Streetlife

Annabelle Steffes

Simon, 23, verarbeitet Halbedelsteine zu Ketten und verkauft sie in der Freiburger Fußgängerzone. Davon lebt er eher schlecht als recht. Doch er hat seinen Stolz. Uns hat er etwas über seine Ideale und Sehnsüchte erzählt.



Simons Haltung verkrampft sich zunehmend, als er den Polizisten erspäht. Seine Augen huschen nervös hin und her. Er ist bereit, in Sekundenschnelle aufzuspringen, seine Sachen einzusammeln und zu verschwinden. Es wäre nicht das erste Mal. Aber der Polizist geht gleichmütig an ihm vorbei. Simon atmet hörbar aus.


Er hat keinen Gewerbeschein, dementsprechend auch keine Berechtigung, seine selbstgemachten Schmuckstücke auf der Straße anzubieten. „Aber um die Weihnachtszeit drücken die Bullen schon mal ein Auge zu“, sagt er, grinst und nimmt einen tiefen Zug von seiner selbstgedrehten Zigarette.

Seit drei Jahren schon lebt er in Freiburg von der Hand in den Mund. Einen festen Wohnsitz hat er keinen. Im Sommer schläft er im Freien, im Winter kommt er auf die Gastfreundlichkeit seiner Freunde und Bekannten zurück. Das ist nicht immer so gewesen. Ursprünglich verschlug es ihn zum Studieren nach Freiburg. „Ich hatte sogar mal ne Wohnung in der Unterwiehre. 45 m² nur für mich und jeden Monat habe ich brav meine 520 Euro Miete abgedrückt.“

Doch irgendwann verabscheut er dieses Leben. „Ich wollte nicht mehr zu den typischen Studenten gehören, die sich von Mami und Papi aushalten lassen; zu denen, die nur vorgeben, gegen die Welt zu rebellieren, aber selbst nichts auf die Beine stellen“, sagt er abschätzig.



Von heute auf morgen bricht er sein Studium ab und kündigt seine Wohnung. „Studier' lieber das Leben, lebe es und liebe es“, lautet fortan das Motto des 23-Jährigen. Seine Freiheit und Unabhängigkeit stellt er dabei über alles. Aber diese Freiheit hat ihren Preis. Man sieht ihm an, dass er auf der Straße lebt. Sein Haar ist verfilzt, seine Kleidung steht vor Dreck und von ihm selbst geht ein unangenehmer Geruch aus. Nicht gerade der perfekte Schwiegersohn.

Doch das sind nur Äußerlichkeiten. Das Leben auf der Straße ist ein Leben voller Entbehrungen. Oft harrt er mit knurrendem Magen stundenlang in der Kälte aus, ohne etwas zu verkaufen. „Zeit ist relativ, Kälte und Hunger auch“, sagt er und reibt dabei seine nikotingelben Finger wärmend aneinander.

Aufgewachsen ist er in Griechenland und in den trüben deutschen Wintertagen sehnt er sich an diese Zeit zurück: „Die Menschen halten dort viel stärker zusammen, in Deutschland lebt man aneinander vorbei“, behauptet Simon. „Aber wir Straßenkünstler helfen uns gegnseitig. In gewisser Weise sind wir eine Familie.“



Simon ist auf diese Familie angewiesen. Einer seiner Freunde fährt regelmäßig nach Indien, um dort Halbedelsteine einzukaufen, die Simon dann in Deutschland zu Ketten verarbeitet und in der Fußgängerzone feilbietet. Simon ist froh über diese Zusammenarbeit, gleichzeitig wünscht er sich, selbstständiger zu sein, träumt davon, selbst mal nach Indien zu reisen. Gleich seinem Vater und seinem Großvater möchte er als fahrender Händler durch die Lande ziehen.

Die Reiselust ist ihm in die Wiege gelegt, nur an der Umsetzung hapert es. „Ich habe nie den Führerschein gemacht“, sagt er leise und zum ersten Mal hat man das Gefühl, dass er mit seinem Straßenleben doch nicht so zufrieden ist. Seit Jahren schon versucht er Geld zurückzulegen, um seine Reisepläne zu verwirklichen. Er hat sogar ein Bankkonto eröffnet, doch viel zum Einzahlen hat er nicht. Manchmal verkauft er bloß eine Kette am Tag. Dann muss er betteln gehen.



„Es wäre einfacher, wenn ich einen Stand hätte, wie die Leute am Kartoffelmarkt. Aber dafür müsste ich erst mal 300 Euro im Monat aufbringen.“ Bei diesen Worten wirkt Simon plötzlich viel älter, als er ist. Furchen graben sich in seine Stirn. Aber er bleibt zuversichtlich. „Wir Nomaden sind Übermenschen, wie bei Nietzsche. Wir gehen unseren Weg und lassen uns von nichts davon abbringen.“

Nietzsches Übermensch Zarathustra wurde verhöhnt, als er seine Weisheit mit den Menschen teilen wollte. Doch davon scheint Simon nichts zu wissen. Und so macht er unbeirrt weiter: behält die Polizei im Auge, preist seine Ware an und senkt enttäuscht den Kopf, wenn die Passanten weiter ziehen, ohne etwas zu kaufen.