Sophie studiert (4): Ich liebe Rentner!

Sophie Passmann

Sie lahmen durch die UB, fotografieren die Deckenbeleuchtung und sagen Dinge wie: "Sehr Bauhaus - nicht, Herbert?" Sophie schlägt den Studenten vor: Macht es genauso!



Wir Studenten sollten es viel öfter wie die Rentner machen. Jeden Tag lahmen unzählige Senioren mit hochkulturellem Hintergrund durch die Etagen der Uni-Bibliothek. Manche haben einen Flyer mit Infos über den Architekten dabei, was natürlich maximal niedlich ist. Sie bleiben mitten in den Hallen stehen, machen Fotos von der Deckenbeleuchtung („Sehr Bauhaus, findest Du nicht auch?“), oder sie neigen sich mit der Fensterfront leicht nach vorne und schauen von oben auf den Irish Pub neben der UB. „Ah, guck mal, da sind wir eben reingegangen.“ Andere sagen Dinge wie: „Also mich erinnert das auch sehr an das Gebäude der EZB, nicht, Herbert?“


Diese Rentner sagen das übrigens sehr laut, weil ihnen egal zu sein scheint, dass die UB nicht ausschließlich zu ihrer Belustigung gebaut wurde, sondern dass diese „jungen Dinger“, die hier rumsitzen, für Klausuren lernen, in denen sie zum Beispiel gefragt werden, wie die EZB funktioniert.

In leisen Räumen können ältere Menschen erstaunlich laut sein, gemessen daran, dass ihnen ihre Umwelt ständig selbst viel zu laut zu sein scheint. Vielleicht gründe ich die Bürgerinitiative „Bibliothek lebenswert“ und fordere Alterskontrollen an der Drehtür, die UB den Studenten.

Das war natürlich nur ein Witz. Ich liebe Rentner. Und ich liebe es irgendwie auch, wie sie da Urlaub zu machen scheinen, wo ich studiere. Denn sie sind ja nicht nur wegen der UB da, danach laufen sie stundenlang durch die Stadt, schauen sich alte Gebäude an und stehen Radfahrern im Weg.

Mehr Tourismus wagen!

Aber mal ehrlich: Als Student in Freiburg ist man ganz schön verwöhnt mit einer absurd schönen Stadt, wir scheinen das manchmal zu vergessen. Wir sind so beschäftigt, in Studentenkneipen Spaghetti für 2,50 Euro zu essen, dass wir die To-Do-Liste der Reiseführer noch nicht abgehakt haben.

Ich fordere: Mehr Tourismus wagen! Wir sollten es ab und zu wie die Hochkultur-Rentner machen und uns vor Augen führen, dass das ein ganz schön aufregendes Stück Architektur ist, in dem wir jeden Tag unseren Kaffee trinken. Öfter mal mittags eine lange Rote mit auf dem Münsterplatz essen (Nein, die „Schwarzwälder Woche“ in der Mensa zählt nicht).

Es ist sehr erschreckend, wie viele meiner Kommilitonen noch nie auf dem Feldberg waren. Wir sollten uns öfter ein paar Räder klauen und in die Weinberge fahren, die sind nämlich gar nicht so weit weg. Wir studieren im Schwarzwald, verdammt! Die schönsten Orte der Welt sind nur eine Fahrt mit der Regionalbahn entfernt!

Langweilie dein Semesterticket nicht mit täglichen Straßenbahn-Fahrten! Weniger Cuba Libre für 3,50 Euro in der StuSie, mehr Wein von Breisgauer Winzern trinken! Mehr Grenzgang! Mehr so leben, wie die Touristen es machen! Und am besten fangen wir damit an, uns die Deckenbeleuchtung in der UB anzuschauen.

Ist das wirklich Bauhaus?

Zur Person



Bisher war Sophie Passmann (21) hauptberuflich Moderatorin, zum Beispiel beim Poetry-Slam im Café Atlantik. Jetzt fängt sie ihr Studium in Freiburg an – vor allem, weil sie im Kino auch endlich mal den ermäßigten Ticketpreis bezahlen möchte. In ihrer Kolumne schreibt sie jede Woche von dem neuen Leben, das sie als Erstsemester jetzt so führt.

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[Foto 1: koti/Fotolia.com, Foto 2: Jule Markwald]