St. Luitgart: Studentinnen hoffen weiter auf Erhalt ihres Wohnheims

Claudia Kornmeier

Das Studentinnenwohnheim St. Luitgard in der Wiehre steht vor dem Abriss. Der Mietvertrag des Studentenwerks mit der Baugenossenschaft Familienheim Freiburg läuft Ende März 2010 aus. Die Familienheim plant, das Wohnheim abzureißen und stattdessen neue familientaugliche Wohnungen zu errichten. Die Bewohnerinnen protestieren. Im März haben sie die Initiative "LaLeLu – Lang lebe Luitgard!" gegründet. Seitdem haben sie zahlreiche Kontakte geknüpft, ein öffentliches Sommerfest für Unterstützer organisiert und Unterschriften gesammelt. Dennoch sieht es schlecht aus für den Erhalt des Wohnheims.



An der Haustür hängt eine Klarsichtfolie. Darin stecken ein Kuli und eine Unterschriftenliste. Wenn am Samstag Wiehremarkt ist, lassen die Bewohnerinnen von St. Luitgard Protesttücher an Balkon und Hauswand herab und schwärmen aus, um Unterschriften für ihre Initiative zu sammeln.


Die Protesttücher hängen sie immer wieder ab. Denn auch die Tücher hätten schon zu Ärger geführt, sagt eine Bewohnerin: „Es hieß, wir hätten ja nicht die Fassade gemietet.“

„Knapp 2.000 Unterschriften haben wir bis jetzt gesammelt“, sagt Johanna Weber (Bild unten links), eine der LaLeLu-Aktiven. Am 20. Oktober möchten sie die Unterschriftensammlung im Anschluss an eine Gemeinderatssitzung dem Oberbürgermeister Dieter Salomon übergeben. Begleiten wollen die Studentinnen die Übergabe mit einem Informationsstand auf dem Rathausplatz. „Drumherum werden wir mit Zelten und Isomatten lagern, um auf unsere Wohnungsnot aufmerksam zu machen“, sagt Johanna.



Die Studentinnen wollen ein öffentliches Zeichen setzen und an die soziale Verantwortung der Stadt appellieren, als Universitätsstadt günstigen, innenstadtnahen Wohnraum für Studenten zu erhalten. „Ein vergleichbar schönes, zentrales und gleichzeitig so günstiges Wohnheim gibt es in Freiburg nicht. Die Vauban ist vielleicht noch ganz schön. Aber sonst sind die Wohnheime doch eher Ghetto-Siedlungen in Littenweiler und sonst wo. Oder eben viel teurer“, sagt eine der Bewohnerinnen.

Die Studentinnen hätten sich gewünscht, dass die Stadt zumindest eindeutig Stellung zu ihrem Protest und zu den Plänen der Familienheim bezieht. Besonders prekär sehen sie in diesem Zusammenhang den derzeit in der Innenstadt plakatierten persönlichen Aufruf von Salomon an alle Freiburger, den neuen Studenten bei der Wohnungssuche zu helfen. Wird hier an die soziale Verantwortung der Bürger appelliert, während die Stadt ihrer eigenen Verantwortung nicht gerecht wird?

„Die Stadt hat sicherlich eine Verantwortung, studentischen Wohnraum zu schaffen. Und sie nimmt diese Verantwortung auch wahr. Im Fall des Wohnheims St. Luitgard besteht keinerlei Spielraum. Die Familienheim ist Eigentümerin des Grundstücks und kann als solche im Rahmen der Gesetze mit ihrem Grundstück verfahren wie sie möchte“, sagt Petra Zinthäfner, Pressesprecherin der Stadt.

„Einen Grundstückstausch hat die Genossenschaft abgelehnt. Und auch die Organisation eines Runden Tischs mit allen Beteiligten, der für September angedacht war, ist an der Familienheim gescheitert“, sagt Johanna. „Die Familienheim respektiert unsere Initiative nicht als Verhandlungspartner.“

„Von der Organisation eines Runden Tischs weiß ich nichts. Wir haben aber mit allen Beteiligten Gespräche geführt. Was an Offenheit und Transparenz gefordert wurde, haben wir erfüllt. Ich wüsste auch nicht, wo weiterer Informationsbedarf bestehen könnte“, sagt Anja Dziolloß von der Familienheim.

Und das Tauschangebot? „Es hat nie ein offizielles Tauschangebot gegeben. Wir hätten es allerdings auch nicht angenommen. Die Lage in der Wiehre ist einmalig und wir sind gegenüber unseren Mitgliedern verpflichtet, das Eigentum der Genossenschaft zu bewahren.“



Das Wohnheim St. Luitgard ist ein reines Frauenwohnheim, das die katholische Kirche in den 50er Jahren gegründet hatte. Seit knapp fünf Jahren führt das Studentenwerk das Wohnheim, in dem circa 100 Studentinnen leben. Grund für die Entscheidung, es weiter nur für Frauen zu öffnen, ist das Gemeinschaftsbad im Keller. Es ist das einzige Frauenwohnheim des Studentenwerks. „Wir haben einige Mitbewohnerinnen mit Migrationshintergrund, für die aus religiösen Gründen kein gemischtes Wohnheim in Betracht kommt“, sagt Johanna. Ohne entsprechenden Ersatz sei der Abriss auch aus diesem Grund zu bedauern.

Stress mit Nachbarn? „Bis auf vereinzelte Ausnahmen haben wir sehr gute Kontakte mit unseren Nachbarn. Viele sind auch zu unserem Sommerfest gekommen und haben sich für den Erhalt des Wohnheims ausgesprochen“, sagt Johanna. „Das ist sehr ungewöhnlich. Die meisten Studentenwohnheime haben Probleme mit den Anwohnern.“

Das Bürgerforum Lebenswerte Wiehre steht allerdings nicht auf der Seite der Studentinnen. „Wir unterstützten die Pläne der Familienheim“, sagt die Vereinsvorsitzende Christa Dzionara. „Aus Sicht des Stadtteils ist das Vorhaben der Familienheim vernünftig. Wir brauchen erschwinglichen Wohnraum für Familien und genau dieser soll dort entstehen.“ Sehr wichtig sei dem Bürgerverein bei seiner Entscheidung gewesen, dass die Familienheim versichert habe, dass der Wohnraumwechsel für die Studentinnen sozial verträglich und im Einvernehmen erfolge.

Das Studentenwerk hat tatsächlich allen Wohnberechtigten einen Platz in einem anderen Wohnheim angeboten und auch garantiert. „Von 31 Berechtigten haben sich bis zum Stichtag 18 gemeldet“, sagt Renate Heyberger vom Studentenwerk.

"Grundsätzlich wären wir bereit gewesen, das Wohnheim weiterzuführen“, sagt Renate Heyberger vom Studentenwerk. „Die Verträge mit der Familienheim waren aber von Anfang an auf fünf Jahre befristet. Ebenso die Verträge der Bewohnerinnen. Es war also für alle Beteiligten immer absehbar, dass das Wohnheim wohl nicht weiter bestehen wird.“

„Als ich vor eineinhalb Jahren hier einzog, war der Abriss nur ein Gerücht“, sagt Katrin. „Es hieß, das sei seit Jahren in Planung. Aber da werde eh nichts draus.“ Die Befristung ihres Mietvertrags habe sie erst später realisiert. Dass die Familienheim auf dem Grundstück günstigen Wohnraum schaffen wird, zweifeln die Studentinnen an. „Nach unseren Informationen wird die Miete für die geplanten Wohnungen über dem Durchschnittspreis hier in der Gegend liegen“, sagt Johanna.

Anfang Juni waren Kommunalwahlen. Im Mai stand der Protest der St. Luitgarder hoch im Kurs. Die Presse berichtete. „Vertreter aller Parteien haben uns besucht, sich informiert und ihre Unterstützung angekündigt.“ Doch leider habe das Interesse nach der Wahl nicht angehalten, sagt Johanna. In den Gemeinderatsfraktionen fänden sich nur noch vereinzelte Unterstützer. „Eine Ausnahme bilden lediglich die Unabhängigen Listen, die uns weiter als Ganze unterstützen.“

Können die Studentinnen ob dieser Rückschläge noch optimistisch sein, ihr Ziel, das Wohnheim zu erhalten, zu erreichen? „Mittlerweile bin ich nicht mehr optimistisch. Ich hoffe natürlich, dass wir doch noch Erfolg haben“, sagt Katrin Döllein (Bild oben rechts). Johanna will ihren Optimismus dagegen noch nicht aufgeben: „Wir müssen alles versuchen und weiterkämpfen.“

Ein weiterer Kampfplatz neben der Mobilisierung der Öffentlichkeit mit der Unterschriftaktion ist der Streit um die Sanierungsfähigkeit des Gebäudes. In einem Beitrag der TV Südbaden im Mai sagte die Pressesprecherin der Stadt Edith Lamersdorf, dass das Gebäude energetisch sehr veraltet sei und man an anderer Stelle sehr viel besser bauen könne.

„Die Stadt hat die Rentabilität einer Sanierung des Gebäudes in Frage gestellt. Wir haben uns darum bemüht, zu erfahren, auf welcher Grundlage die Stadt diese Aussage getroffen hat“, sagt Johanna. Auf eine Anfrage beim Baudezernat, ob es entsprechende Gutachten gäbe, hätten sie nie eine Antwort bekommen. Auch das Bürgerforum Lebenswerte Wiehre bezweifelt, dass eine rentable Sanierung möglich ist: „Wir haben das Gebäude in Augenschein genommen und sind zu dem Schluss gekommen, dass erheblicher Sanierungsbedarf besteht. Da aber die Kosten einer solchen Sanierung sicherlich auf die Mieten umgelegt würden, ist fraglich, ob das Gebäude nach einer Sanierung überhaupt als Wohnheim weiter betrieben werden könnte“, sagt Christa Dzionara.

Ein Gutachten liege der Beurteilung durch das Bürgerforum jedoch nicht zugrunde. „Die Sanierungsbedürftigkeit ist eine alte Geschichte und war schon Thema bevor das Gebäude vom Studentenwerk betrieben wurde“, so die Familienheim. Die Studentinnen stehen nun in Kontakt mit Architekten, um ein eigenes Gutachten zur Sanierungsfähigkeit zu erstellen.

Eine letzte, doch wohl recht aufwändige Möglichkeit sehen die Studentinnen darin, die Genossenschaftler selbst von ihrem Protest zu überzeugen. Sie hoffen, dass diese dann einen neuen Beschluss hinsichtlich der Pläne der Genossenschaft fassen könnten. „Einige Genossenschaftler haben uns schon ihre Unterstützung erklärt.“



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[Bilder: Claudia Kornmeier]