Southside Festival 2013: Zehn Erinnerungen für die Ewigkeit

Marius Notter & Jan Wittenbrink

Auf dem diesjährigen Southside gab's zwar keinen Schlamm, dafür aber einen Jesus mit Bierdosenkreuz, Taylor Swifts Nervsong "Trouble" in heavy rotation und nackte Bungeespringer. Wir sagen euch, was noch so abging und liefern euch eine fabelhafte, aus der Hüfte geschossene Fotogalerie:



Das beste Konzert


Rammstein hat wieder mal eine Show von 'nem andern Stern geliefert; am meisten Spaß hatte ich bei Chase & Status. Da war die Stimmung schon vor dem Konzert krass. Wie diese Jungs durchgedreht sind auf der Bühne, das war einfach mega. 

Die größte Enttäuschung

Sonntagabend: Es spielen gleichzeitig: Arctic Monkeys, Parkway Drive, Deichkind und Gesaffelstein. Sich zu entscheiden also extrem schwer. Letztes Jahr war Sonntagabend Bassnectar mit Abstand das beste Konzert - dieses Jahr war ich bei Gesaffelstein, und es war so langweilig wie ein Konzert nur sein kann. Das Publikum will noch ein letztes Mal durchdrehen, doch es passiert nichts.

Das Bühnenbild war einschläfernd, es sah aus wie sakrale Marmorarchitektur. Außerdem unterbricht er seine Songs immer dann, wenn die Stimmung steigt. In der letzten Viertelstunde dreht er plötzlich auf. Dann drückt er den Off-Knopf, verbeugt sich und haut ab. Geiler Auftritt für Sonntag 22 Uhr ... nicht.

Die krassesten Partymacher

Taylor Swift ist ja an und für sich schon nervig. Aber 24 Stunden am Stück Taylor Swifts Song "Trouble" zu hören, ist eine Steigerung, die nicht übertroffen werden kann. Denkste! Denn nicht weit von unserem Camp lief von Freitagmittag bis Sonntagnacht "Trouble, Trouble, Trouble". Ohne Pause. 

Das verrückteste Outfit

Ich habe Jesus getroffen, er trug ein Kreuz aus Bierdosen, Schläppchen aus Panzertape, eine Dornenkrone aus Kabelbindern, einen Lendenschurz aus einem Jutebeutel, langes wallendes braunes Haar sowie eine rote Sonnenbrille und er hat mit Bier "gesalbt". Aus einem Ghettoblaster, den seine "Jünger" dabei hatten, schallte es: "Jesus war ein flotter Typ, den hatten alle Leute lieb, denn aus Wasser machte er Wein, wer will da nicht sein Kumpel sein."



Die größte Nevensäge ...

... war das blonde Mädel (Typ Festival-Abfeiererin) mit ihren drei Freundinnen, die beim Marteria-Konzert vor mir standen. Sie hatten sich Feen-Flügel aus Draht auf den Rücken gespannt, die mir das komplette Konzert lang im Gesicht hingen. Egal wie ich ihr die Flügel verbogen habe, sie landeten immer wieder in meinen Augen. Hätte ich ein Wunsch frei gehabt, hätte ich mir sie und ihre Freundinnen in die Mitte einer "Wall of Death" gewünscht.  

Der beste Wettermoment

 
Freitagnacht, 1 Uhr: Der Regen hört auf!

Das Wetter auf dem Southside 2013 war eine Kopie des Wetters auf dem Southside 2012: Am Donnerstag Unwetter, dann nur Sonne und bei der Abreise wieder Kälte. Das Gröbste ist Freitagnacht um 1 Uhr überstanden. Zuvor ist ein Wolkenbruch auf dem Gelände niedergegangen, und viele der gerade erst aufgebauten Pavillons sind direkt wieder zerstört worden. Zu einer Schlammschlacht kommt es in den nächsten Tagen aber nicht, der Boden ist schnell wieder trocken. Ab Freitagmorgen herrscht perfektes Festivalwetter!

 

Der Gänsehautmoment

Von Mike Rosenberg haben wohl die wenigsten etwas gehört – bekannt ist er unter seinem Künstlernamen Passenger. Der Brite tourte jahrelang als Straßenmusiker durch die Fußgängerzonen, dann wurde seine Ballade „Let her go“ ein Megahit und landete auch in Deutschland auf Platz eins.

Als Passenger am Freitagabend im Red-Stage-Zelt zunächst eine Version von „Eye of the Tiger“ anstimmt und dann plötzlich in seinen Hit überleitet, ist der Lärmpegel im Zelt unbeschreiblich. Unzählige Smartphones werden gezückt, und das größtenteils weibliche und sehr junge Publikum singt mit voller Inbrunst mit. Die Akustik des Zeltes sorgt dafür, dass die Zuschauer viel lauter sind als Passenger und seine Gitarre – ein Gänsehautmoment!

Well you only need the light when it's burning low
Only miss the sun when it starts to snow
Only know you love her when you let her go

Die Völkerwanderung

Torpus & The Art Directors sind eine sehr sympathische Nachwuchsband aus Nordfriesland, spielen melancholische Folkmusik. Erstmals spielen sie in diesem Jahr auf dem Southside, Samstagmittag um 13.30 Uhr. Kein optimaler Slot, aber als die Band die Blue Stage betritt ist es davor trotzdem schon bemerkenswert voll.

Während des Konzerts wird es dann immer voller – offenbar wollen sich alle einen guten Platz sichern für den darauffolgenden Auftritt von Macklemore & Ryan Lewis. Der US-Rapper war zum Zeitpunkt der Buchung fürs Southside noch lange nicht so bekannt wie jetzt – daher muss er mittags spielen und bekommt auch nur eine halbe Stunde Zeit. Eigentlich war er für eine Zeltbühne vorgesehen gewesen, daraufhin gab es einen kleinen Shitstorm auf der Southside-Facebookseite.

Am Samstagmittag setzt nun eine wahre Völkerwanderung vom Campingplatz zur Blue Stage ein, wie bei einem Headliner. Eine etwas absurde Szene. Torpus & The Art Directors, die übrigens am Samstag beim ZMF spielen, schauen während ihres Auftritts in unzählige Macklemore-Pappschilder, werden vom Hiphop-affinen Publikum aber trotzdem gefeiert und verlassen die Bühne unter großem Applaus.

 

Die Bungeespringer vor der Blue Stage

Wer auf dem Southside erhöhten Adrenalin-Bedarf hat, der kann sich vom Himmel stürzen: Für entsprechendes Kleingeld gibt es einen Bungeesprung zu kaufen. Der Sprungturm steht direkt vor der Blue Stage, so dass die dort auftretenden Bands genau darauf gucken. Das sorgt bei einigen Künstlern für Irritation. Tame Impala machen extra eine kleine Pause, um auf einen Sprung zu warten. Das Publikum feuert lautstark an, leider überlegt es sich dann ausgerechnet dieser Springer anders und fährt wieder runter. Verwundert ist vor allem The National-Sänger Matt Berninger: "It’s really hard to concentrate when people fall from the sky." Um dann hinzuzufügen: "Please, never do this. It’s not worth it."

Das Samstagabend-Konzert von The National ist übrigens einer der Höhepunkte beim diesjährigen Southside, was nicht zuletzt an der Tagesform des Sängers liegt. Live hat seine Stimme viel mehr Energie als auf Platte, teilweise schreit er sich die Seele aus dem Leib. Er wälzt sich am Boden, schmeißt den Mikroständer durch die Gegend und macht mit seinem Kabelmikro einen ausgiebigen Ausflug durchs Publikum. Leider dauert das Konzert nur eine Stunde, viel zu wenig Spielzeit für diese großartige Band.  

Der größte Kontrast

Am Samstag gibt es echtes Kontrastprogramm: Während auf der Green Stage Rammstein mit schweren Riffs, Raketen, Feuerkanonen und überdimensionalen Genitalien um sich ballern, gibt es auf der Blue Stage ganz zarte Musik. Die Songs von Portishead und Sigur Ros leben von ihrer Atmosphäre. Die Stimme der Portishead-Sängerin scheint über den sanften Arrangements zu schweben. Auf der Leinwand werden düstere Videos gezeigt und dazu scheint der Mond - toll!

Zeugen wollen übrigens gesehen haben, dass sich am Samstagabend zahlreiche Rammstein-Touristen auf dem Hügel außerhalb des Geländes versammelt haben, um die Pyroshow von weitem zu verfolgen, ohne Eintritt zu bezahlen.

Kein Müll im Green Camp!

Im Southside-Ticket sind zehn Euro Müllpfand enthalten. Das bekommt man zurück, wenn man einen gefüllten Müllsack abgibt. Im „Grüner Wohnen-Camp“ des Southside führt das am Montag zu Problemen: Es gibt einfach nicht genug Müll! Für das Green-Camp melden sich Leute an, die etwas sauberer und ruhiger campen wollen. Erstmals liegt es in diesem Jahr direkt neben der Green Stage. An sich eine gute Sache, allerdings wird das Camp übertriebenerweise bewacht wie ein Hochsicherheitstrakt. Hier kommt absolut keiner rein der sich nicht dafür angemeldet hat. Ein typisches Festivalproblem gibt es auch auf dem Green Camp: Viel zu wenig sanitäre Anlagen für so viele Leute.

Na ja, was soll’s, das ist eben Festival!

Mehr dazu:

  • fudder: http://fudder.de/artikel/2013/01/24/-d5d9c80b07/" titel="">Christine Neder hat in 40 Wochen 40 Festivals besucht
 

Fotogalerie: Marius Notter

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