Ermittlungen

Spur 4334 – so kam die Polizei dem mutmaßlichen Mörder von Carolin G. auf die Schliche

Silke Kohlmann

Es ist eine kriminalistische Meisterleistung. Sieben Monate hat die Soko Erle ermittelt, tausende Spuren im Fall der ermordeten Carolin G. aus Endingen verfolgt, die Spur 4334 führt schließlich zum mutmaßlichen Täter.

Systematisch hat die Sonderkommission Erle mehr als ein halbes Jahr Spuren verfolgt, Kriminaltechniker haben in den Laboren rund 1500 Spuren ausgewertet. Und die Akribie der Ermittler hat sich ausgezahlt: Dank ihr konnte am Freitag ein 40-jähriger rumänischstämmiger Lastwagenfahrer aus Südbaden festgenommen werden. Er steht in dringendem Verdacht, sowohl Carolin G. aus Endingen als auch Lucile K. aus Kufstein getötet zu haben.


Eine Chronologie der kriminalistischen Meisterleistung

Der Fall in Kufstein

Es ist die Nacht vom 11. auf den 12. Januar 2014 im österreichischen Kufstein. Lucile K. bricht gegen Mitternacht von ihrer Wohnung auf, sie ist mit Freundinnen verabredet. Weil sie dort nicht ankommt, wenden sich die Freundinnen an die Polizei. Die findet in den frühen Morgenstunden die junge Frau tot am Ufer des Inn, erschlagen und sexuell missbraucht. Polizeitaucher bergen aus dem Inn eine Eisenstange, an der sich die DNA des Opfers nachweisen lässt – die Tatwaffe.

An der Leiche können Kriminaltechniker später eine DNA-Spur des Täters feststellen. Diese DNA-Spur ist von solcher Qualität, dass sie nicht in eine Datenbank eingespeist werden kann, sondern lediglich direkt mit einer anderen DNA verglichen werden kann.

Bald hegen die Ermittler den Verdacht, dass es sich bei dem Täter um einen Fernfahrer handeln könnte. 2,5 Millionen Laster fahren jährlich durch Kufstein, die Kleinstadt liegt an der Inntalautobahn, einer der wichtigen Nord-Süd-Routen. Der Tattag fällt auf einen Sonntag und auch in Österreich gilt das Wochenendfahrverbot. Schließlich gibt auch die Tatwaffe Hinweise auf einen LKW-Fahrer. Die Eisenstange weist zwei Bohrlöcher auf: Solche Eisenrohre werden unter anderem zum Abkippen von Lkw-Fahrerkabinen benutzt.

Auf der Suche nach ähnlichen Fällen stoßen die österreichischen Ermittler auf die Soko Erle. Die grenzübergreifende Zusammenarbeit beginnt. Mehrere Indizien sprechen dafür, dass es sich um einen Täter handeln könnten: beide Tatorte liegen in Autobahnnähe, beide Taten passierten an einem Sonntag, in beiden Ländern gilt das Wochenendfahrverbot. Die Täter-DNA wird abgeglichen.

Der Mord in Endingen

Am Sonntag, den 6. November 2016, verlässt Carolin G. ihre Wohnung zu einer Joggingtour. Weil sie nicht zurückkehrt schaltet ihre Familie noch am Nachmittag die Polizei ein. Am 10. November finden Polizisten in einem Wald zwischen Endingen und Bahlingen die Leiche der jungen Frau. Sie wurde erschlagen und Opfer einen Sexualstraftat. Die Spurenlage ist nicht gut, intensiver Regen hat viele Spuren vernichtet. DNA-Spuren des Täters können aber sichergestellt werden.

Am 17. Januar 2017 wird klar, dass es sich bei den Mordfällen von Endingen und Kufstein um denselben Täter handelt: Die DNA-Spuren stimmen überein.

Dass es sich beim Täter um einen Brummifahrer handeln könnte, ist eine von mehreren Täterhypothesen der Soko Erle, wie ihr Leiter Richard Kerber erläutert.

Das Phantombild

Am 5. April 2017 geht die Soko Erle mit einem Phantombild an die Öffentlichkeit. Gesucht wird ein Mann, der am Tatnachmittag zwischen Endingen und Bahlingen gesehen wurde. Das Phantombild basiert auf den Aussagen einer Zeugin, die schon relativ früh vorgelegen haben. Inzwischen konnten die Mitarbeiter der Soko die Identität aller Personen klären, auf die es Zeugenhinweise gab – mit Ausnahme dieses Mannes.


Nach der Veröffentlichung des Phantombildes gehen etwa 350 Hinweise ein. Die meisten davon beziehen sich auf die Region - es gibt aber auch Hinweise aus dem ganzen Bundesgebiet und vereinzelt aus dem benachbarten Ausland.

Die Mautdaten

Die österreichischen Ermittler stellen der Soko-Erle unter anderem die LKW-Maut und Abrechnungsdatenzur Verfügung. Dabei handelt es sich um 50.000 Datensätze, die gefiltert werden mussten. Mit Erfolg: Die Sonderkommission Erle kann das Tatwerkzeug aus Kufstein einem bestimmten LKW-Modell zuordnen. Dadurch grenzt sie die Zahl der LKW bereits deutlich ein. Zudem werden die Tat- und Verweilzeiten sinnvoll eingeschränkt. Damit kommen die Ermittler schließlich auf eine geringe Anzahl von Lastwagen. Die Speditionen werden angeschrieben und Personaldaten der damaligen Fahrer angefragt.

Das ist der Durchbruch: "Wir haben festgestellt, dass die Person, die 2014 in Kufstein eine Lastwagentour hatte, auch am 6.11. und auch heute noch hier in der Region wohnt und als Fahrer tätig ist," berichtet Richard Kerber, Leiter der Soko Erle. Das Handy des mutmaßlichen Täters ist am Tattag in der Nähe des Tatorts eingeloggt.

Die Festnahme

Nachdem diese Informationen vorliegen, suchen die Beamten den mutmaßlichen Täter auf, er gibt freiwillig eine Speichelprobe ab. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass es sich bei ihm um den Spurenleger beider Taten handelt. Der 40-Jährige wird festgenommen und am Samstag dem Haftrichter vorgeführt, jetzt befindet er sich in Untersuchungshaft.

Nun wollen die Ermittler – auch mit Hilfe der Mautdaten – klären, ob der Verdächtige auch für weitere Sexual- und Tötungsdelikte verantwortlich ist.

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