Sophie studiert (12): Die Erstsemester-Bilanz

Sophie Passmann

Das erste Semester ist geschafft! fudder-Autorin Sophie Passmann, 22, die seit Oktober an der Albert-Ludwigs-Universität Politik und Philosophie studiert, zieht Bilanz.



Die Mensa lohnt sich

Als Student gibt es immer einen einzigen Maßstab, den man bei der Bewertung einer Speise ansetzen kann: „Ist es besser als das, was ich mir Zuhause gekocht hätte?“ Die Antwort ist grundsätzlich immer „ja“, denn – es ist kein Klischee –  Kühlschranke von WGs sind sehr, sehr traurig befüllt. Sollte man also nicht verschimmelten Joghurt mit Senf zu Mittag essen wollen, ist Mensa immer die bessere Wahl. Einen sehr niedlicher Neologismus für den Besuch der Mensa ist übrigens das Verb „mensen“: „Gehen wir heute mensen?“ Aber ja, bitte!

Eins der großen Mensa-Geheimnisse wird für mich allerdings bleiben, welche Art von Nostalgie die Küchenchefs haben, dass sie ausnahmslos jeden Freitag Milchreis auf den Speiseplan setzen. Ist das wieder eine Freiburger Tradition, die ich nicht kenne, wie das mit dem Ins-Bächle-Treten? Muss ich ein Bobbele heiraten, wenn ich freitags aus Versehen was anderes esse?  Vielleicht ist es auch einfach nur eine studentische Art und Weise, das Wochenende einzuläuten: nach einem halben Kilo gezuckertem Reis mit Milch kann man den Rest des Tages nämlich weder auf die Klausur lernen noch arbeiten. Wirklich. Ich habe es ausprobiert, mehrfach.



Kommilitonen sind toll

Das Gut „Kommilitonen“ ist kaum zu erschöpfen: Jeden Tag lernt man neue von ihnen kennen. Die ersten Wochen ist das sehr aufregend, irgendwann reicht’s dann aber auch mit den Mitmenschen: Wir brauchen dringend eine Obergrenze für Kommilitonen.

Denn die guten Leute, die, mit denen man die ganze Zeit rumhängt, findet man doch eh in der ersten Woche bei einer der Kneipentouren. Das sind die neuen Verbündeten, mit denen man kaffeetrinkend auf irgendwelchen Innenhöfen vor Kollegiengebäuden rumjammert, wie viel man noch lernen muss.

Statt dann später tatsächlich zu lernen, wird kollektiv festgestellt, dass es „heute eh nix mehr bringt, anzufangen“. Dann wird weiter Kaffee getrunken. 

Die UB ist unpraktisch

Praktisches ist selten schön, Schönes selten praktisch: Diese abgegriffene Punchline fällt mir jedes mal ein, wenn ich in einem der Stockwerke des Parlatoriums zuschaue, wie Studenten versuchen, in knautschigen Ledersitzen an kniehohen Beistelltischen eine vernünftige Arbeitsposition zu finden. Stühle und Tische in ergonomisch sinnvollen Höhen? Nicht mit der neuen Freiburger UB! Ich denke, wir werden die erste Generation junger Akademiker mit irreparablen Haltungsschäden sein, einfach nur, weil wir jahrelang in „Lounge-Möbeln“ lernen mussten.

Ein interessantes Phänomen ist auch, dass es in diesem hochmodernen Gebäude keine Garderoben mehr gibt. Bevor die Frage aufkommt: Ja, auch im Jahr 2016 haben Studenten noch Jacken. Aber wir hängen sie eben nicht mehr auf, der Architekt wollte das so. Wahrscheinlich hätten Garderoben das loungige Bild gestört.



Das ist meines Erachtens aber eine Kleinigkeit verglichen mit der Tatsache, dass es im gesamten Gebäude keinen Handyempfang gibt. Wir sind im 21. Jahrhundert! Die Planer haben es geschafft, mit unserer Körperwärme das Gebäude zu beheizen, aber ich kann nicht mal eine SMS schreiben? Was soll ich denn bitte die ganze Zeit da drin machen, wenn mein Handy nicht funktioniert, etwa lernen?!

Seit es die neue UB gibt, haben wir Studenten auch einen neuen tollen Programmpunkt für den ersten Besuch der Eltern in Freiburg. Es ist sehr niedlich anzusehen, wie junge Studenten ihre stolzen Eltern durch das hochmoderne Gebäude führen. „Joaaa, und das ist jetzt also hier lernen wir und da hinten gibt’s Kaffee.“ Als meine  Eltern das erste Mal da waren, hatte ich übrigens gehofft, sie würden meine Empörung wegen des fehlenden Handyempfangs teilen. Aber das schien sie nicht zu interessieren;  meine Mutter starrte lediglich völlig fassungslos die Fassade der UB an und fragte: „Wer putzt denn die ganzen Fenster?“

Studieren ist super

Für einen jungen dynamischen Bachelor-Studenten ist Zeitmanagement alles. Da wäre vor allem die Unterscheidung zwischen „Prüfungsleistung“ und „Studienleistung“ sehr wichtig. Für Prüfungsleistungen muss man schon mal ein paar Wochen Privatleben opfern und lernen, denn man Ende kriegt man eine Note. Bei „Studienleistungen“ muss man vor allem anwesend sein und vielleicht auch etwas leisten: rhythmisch ein Referat klatschen oder eine Hausarbeit tanzen, so in die Richtung.



Trotzdem: Die Zeiten, in denen man sich ruhig mal 20 Semester Zeit nehmen konnte für das Germanistik-Studium, sind vorbei. Heutzutage planen sie uns 6 Semester für das Grundstudium ein, mehr Zeit bleibt auch nicht, denn es ist ganz wichtig, dass wir junge Akademiker schnell auf den Arbeitsmarkt gespült werden. Nichts braucht unsere Wirtschaft so dringend wie 22-jährige Soziologen und Kulturwissenschaftler!

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[Illustration: Karo Schrey]