Stalking auf dem Campus

Brigitte Rohm

Verfolgt, belästigt, bedroht: Nicht immer ist es der verschmähte Expartner, der zum Stalking-Täter wird. Auch an Hochschulen gibt es Stalking – und nicht nur unter Studierenden. Zwei Betroffene erzählen, was passiert, wenn Studis ihre Dozenten belästigen.

Tok, tok, tok. Nora S. (Name von der Redaktion geändert), Dozentin an der Uni Freiburg, verbringt einen Dezemberabend zu Hause und kann das seltsame Geräusch zunächst nicht einordnen. Es kommt von Steinen, die jemand unablässig gegen ihr Fenster wirft: eine junge Frau, die ihr bis nach Hause gefolgt ist und die jetzt im Schneidersitz vor ihrem Haus auf dem Boden sitzt. "In diesem Moment war mir klar, dass eine Grenze überschritten wurde", sagt Nora.


Die junge Frau, nennen wir sie Marie, ist Noras Studentin. In ihrem Seminar war sie aufmerksam und sehr interessiert – allerdings nicht nur am Stoff. "Am Anfang gehörte sie zu einer Traube von Studierenden, die mir nach der Sitzung Fragen gestellt haben", erzählt Nora. "Dann war sie plötzlich überall, wo ich war."

Nora fand ihre Studentin zunächst nur anhänglich

Genau das bedeutet Stalking: "Das Opfer wird gegen seinen Willen auf wiederholte, unzumutbare Art und Weise beobachtet, verfolgt oder penetrant belästigt", heißt es in der Broschüre gegen sexuelle Belästigung und Stalking der Uni Freiburg. Das Phänomen, in der deutschen Rechtssprache "unbefugte, beharrliche Nachstellung" ist nach § 238 Abs. 1 im Strafgesetzbuch ein Straftatbestand – und auch auf dem Campus verbreitet.

Fünf Mal die Woche saß Marie in der Bibliothek oder in der Mensa an Noras Nachbartisch. Nora hielt die Studentin zunächst nur für sehr anhänglich und bat ihr sogar hin und wieder an, sich zu ihr zu setzen. Das erste Mal sei ihr mulmig geworden, als Marie Kommilitoninnen fragte, wie diese Noras Attraktivität bewerten würden. "Als ich sie darauf angesprochen habe, ist sie weggelaufen", sagt Nora. So habe die Studentin immer reagiert: "Ihr Weg der Kommunikation war die E-Mail."

Jeden zweiten Tag schrieb Marie ihr Nachrichten. Gestand ihre Liebe. Erzählte Persönliches. Fantasierte von versteckten Botschaften, die Nora angeblich in ihrem Unterricht an sie richten würde. "Sie nahm an, dass wir auf die gleiche Weise empfinden würden", sagt Nora. "Dafür gab es aber überhaupt keine Basis – wir hatten immer nur rein fachliche Gespräche." Nora vermutet, dass die Mischung aus der Bewunderung für eine Autoritätsperson und der fehlenden Distanz fatal gewesen sei: "Das ist wohl die klassische Verliebtheitskonfiguration."

Johannes war das Zielobjekt von Schwärmereien

Auch Johannes C. kennt dieses Phänomen gut – wie Nora möchte auch er anonym bleiben und seine Fachrichtung nicht angeben. In einem Tutorat begann die seltsame Episode mit der Studentin Carla. Sie schickte ihm Mails mit privatem Bezug, Gedichte und Fotos. Schließlich auch einen handgeschriebenen Brief. "Wir kannten uns überhaupt nicht, das war absurd!", sagt Johannes. Eine Schwärmerei, die auf reiner Projektion basierte. Ein halbes Jahr lang habe er kaum auf Carlas "Spielchen" reagiert – und wenn er antwortete, dann zu diplomatisch. "Ich hätte viel früher viel rücksichtsloser sein sollen", räumt Johannes ein. Als er schließlich ganz klar sagte, er habe kein Interesse, hörten die Avancen auf. "Das Komische daran war, dass sie wirklich aus allen Wolken gefallen ist", sagt er. "Wir hatten anscheinend völlig unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität."

Bei Nora ging die Geschichte noch weiter. Sie erhielt insgesamt rund 40 Mails, in denen Marie mit Suizid drohte: "Bekenne dich zu mir, ich weiß, dass du mich liebst. Sonst bringe ich mich um." Diese Androhung verursachte bei Nora Panik. Auch als ihr schließlich klar wurde, dass es Marie vor allem um Aufmerksamkeit ging und darum, auf Noras Leben Einfluss zu nehmen, litt sie sehr darunter: "Ich konnte nicht mehr völlig unbefangen unterrichten", sagt sie. "Es betrifft dich, obwohl du es dir nicht ausgesucht hast."

Fünf Stalking-Fälle wurden der Uni 2016 gemeldet

Seit 2013 werden die Stalking-Fälle gezählt, in denen das Gleichstellungsbüro, die zuständige Beratungsstelle an der Uni Freiburg, kontaktiert wird. Nach Angaben der Gleichstellungsbeauftragen, Ina Sieckmann-Bock, gab es 2015 einen Stalking-Fall, bei dem eine Studierende einen Dozenten belästigt hat. 2016 hat das Büro insgesamt fünf Fälle von Stalking erfasst, darunter waren zwei, in denen ein Lehrender durch eine Studierende gestalkt wurde. Im Jahresbericht tauchen jedoch nur die Fälle auf, bei denen Betroffene dem Handlungsleitfaden der Universität folgen und sich an die Beratungsstelle wenden.

Nora S. hingegen glaubte zu lange daran, das Problem aus eigener Kraft lösen zu können. Und sie wollte ihre Studentin vor möglichen Konsequenzen wie Hausverbot oder Exmatrikulation bewahren, die es in Extremfällen geben kann: "Ich wollte nur, dass das aufhört und nicht, dass ein Fehler für ihr ganzes Leben verhängnisvoll wird."

Außerdem war Nora sich unsicher, an wen sie sich wenden konnte. Auch nach einem Gespräch mit einer Person ihres Vertrauens fühlte sie sich allein gelassen. Am Ende nahm Nora ihre Studentin nach dem Unterricht beiseite und sprach sehr eindringlich mit ihr. "Das gab noch mal einen großen Eklat und viel Geschrei", sagt sie. Aber daraufhin belegte Marie zumindest keine Seminare mehr bei Nora – das war ihr das Wichtigste. Mails bekommt die Dozentin zwar immer noch, aber seltener und weniger drohend.

Bei Nora wie bei Johannes haben die Erlebnisse Spuren hinterlassen: Beide sagen, sie seien distanzierter geworden, misstrauischer. Nora wünscht sich, dass es verpflichtende Beratungskurse gibt und dass mehr über konkrete Fälle gesprochen wird. Sie ist schockiert, wie sehr das Thema den Uni-Alltag prägt – obwohl unter den Dozenten kaum darüber geredet werde. Nora sagt, es sei ein offenes Geheimnis, dass die meisten Professoren ihre Tür immer einen Spalt offenlassen, um sich gegen Belästigungen zu schützen. "Ein Kollege sagte mir: Gehen Sie davon aus, dass es solche Zwischenfälle zweimal pro Jahr gibt."
Betroffene sollten sich Rat und Unterstützung bei Personen ihres Vertrauens suchen oder sich an eine Beratungsstelle wenden. An der Uni Freiburg ist das in erster Linie das Gleichstellungsbüro. Auch externe Beratungsstellen wie der Weiße Ring und die Polizei helfen weiter. Alle wichtigen Anlaufstationen in Freiburg sind im Handlungsleitfaden der Uni gegen sexuelle Belästigung und Stalking aufgelistet. Ihn gibt’s als PDF zum Download auf: http://fudr.fr/unistalking