Staiger: "Musikindustrie ist ein Betriebsunfall"

Al Kapone

Markus Staiger, Chef des Berliner HipHop Labels Royal Bunker, war am Freitag bei der Southwest MC Battle im Z zu Gast. Staiger gilt als Entdecker vieler wichtiger Berliner Rapper und pflegt derzeit eine literarische Fehde gegen den Intro-Journalisten Linus Volkmann. Wir haben uns mit Staiger auf ein Bier verabredet. Das große Interview über KIZ, Koksmentalität und Freiburger Rapper.



Markus, warum bist du 1992 eigentlich von Stuttgart nach Berlin gezogen?

Ich hatte 1991 eigentlich vor, in Stuttgart einen Imbiss zu eröffnen, am Berliner Platz. Dann verliebte ich mich in eine Stuttgarterin, die aber in Hamburg wohnte. Dahin wollte ich aber nicht. Fernbeziehung okay, aber nicht so weit. Ich erinnere mich noch genau, wie ich 92 ganz doll verliebt am Berliner Hauptbahnhof die Treppe mit der Frau runter lief. Sie sagte: "Ja Markus, ich brauch aber ein bisschen Zeit für mich."

Damit hatte sich die Beziehung erledigt. Aber ich dachte mir, ich bleibe trotzdem in Berlin. Da stand ich nun ohne Freunde ohne Verbindungen und ohne Plan. Erstmal habe ich Plattenläden aufgesucht, habe mich informiert und bin auf Hip Hop Jams gegangen.

Dein erster Job in Berlin?

Ich habe nachts Telefonleitungen verlegt. Danach habe ich Gerüstbau gemacht, dann habe ich mit Kochen angefangen und bin da so 'n bisschen hängen geblieben, bis ich meine eigene Bar gemacht habe.



Wie hast du Royal Bunker finanziert?

Schon faszinierend. Ich mach mit null Mark ein Vermögen. Wir wollten veröffentlichen, aber die Plattenfirmen haben damals kein Interesse gehabt für diese Art von Berliner Rap, der so als Asozialenrap verschrien war. Wir sind dann mit 260 Mark losgegangen und haben Tapes produziert. Und diese Sampler haben wir verkauft. Von diesem Geld haben wir neue produziert.

Wer hat auf den ersten Tapes gerappt?

Westberlin Maskulin mit Savas und Taktlos, MOR waren dabei, Gurillia, Drack cue, Lunte. Auf dem zweitem war dann die Sekte mit Sido und Rhymin Simon dabei.

Ärgert es dich im Nachhinein, dass du nicht mehr in Sido oder Kool Savas investiert hast?

Mit Savas habe ich viel zusammen gemacht. Das war ja so ein Geben und Nehmen. Savas war nie wirklich bei Royal Bunker, aber wir waren wahnsinnig viel unterwegs damals. Er hat seine Auftritte gemacht und ich habe die Tapes verkauft und das Label aufgebaut. Und mit MOR und Savas kam ja dann auch die Platte bei uns raus.

Die Sekte war noch krass jung und voll von sich überzeugt. Ich stand damals Savas und MOR menschlich näher und fand sie interessanter. Dennoch hat sich das dann aufgelöst mit der Sekte, das war auch nicht schlimm. Da war viel Neid im Spiel.



Warum ist Royal Bunker zum Sprungbrett geworden?

Ich glaube, ich habe ein Talent, Leute zu erkennen, die für andere noch nicht erkennbar sind. Wenn ich heute die Juice aufschlage, sind in der Regel zwei Rapper drin, die bei Royal Bunker mal was gemacht haben. Weil ich nie einen Partner hatte, kann es nicht mehr sein, als eine Entdeckungsveranstaltung.

Vor allem hab ich ein Problem, auf diese Show-Buisnesswelt einzugehen. Mir geht es um die Mucke. Ich möchte Musik rausbringen und mir nicht irgendwelche Geschichten für die Bravo ausdenken. Das ist nicht meine Welt.

Welche Grundlage hat der aktuelle Erfolg von KIZ?

Die haben ihr erstes Demo mehr oder weniger bei mir veröffentlicht. Der KIZ Erfolg war auch zweienhalb Jahre Arbeit. Es ist ne großartige Crew, die auch zur Philosophie von Royal Bunker passt: provokant, doppeldeutig und intelligent. Das war immer ein spezieller Humor und KIZ bringen den auf den Punkt.



Wie siehst du die Zukunft von Musik Labels?

Ich glaube, in der Zukunft der Labels ist man ein Pförtner zum myspace-Universum. Man wird virtuell arbeiten. Ich glaube nicht, dass man in fünf Jahren noch CDs veröffentlicht. Die Labels werden den Künstlern den bestmöglichen Internetauftritt bieten. Mit Graphikern, Textschreibern, Fotographen und Video.

Und die Künstler verdienen ihr Geld nur noch mit Auftritten und Merchandise?

Die Musikindustrie ist doch ne total künstliche Erfindung. Musik ist so alt wie die Menschheit. Musik war immer umsonst. Erst seit 200 Jahren werden Künstler für ihre Musik bezahlt. Dass andere Leute  daran mitverdienen, ist 70 Jahre alt. Wenn sich diese Branche auflöst, dann ist das doch egal. Ein Betriebsunfall der Geschichte.

Wie entwickelt sich der deutsche Hip Hop?

Schwierig, weil sich die Szene ein wenig aufgelöst hat. Ich meine, auch jetzt in Freiburg, bei dieser Battle. Ich mag das sehr gerne, aber es ist ein bisschen altmodisch, diese Jungs mit den hängenden Hosen und dem Rucksack. Es ist  eben nicht mehr aktuell.

Was ist denn aktuell?

Dieses Abgehding. Frauenarzt und solche Geschichten, bei denen mehr Wert auf Unterhaltung gelegt wird. Geile Show, geile Stimmung und dass die Leute mitfeiern können. Damals war das ja eher so diese elitäre Geschichte beim Hip Hop: wenn du nicht gesprüht oder getanzt oder irgendwas gemacht hast, warst du auch nicht richtig dabei.

Heute ist das so ne Koksmentalität: „Ich bin ein Einzelkämpfer, ich stech jeden ab.“ Man steht am besten aggressiv im Club, alleine an der Wand. Ich glaube, das verändert sich jetzt eher wieder zu nem Rock' n' Roll Gefühl, dass man einfach abgeht und zusammen ne gute Zeit hat.



Hast du heute Abend in Freiburg gute Rapper gesehen?

Ja. Die drei, vier, die bis zum Ende gabattlet haben, waren ganz gut. Zum Beispiel B-Kwem, der auch gewonnen hat, Mars, Singner und dann gabs noch diesen König Boris. Klasse Typ: Lette, Oberlippenbart, Vokuhila und mit Cordjacke auf der Bühne.

Was empfiehlst du diesen jungen Rappern?

Ich würde einfach vom eigenen Konsumentenverhalten ausgehen. Wo schaust du dir deine Videos an? Wo holst du dir deine Musik? Beides holst du dir aus dem Internet. Du brauchst heute kein 30.000 Euro teures Video. Da reicht ein Handy und ne gute Idee. Wenn es gut ist, macht auch ein 100 Euro-Video die Runde auf Youtube.

So wie Icke und Er.

Genau. Die waren besoffen und haben sich verkleidet. Rischtig geil.

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