Straßburg: Festival des Inrocks

Christian Beller

Es kommt selten vor, dass in der Regio gleich mehrere Ausnahmekünstler an einem Abend auf der gleichen Bühne zu sehen sind. Dienstag war es in Straßburg soweit: Loney, Dear., Beirut und Andrew Bird traten in der Laiterie auf. Möglich gemacht hatte den außergewöhnlichen Konzertabend das traditionsreiche französische Musikmagazin Les Inrockuptibles. Christian war für fudder dabei.



Vom 8. bis zum 14. November feierte das Musikmagazin Les Inrockuptibles in  sechs verschiedenen französischen Städten das zum zwanzigsten Mal das „Festival des Inrocks“. Während in Paris gleich fünf Tage lang an vier verschiedenen Locations unterschiedlichste Acts von Bloc Party über Devendra Banhart bis hin zu den Happy Mondays! auftraten, war für den Festivalableger in Strasbourg zwar nur eine kleine, aber dafür sehr feine Auswahl getroffen worden.


Auf den ersten Blick mögen Loney, Dear. mit ihrem schwedischem Pop, Beirut mit osteuropäisch geprägter Fake-Folkore und Andrew Bird mit seinem grandiosen Violinenspiel nicht besonders viel gemeinsam haben. Bei näherem Hinsehen erkennt man dann aber doch sehr viel Gemeinsamkeiten. So sind zum Beispiel alle drei Bands auf ihre Weise folkbeeinflusst und im Grunde Soloprojekte, deren Debutalben vollkommen im Alleingang aufgenommen wurden. Sowohl der Schwede Emil Svanängen von Loney, Dear., Zach Condon von Beirut  als auch Andrew Bird sind Multi-Instrumentalisten und wer die noch nie gesehen hat, dürfte auf die Live-Umsetzung gespannt gewesen sein. Zumindest war das bei mir so, als ich zu meinem ersten Loney, Dear.-Konzert beim Festival des Eurockéenes in Belfort gegangen bin. Leider gab es dort eine dicke Enttäuschung, denn obwohl ich alle vier im elterlichen Keller aufgenommenen Alben immer wieder mit dem höchsten Genuss anhöre, so war bei seinem ersten Frankreich-Gig in Belfort die Anlage so dermaßen schlecht eingestellt, dass man den sonst so wunderbaren und dominierenden Gesang kaum wahrnehmen konnte und auch die Bühnenpräsens von Emil Svanängen und seinen Mitmusikern war alles andere als ergreifend.

Ein paar Wochen später beim Haldern-Pop-Festival, seinem ersten großen Konzert in Deutschland, hatte sich das dann zum Glück gebessert und er hatte das Publikum mit seinen schönen Melodien, „Na-na-nas“ und Mitsumm-Hymnen auf seiner Seite. Er war sogar einer der einzigen, der mit viel Applaus zurück auf die Bühne geholt wurde. Im Oktober hab ich Loney, Dear. dann schon zum dritten Mal beim fantastischen Iceland Airwaves in Reykjavik gesehen und auch da konnte man sehr zufrieden sein, einzig dass es im Prinzip die gleiche Show war wie zuvor in Haldern konnte man ihm vorwerfen. Warum ich hier soviel von anderen Loney, Dear.-Konzerten berichte, hat den einfachen Grund, dass wir gestern einfach zu spät in der Laiterie ankamen und in dem gut gefüllten großen Saal nur noch die letzten Takte der Zugabe hörten, dem Applaus des Publikums und den Leuten, die auch noch nach dem Konzert Ohrwürmer wie „The City, The Airport“ vor sich hinpfiffen, nach zu urteilen, war es aber sicher ein schöner Auftritt.



Nach kurzer Pause ging’s dann weiter mit Beirut. Neben DeVotchKa, A Hawk And A Hacksaw und Gogol Bordello die wohl bekanntesten amerikanischen Vertreter des in letzter Zeit so häufig zitierten Balkan-Pops. Gerade mal 21 Jahre alt ist Zach Condon, der mit seinem Debut Gulag Orkestar eines der besten und meistbeachtetsten Alben des letzten Jahres veröffentlicht hat. Vor kurzem erschien schon die zweite Platte The Flying Club Cup und diese steht dem ersten Album in nichts nach.

Wundervoll melancholischer Folk-Pop mit traditionellen osteuropäischen Einflüssen, der gleichzeitig unglaublich frisch und trotzdem zeitlos erscheint. Und genauso sind auch die Live-Auftritte. Man schaut und hört einfach gerne zu wenn Zach Condon mit Trompete und verstärkt durch seine sieben Mitmusiker auf der Bühne steht und seine Lieder zum Besten gibt.

Da kommt natürlich allerhand Instrumentarium zum Einsatz: Gitarre, Schlagzeug, Geige, Mandoline, Ukulele, Cello, Akkordeon, Glockenspiel und natürlich die ganze Palette an Blasinstrumenten, die den besonderen Sound der Band ausmachen. Und wenn die Jungs dann zu viert oder fünft ihre Trompeten, Hörner oder Saxophone anstimmen, dann könnte man fast meinen, sie würden auf dem größten Blasmusikfestival in Gucha um die Wette blasen. Eröffnet wurde der Gig mit „Nantes“ und natürlich wurden all die wunderbaren Songs gespielt von „Elephant Gun“ bis „Postcards From Italy“. Es gab die Jacques Brel Coverversion „Le Moribond“ zu hören und nachdem mit der Zugabe „The Gulag Orkestar“ das Set abgeschlossen war, waren wohl alle glücklich und zufrieden.



Im Vergleich zu Loney, Dear. und Beirut ist Andrew Bird schon fast ein alter Hase. Der charismatische 34-jährige Musiker aus Chicago war lange Zeit vor allem wegen seinem Geigenspiel bekannt, von dem auch seine ersten jazz- und swingbeeinflussten Alben Music Of Hairs von 1996 und Thrills von 1998 bestimmt wurden. Inzwischen hat sich jede Menge Folk und Rock in seine Musik geschlichen, die man nun wohl am besten als Singer/Songwriter-Pop bezeichnen kann und so jongliert auch sein bereits zehnten Album (wenn man die nur auf Konzerten erhältlichen Fingerlings-Alben mitrechnet) Armchair Apocrypha wieder gekonnt zwischen den Stilen.



Live kommt das alles dann auch noch mal ganz anders daher, da wird kein Song einfach nur nachgespielt. Unterstützt von einem Bassisten und einem Drummer, werden da genüsslich die bekannten Geigenklänge durch Gitarren ersetzt oder umgekehrt. An jedem Song kann man immer wieder neue Seiten entdecken und wenn man Andrew Bird in einem einzigen Song mit seiner Geige, Gitarre und Glockenspiel hantieren sieht, er gleichzeitig noch singt und pfeift wie kaum ein anderer, dann kann man nur erstaunt sein.

Erstaunlich war übrigens auch das Publikum. Selten hat man so viele Menschen auf einem Konzert so aufmerksam gesehen wie gestern. Es hat schon Seltenheitswert wenn man bei einem live gespielten Song noch den letzten Ton hören kann und das Publikum erst zu klatschen anfängt, wenn der Meister nickt. Natürlich wurden viele neuere Sachen gespielt, wie „Imtosis“ oder „Fake Palindromes“, aber auch die alten Songs kamen nicht zu kurz. Zudem kam man in den Genuss von einem Song des Elektro-Soloprojekts seines Drummers Martin Dosh, auf dessen Album Andrew Bird ebenfalls mitgewirkt hat. Auf alle Fälle ein Konzert, bei dem einfach alles gestimmt hat und wer einmal einen Ohrwurm von “A Nervous Tic Motion Of The Head To The Left” hatte, der wird dieser Musik wohl immer verfallen sein.



Also letztendlich war dieses Mini-Festival, auch wenn wir etwas zu spät ankamen, ein Konzertabend wie er besser kaum sein könnte! Bitte mehr davon!

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