Stefan Winterle ist neuer Kurator der Carhartt Gallery

Manuel Lorenz

Im März 2010 erlitt die Graffiti-Szene einen großen Verlust: Sigi von Koeding alias Dare, Graffiti-Legende und damaliger Kurator der Carhartt Gallery, erlag einer schweren Krankheit. Monate lang war nicht klar, wie es mit der Urban-Art-Galerie in Weil am Rhein weitergehen sollte. Im Dezember 2010 übernahm schließlich der Street Artist Stefan Winterle alias LECKOmio dort die künstlerische Leitung. Wir haben ihn dazu befragt und fünf Anworten bekommen.



(Das Team der Carhartt Gallery [von links nach rechts]: Stefan Winterle, Francesca Fresta, Kevin Reinhart, Rudi Anker, Bianca Porcelli)


Herr Winterle: Sigi von Koeding alias Dare, Graffiti-Legende und Ihr Vorgänger als Kurator der Carhartt Gallery, verstarb im März 2010. In welcher Beziehung standen Sie zu ihm?

Erstens waren wir Freunde und zweitens Ateliernachbarn. Außerdem war er ein Mentor für mich – auch wenn das zwischen uns immer unausgesprochen blieb. Er hatte ja eine viel größere Erfahrung als ich. Und trotzdem sind wir uns immer auf Augenhöhe begegnet und haben uns gegenseitig ehrliches Feedback gegeben – sowohl im Künstlerischen als auch, was die Carhartt Gallery betrifft.

Gekannt hatten wir uns schon länger. Als er sein Atelier im Kesselhaus in Weil am Rhein anmietete, wo ich schon mehrere Jahre lang war, wurden wir zu Nachbarn. Daraus entwickelte sich dann eine wirklich gute Freundschaft, weil wir beide Nachtarbeiter waren, und wenn das Haus nachts leer ist, geht man halt mal zum Kollegen rüber, um ’nen Kaffee mit ihm zu trinken oder eine zu rauchen.

Wie kam es dazu, dass gerade Sie der neue Kurator der Carhartt Gallery geworden sind?

Wie gesagt: Ich war durch meine Herkunft und Ateliernachbarschaft mit Sigi schon länger mit der Galerie verbandelt. Dadurch war ich immer ganz nah an der Künstlerauswahl dran und wurde von Sigi auch um Feedback gebeten. Ich konnte ihm da im Prinzip direkt über die Schulter schauen. Außerdem hab ich ja selber hier ausgestellt und weiß, wie der Laden funktioniert.

Neuer Kurator der Galerie zu werden, war nicht mal unbedingt meine Idee. Carhartt kam auf mich zu und fragte mich, ob ich mir das zutraue. Ich bat um eine Woche Bedenkzeit, da ich mich erst mal selbst fragen musste, ob ich denn schon die nötige Reife besitze, um das Spiel zu Spielen, das heißt: um eine Galerie zu führen.

Als selbstständiger Künstler ist man erst einmal nur für sich selbst verantwortlich. Als Kurator sieht das anders aus: Da muss man viel recherchieren und in den Markt hineinhorchen. Man kann natürlich auch Künstler einladen, die schon jeder kennt. Aber das ist dann langweilig. Und da hab ich mich gefragt: Krieg ich das gebacken?

Was hat am Ende den Ausschlag gegeben?

Erstens war mir klar, dass wir hier ein Team haben, das schon länger in verschiedenen Projekten zusammenarbeitet. Und zweitens wollte ich, dass das Haus hier bestehen bleibt. Ich komm ja von hier und hätte nur schwer damit leben können, dass die Carhartt Gallery dicht macht oder jemand Externes eingekauft wird. Außerdem hab ich Kontakte und auch eine gewisse Erfahrung in dem Business. Und so hab ich dann zugesagt und mach das jetzt seit Dezember gemeinsam mit einer kleinen Mannschaft.

Sie wurden ja selber in der Carhartt Gallery ausgestellt. Geht das jetzt eigentlich noch in Ihrer neuen Rolle?

Nein. Das hat ein Gschmäckle, und das will ich vermeiden. Ich hab genügend andere Möglichkeiten, meine Werke auszustellen. Ich würd’s vielleicht machen, wenn jemand kurzfristig abspringt – bevor eine Ausstellungsbox leer bleibt. Aber: Nee, ich muss mich nicht selbst ausstellen.  

Wird die Carhartt Gallery jetzt mit Ihnen komplett umgekrempelt?

Sigi hatte die Gallery mit dem Eigentümer von Carhartt aufgebaut und ihr seinen Spirit implantiert. Nämlich, dass Künstler ausgestellt werden sollen, die von der Straße kommen, Künstler, die eher ausgestellt gehören, als dass sie ausgestellt werden. Dieses Konzept ist so wasserdicht, da will und kann ich nichts dran rütteln. Andererseits soll die Galerie aber keine Gedächtnisausstellung beheimaten sondern Künstler, die wirken.

Neu ist vor allem, dass wir zwei große Ausstellungen im Jahr machen werden und nicht mehr nur eine. Und: Natürlich wähle ich die Künstler nach meinem persönlichen Geschmack aus, was der Besucher aber wahrscheinlich eher wahrnimmt als ich.

Insgesamt ist das Spektrum etwas breiter geworden: Weg vom Graffiti, hin zur Urban Art. Also nicht nur Writing sondern auch Skulpturen, Konzeptarbeiten, Siebdrucke – Street Art. Es werden sicher auch mehr Schablonen zu sehen sein, weil das meine Spezialität ist und ich da gute Kontakte habe.

Zur Zeit steht in der Galerie zum Beispiel eine große Skulptur aus 40 Tapeziertischen von Kiam77 aus München, die mal für Arte in Straßburg gemacht worden ist.

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[Bild: Promo]