum kann er nicht erkennen. Ein offener Umgang mit seiner Behinderung sei von Vorteil. "Man muss Mut haben und fremde Leute auch mal ansprechen, um Freundschaften zu knüpfen oder Hilfestellungen zu erhalten." Zum Glück sei er eine relativ kontaktfreudige Person. Wer das nicht ist, für den besteht die Gefahr, isoliert zu sein, auch an einem Ort wie der Uni, wo sich täglich Tausende von Menschen begegnen.

In den beiden Unibibliotheken in der Stadthalle (UB 1) und an der Rempartstraße (UB 2) gibt es spezielle Blindenarbeitsräume mit besonderen Geräten. Pro Raum steht den Behinderten ein Assistent für 15 Stunden im Monat zur Verfügung. Von ihm lässt sich Markus Stratz vorlesen, Bücher besorgen oder Texte einscannen, die er sich dann mit Hilfe eines Screenreaders vom Computer vorlesen lassen kann. "Die Uni Freiburg ist da im Vergleich zu anderen Unis sehr gut ausgestattet", lobt er.

Für Studienassistenzen gewährt das städtische Sozialamt finanzielle Unterstützung – die Höhe wird von Fall zu Fall geregelt. "Das hängt vom Antrag und vom Bedarf ab; es gibt keine Pauschale und keinen Höchstsatz", sagt der städtische Pressesprecher Toni Klein. Die Einschätzung der Behindertenbeauftragten der Uni sei maßgeblich. Derzeit finanziert die Stadt für vier behinderte Studierende solche Assistenten. Seit 2005 sind die Kommunen für die Förderung zuständig, zuvor war es der Landeswohlfahrtsverband.



Markus Stratz nimmt diese Art der Förderung nicht in Anspruch. Er engagiert seit kurzem noch auf eigene Initiative Schauspielschüler als Vorlesekräfte für zirka vier Stunden pro Woche, "die sprechen sehr deutlich und können gut lesen", sagt er. "Die Hilfskräfte möchte ich nicht missen." Das Vorgelesene nimmt er dann immer auf, um es sich später bei Bedarf anhören zu können.

Im Arbeitsraum in der UB 2 legt er ein Buch unter das Lesegerät wie ein Laborant ein zu untersuchendes Objekt unters Mikroskop. Auf dem daneben stehenden Monitor erscheint der Text stark vergrößert. "Die Schwierigkeit ist, die richtige Größe zu finden." Immerhin: Dank des Lesegeräts muss er sich nicht über das Buch bücken, sondern kann am Bildschirm gerade sitzen.

Das Problem ist, dass er trotz der Hilfstechnik ein großes Übersichtsproblem hat, er muss das Buch unter dem Lesegerät immer hin- und herschieben. Klar, dass das Lesen viel länger dauert. "In der Zeit, in der ein normal Sehender 15 Seiten liest, schaffe ich vielleicht sieben." Lesen kann Stratz mit dem Lesegerät, der Lupenbrille und einer Kaltlichtlampe, mit der die Augen nicht so schnell ermüden. Lesen ist für ihn anstrengend. "Nach 30 Minuten brauche ich 15 Minuten Pause, um die Augen zu regenerieren", erklärt der 30-Jährige und fügt hinzu: "Das muss ich machen, das geht nicht anders."

Eben weil er viel länger braucht, bekommt Markus Stratz fürs Klausurenschreiben eine Zeitverlängerung um 50 Prozent. Schreiben seine nicht-behinderten Kommilitonen eine zweistündige Klausur, bekommt er dafür drei Stunden. Für diese Zeitzugabe habe er zu Beginn des Studiums kämpfen müssen. Hilfreich ist für ihn auch, dass er seine Klausuren auf seinem Laptop schreiben darf, auf dem eine Vergrößerungssoftware installiert ist. Mit der Hand zu schreiben ginge für ihn wesentlich länger, "und meine Handschrift ist oft relativ unleserlich wie bei vielen anderen Sehbehinderten auch".

Zudem darf er digitale Gesetzestexte verwenden, so erspart er sich langes Blättern und kann die Schrift am Computer groß einstellen. In den dicken Gesetzeswälzern die entsprechenden Stellen zu finden und zwischen mehreren Büchern hin und her zu wechseln, würde viel zu viel Zeit und Konzentration in Anspruch nehmen, mit der Suchfunktion geht es hingegen relativ schnell. Als der Beck-Verlag den Verkauf der digitalen Gesetzestexte einstellte, hat Markus Stratz dort angerufen und protestiert – mit Erfolg. "Klauen Sie einem Juristen das Gesetz, kann er nicht arbeiten." Nun bekommt er die Gesetze als pdf zum Buchpreis vom Verlag zugeschickt.

In Vorlesungen hat Markus Stratz stets einen Laptop dabei, auf dem er sich Notizen macht. Folien, die an die Wand projiziert werden, oder Arbeitsmaterialien, die ausgeteilt werden, besorgt er sich in der Regel vorher beim Dozenten. "Wichtig ist für mich eine gute Nach- und Vorbereitung." Natürlich dauert auch die für ihn viel länger als für sehende Studenten. "Ich muss den Fall aus der Vorlesung nochmal daheim durcharbeiten, denn der Schnelligkeit der übrigen Teilnehmer komme ich in der Vorlesung nicht hinterher", sagt der angehende Jurist.

Bei seinen Dozenten stoße er auf viel Verständnis; ihnen sagt er, wenn er etwas braucht. Anders sei das mit dem Prüfungsamt, "da beißt man eher auf Granit, zum Beispiel, wenn es um die Verlängerung der Bearbeitungszeiten von wissenschaftlichen Arbeiten geht." Sein Ärger ist groß: "Man muss immer und immer kämpfen für das, was man braucht. Dass mal jemand fragt, was man braucht, das gibt es nicht."

Markus Stratz studiert im 15. Semester – doppelt so lange wie ein Nicht-Behinderter. "Ich muss mein Studium entzerren." Die Scheine verteilt er auf einen größeren Zeitraum als seine sehenden Mitstudenten. Das Schwerpunktstudium, das 30 Prozent des Examens ausmacht, machen die meisten in drei Semestern, fünf darf man maximal brauchen, für Stratz werden es wohl sieben sein. Auch hierfür musste er einen Antrag stellen, im zweiten Anlauf hat er ihn bekommen. Der Nachteil an der Zeitverlängerung ist, dass die Kommilitonen, mit denen er angefangen hat, längst fertig sind. So muss er immer wieder neue kennenlernen, "aber das macht mir nichts mehr aus."

Inzwischen ist Markus Stratz 30. Ans Vorankommen in Etappen ist er gewohnt. Erst hat er den Hauptschulabschluss an einer Sehbehindertenschule in Waldkirch gemacht, dann machte er an einer anderen Schule für Sehbehinderte in Stuttgart die Mittlere Reife, um anschließend aufs Wirtschaftsgymnasium für normal Sehende in Emmendingen zu gehen und das Abitur zu machen. Dort begann er, sich für Rechts- und Wirtschaftsthemen zu interessieren.

Daran, das Studium aufzugeben, hat er nie gedacht. Wann er fertig sein wird, kann er noch nicht sagen. "Ich ziehe das aber auf jeden Fall durch.". Je tiefer er in die Juristerei eintauche, desto mehr Türchen öffneten sich ihm und desto mehr Spaß mache es. "Für mich persönlich ist das Studium eine schöne Sache. Ich bin ein wissbegieriger Mensch." Was er mal beruflich machen will, weiß er noch nicht. Nur so viel: "Mit Jura kann man in jedem Fall – unabhängig vom Augenlicht – ganz gut arbeiten."

Hintergrund

Wie die Universität Behinderten helfen kann

"Nichtbehinderte sehen immer unheimlich viele Grenzen bei Behinderten. Dabei entwickeln Behinderte viele Strategien, sich zurechtzufinden. Da trauen Nicht-Behinderte Behinderten zu wenig zu", sagt Susanne Wenzel und nennt Beispiele: Ein blinder ehemaliger Studenten arbeitet inzwischen als Geografielehrer, und seit zwei Semestern studiert an der Uni Freiburg ein Rollstuhlfahrer Medizin.

Susanne Wenzel kümmert sich an der Albert-Ludwigs-Universität um Studierende mit einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit. Es gibt keine Statistik, wie viele an der Uni eingeschrieben sind. Laut der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks haben acht Prozent der Studierenden eine gesundheitliche Schädigung, die Auswirkungen auf das Studium hat; an der Uni Freiburg wären das rund 1900. Knapp die Hälfte – also vier Prozent – gibt eine mittlere bis starke Studienbeeinträchtigung an. Sie sind auf individuelle Nachteilsausgleiche und spezifische Unterstützungen angewiesen, heißt es in der Empfehlung "Eine Hochschule für alle" der Hochschulrektorenkonferenz von 2009.

In Wenzels Büro kommen Studierende mit Behinderung und chronisch Kranke, etwa weil sie nicht sicher sind, ob sie das Pensum in ihrem Studiengang schaffen, und auch behinderte Schüler, die über ein Studium nachdenken. Für sie alle gibt es einen Nachteilsausgleich. Will heißen: "Die Universität schafft behinderten Studierenden Rahmenbedingungen, dass sie gleichwertige Leistungen erbringen können", wobei kein Anspruch auf eine bestimmte Form des Ausgleichs bestehe, erklärt Wenzel. Voraussetzung dafür ist ein fachärztliches Attest und eine Antragsbegründung: Beides geht an den Prüfungsausschuss der jeweiligen Fakultät.

Wenzel entscheidet nicht selbst über Anträge, sondern berät und begleitet Studierende zu Gesprächen, beispielsweise mit Dozenten. "Ich biete immer an, beim ersten Kontakt im Fachbereich des Studierenden dabei zu sein." Viele hätten Angst, dort hinzugehen. "Ich versuche, ihnen Mut zu machen", sagt sie. Daneben ist sie auch Vermittlerin, etwa bei Konflikten zwischen Studierenden mit Handicap und Dozenten. Bei allen Hilfsangeboten gebe es aber auch Grenzen: "Ich leiste keine psychotherapeutische Beratung, dafür gibt es das Studentenwerk und andere Beratungsstellen."

Zu den Ausgleichsmaßnahmen gehört beispielsweise, dass behinderte Studierende mehr Zeit für Klausuren oder Seminararbeiten bekommen. Fristen können für sie verschoben, Prüfungszeiträume gesplittet werden. Mündliche können in schriftliche Prüfungen umgewandelt werden, beispielsweise bei Autisten, die Schwierigkeiten haben, frei zu reden, oder bei Hörbehinderten.

Die Uni kann Studenten in Klausuren Hilfspersonal zur Verfügung stellen oder technische Hilfsmittel zulassen. Sie plant zudem ein Internetportal zum Thema Barrierefreiheit. Dort können sich behinderte Studierende vorab informieren, etwa über die Zugänglichkeit zu Gebäuden. "Es gibt sicherlich Problemgebäude für Behinderte, vor allem Altbauten", sagt Wenzel. Sich in verwinkelten Altbauten als Rollstuhlfahrer zurechtzufinden, erfordere einen viel höheren Zeitaufwand, manche Räume im KG I sind mit Rollstuhl gar nicht erreichbar.

Zu Wenzels Aufgaben gehört auch, für das Thema zu sensibilisieren. Inzwischen ist es stärker ins Bewusstsein der universitären Öffentlichkeit gerückt. Mehr Behinderte nehmen heute den Nachteilsausgleich in Anspruch und suchen bei ihr Rat, gerade auch Studierende mit nicht-sichtbaren Behinderungen wie psychisch Kranke mit Persönlichkeits- oder Angststörungen oder Depression. Für sie ist das ein Erfolg, denn jahrelang hätten sie keine Hilfe geholt, sondern das Studium lieber abgebrochen.

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[Bilder: Ingo Schneider]