Souk Magazine: Ganz nah am Nahen Osten

Christoph Müller-Stoffels

Siedlungsbau, Raketenangriffe und Selbstmordattentäter – die Nachrichten, die uns aus dem Nahen und Mittleren Osten erreichen, haben mit Krieg, Gewalt und vielen Toten zu tun. Aber es gibt auch die anderen Geschichten, etwa die von Palästinas einziger Brauerei oder den Kicker-Kids aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Marc Röhlig, Student aus Freiburg, stellt sie auf Souk Magazine vor. In der vergangenen Woche wurde die Website mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.


Vor nicht einmal einem Jahr wurde das Souk Magazine von Marc Röhlig (Bild oben links), Simon Kremer (Bild oben Mitte) und Jan Hendrik Hinzel gegründet. „Das hatte mit unseren Auslandsaufenthalten im Orient zu tun“, sagt Marc. „Wir wussten, wir würden dort viele Geschichten finden.“ Und das stimmt. Es sind Geschichten, die sonst nicht oder nur selten in die Medien und nach Deutschland finden. Wer weiß zum Beispiel, dass es in Palästina eine Brauerei gibt? In „Die Königin der Biere“ wird die Geschichte des Familienbetriebs erzählt, einschließlich der traumatischen Erfahrungen der Araber mit den deutschen Trinkgewohnheiten: „Letztes Jahr hatten wir eine bayrische Band, so richtig mit Lederhosen und allem“, berichtet dort Brauereibesitzerin Madees Khoury. „Die haben so viel getrunken, die Leute waren geschockt.“


"Wir wollen keine Konflikte lösen“, sagt Freiburger Islamwissenschaftsstudent, „unsere Philosophie ist einfach nah am Menschen dran zu sein.“ Der 24-Jährige ist Herausgeber des Souk Magazine, einer Homepage, die sich den Untertitel „Gesellschaftsmagazin für den Orient“ gegeben hat und mit Reportagen und Hintergrundberichten aus den Ländern zwischen Türkei und Pakistan eine wachsende Zahl von Lesern erfreut. Es geht um Träume, den Alltag und die Realität abseits der Schlagzeilen.

Erfreut hat es auch die Fachwelt, die das junge Magazin in diesem Jahr nicht nur im Mai mit dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnet hat. Auch ein Grimme Online Award ging vergangene Woche an das Team, zu dem neben Röhlig, Kremer und Hinzel eine größere Zahl von Autoren zählen.„Kenntnisreich, engagiert und auf hohem journalistischem Niveau gelingt es dem Redaktionsteam, den Lesern eine ferne Welt näher zu bringen“, begründet das die Grimme-Jury. Nicht alle Themen sind einfach zu recherchieren. „Ich habe in Damaskus ein halbes Jahr an einem Artikel über Homosexuelle gearbeitet“, berichtet Röhlig. „Da kannst du nicht einfach fragen 'Du siehst aus, als seist du schwul. Wie geht es dir damit?'“ Aber die Preise bestärken darin, den Weg fortzusetzen, mehr Kontakte zu knüpfen, mehr Inhalte zu liefern. Bislang wird einmal pro Woche eine große Geschichte veröffentlicht. „Ab dem Herbst wird das vielleicht weniger, weil wir nicht mehr vor Ort sind.“ Aber das Redaktionsblog wird fortgeführt. Außerdem soll beim anstehenden Relaunch ein internes Lexikon installiert werden, so dass die Artikel ihren Reportage-Charakter behalten, aber trotzdem Hintergrundwissen geliefert wird und Länder-Dossiers angelegt werden.

Neben seinem Studium absolviert Röhlig macht er eine Ausbildung an der Journalistenschule der Konrad-Adenauer-Stiftung. Darüber und über einen Aufenthalt in Damaskus, der für ihn gerade zu Ende gegangen ist, hat er viele Kontakte zu Autoren geknüpft, die allesamt unbezahlt für das Magazin arbeiten und im Orient unterwegs sind. Etwa 100 User pro Tag besuchen derzeit das Souk Magazine, also etwa 600 bis 700 pro neuem Artikel. „Für eine kleine, lustvolle Site, die sich aus der Nische ins Internet gewagt hat, ist dasnicht schlecht“, meint Röhlig. Und es steht zu erwarten, dass die gewonnenen Preise dem Userflow nicht abträglich sind. Röhlig selbst plant schon die nächsten Reisen. Istanbul, Kairo und Isfahan stehen auf der Liste. Und später? „Mein Traum ist natürlich, als Korrespondent für die ZEIT oder den Spiegel zu arbeiten, aber das ist erstmal illusorisch.“ Auch für ihn gibt es die Realität.

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