Sophie Hunger auf dem ZMF: Appetit auf mehr

Alexander Ochs

Jenseits aller Kalauer: Die Schweizer Chanteuse Sophie Hunger beehrte das Zirkuszelt. Dank ihrer Bühnenpräsenz machte sie ein halbleeres Glas erst halbvoll, dann voll und schlussendlich brachte sie es zum Überlaufen. Prost!

Als verbaler Diätetiker erweist sich zu Beginn Festivalgründer Alex Heisler, der es sich nicht nehmen lässt, heiße Luft ins ohnehin tropisch schwüle Zirkuszelt zu blasen. Und das geht so: „Wir genießen diesen Abend, weil wir dabei sind. Ja, da kann man ruhig mal sich selber feiern.“ Heisler Luft. Vielleicht wäre es besser, nur dann auf die Bühne zu gehen, wenn man auch etwas zu sagen hat, mag sich da so mancher gedacht haben.

Als Appetizer darf das Freiburger Duo Kraków Loves Adana ran. Ihr „intimer Minimalismus“, dank des frisch erschienenen fantastischen Debütalbums mit reichlich Vorschusslorbeeren garniert, droht allerdings in der Schwüle des nicht mal halbvollen Zirkuszeltes zu verpuffen. Vom Band kommt das dumpfe Dröhnen einer Bassdrum, darüber legt sich eine sphärisch hallende Gitarrenschicht, immer wieder Momente von Monotonie, Variation und Repetition, reduziert, eingekocht, heruntergebrochen bis aufs Knochenmark. Da hätte man sich die satte Klangfülle im vollen Breitwand- und Bandformat gewünscht. So wirkte das eher wie Magerkost beim angeregt plaudernden Publikum.



Nach einer Pause wird der Hauptgang serviert. Hunger ist da. Im schwarzweiß gemusterten Kleid steht sie auf der Bühne, und nur mit ihrer Stimme füllt sie das an diesem Abend viel zu große Zirkuszelt. A capella auf Schwyzerdütsch anfangen – es gibt leichtere Übungen. Die Herausforderung meistert Sophie Hunger bravourös, viel Applaus brandet der grazilen Schweizerin entgegen. Reif für die große Bühne.

Im letzten Herbst war sie zum ersten Mal in Deutschland auf Tour, erste Station war das Freiburger Jazzhaus. „Es war der Anfang einer unglaublichen Zeit für uns, die immer noch weitergeht“, gesteht die 27-Jährige, die inmitten scheinbar fluoreszierender Tentakel steht. Der unaufdringlichen und gelungenen Lichtregie hätte es allerdings gar nicht bedurft: Mademoiselles Strahlkraft hätte an diesem Abend wohl auch die entfernteste Raumstation im All erreicht.

Die Singer/Sonwriterin nährt das Publikum mit ihrer hinreißenden Stimme, gönnt sich einen in all dem Sublimen erkennbaren aggressiven Unterton, der auch mal Rockiges aufblitzen lässt, und verwöhnt das Publikum mit einer Fülle von Klängen, Klagen, Klugem, kurzum, ausgereiften Kompositionen mit beeindruckenden Wechseln. Begleitet wird sie unter anderem von Michael Flury, einem unglaublich beweglichen Posaunisten, der sein Instrument lebt – wie auch Sophie Hunger ihre Musik lebt.

„Invisible“: Deutlich sicht- und hörbar phrasiert sie toll, mal eigenwillig, mal im Stile einer Souldiva, spielt die Songs ihres neuen Albums, das rgendwie großstädtisch wirkt, ja urbane Nonchalance versprüht. Ihre Finger huschen verspielt über die Tasten, mit dahingetupften Jazzimpros brilliert sie am Piano. Genauso zupft sie selbstbewusst und souverän an ihrer Gitarre und reißt dabei jedes Mal energisch die Hand in die Luft.

Frenetischer Jubel, wildes Getrappel. Ein überragender Auftritt, der ihr viele neue Freunde bescheren dürfte. Am CD-Stand ist nach dem Konzert der Ausnahmezustand ausgebrochen. Auf die Frage, wie sie denn ihre Musik einordnen würde, fielen imfudder-Interview die Worte „Musik fürs Volk. Kochen mit Hunger.“ Das macht Appetit auf mehr.

Mehr dazu:


     

Foto-Galerie: Janos Ruf


Tipp:
Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.