Sonnenbank-Flavour und Solarium-Flow

Linda Tuttmann

Mit dem Ende des Sommers geht auch die Sonnebräune verloren - Es sei denn, man schmiert sich mit Selbstbräuner ein oder legt sich auf die Sonnenbank. Für manche ist das ein wöchentliches Wohlfühl-Ritual, für andere der Hautkrebs-Horror. Linda hat für fudder recherchiert.



Vor einigen Wochen war in der Badischen Zeitung die Geschichte einer Straßburgerin zu lesen: Sie hatte sich in einem Sonnenstudio Verbrennungen ersten Grades zugezogen. Sie ist nur eine von vielen, die die perfekte Bräune suchen oder die den beginnenden Winterblues mit ein paar künstlichen Sonnenstrahlen zu vertreiben versuchen.


Der Beginn der Wintermonate läutet die Solarium-Saison ein; Die Diskussionen um das Hautkrebs-Risiko und die Bräunungssucht Tanorexie werden fortgeführt.

In Deutschland gibt es, laut dem Wissenschaftsarchiv Philognosierund 5000 Sonnenstudios. 12,2 Millionen Menschen über 18 Jahren, das sind 20 Prozent der Bevölkerung, legen sich mehr oder weniger regelmäßig auf die Sonnenbank. Eine Umfrage der Zeitschrift Healthy Living zeigte, dass die Sonnenanbeter auch schon in jüngeren Altersgruppen zu finden sind: Jedes fünfte Mädchen zwischen 13 und 18 geht demnach häufig ins Sonnenstudio, und das trotz der Risiken. Doch machen Sonnenstudios auf die Gefahren eines Sonnenbankbesuches überhaupt aufmerksam? Beraten sie Kundinnen und Kunden Haut-Typ-gerecht? Ich habe in zwei Freiburger Sonnenstudios den Selbstversuch gemacht.



Sonnenstudio A

Die Frau hinter dem Tresen begrüßt mich freundlich. An der Wand hinter ihr hängt ein nicht zu übersehendes, eingerahmtes Zertifikat. Ich erhalte eine ausführliche Beratung.Wegen meiner hellen Haut (siehe Bild rechts) rät sie mir für den Anfang das schwächste Gerät zu nutzen, zwei Mal in der Woche für jeweils 10 Minuten, bis eine Grundbräune erreicht ist. Danach kann ich einmal wöchentlich auf das nächst stärkere Gerät gehen. Auf die am stärksten eingestellte Bank sollte ich wegen meines Hauttyps ganz verzichten.
Sie weist außerdem darauf hin, dass man es mit den Sonnenbankbesuchen nicht übertreiben sollte, da das Bräunen sonst zu einem Gesundheitsrisiko wird. Das Tragen einer Schutzbrille ist in diesem Sonnenstudio Pflicht. Auf die Frage, ob meine 14-jährige Schwester die Sonnenbank ebenfalls nutzen könne, schüttelt die Frau energisch mit dem Kopf.

„Unter 18 Jahren sollte man Sonnenstudios meiden“, sagt auch Professor Erhard Hölzle, Dermatologe aus Oldenburg. „Die junge Haut ist besonders empfindlich und verträgt die UV-Strahlen nicht gut. Bei Minderjährigen hat sich die schützende Hornhaut noch nicht ausreichend gebildet und die Pigmentierung ist nicht voll ausgeprägt.“ Er empfiehlt, dass man bei der Auswahl des Sonnenstudios auf ein Zertifikat achten sollte. „Qualitätsbewusstsein und Hygienestandards sind wichtige Voraussetzungen um Schäden vorzubeugen.

Sonnenstudio B

 
Ich werde ungläubig gemustert als ich erkläre, dass ich noch nie auf einer Sonnenbank lag und mich erst einmal nur informieren möchte. Fast ein bisschen genervt begutachtet mich die Mitarbeiterin des Sonnenstudios und fragt mich dann, ob das Blond meine Naturhaarfarbe sei.
Als ich das verneine und ihr sage, dass die Naturfarbe eher ins Braune gehe, rät sie mir zu einer mittelstarken Sonnenbank. Ich gebe vor, in kürzester Zeit so braun wie möglich werden zu wollen. Auch sie erklärt mir, dass häufiges Sonnen zu Hautschäden führen kann. Doch gleich darauf nennt sie mir den Preis für eine halbe Stunde auf dem stärksten Gerät. 15 Euro und einen Latte Macchiato gratis.
Sie zeigt mir teure Pflegeprodukte, die ich zusätzlich verwenden kann. Von Schutzbrillen und anderen Schutzmaßnahmen ist hier nicht die Rede. Mehr als zweimal die Woche sollte ich nicht kommen, sagt mir die Mitarbeiterin noch, bevor sie sich einem anderen Kunden zuwendet.

Nach Aussagen von Professor E. Hölzle sind 30 Sonnenbäder im Jahr im Rahmen eines gesundheitlich unbedenklichen Sonnengenusses. „Man sollte es aber generell nie zu einer Rötung kommen lassen. Auch mit drei Wochen Sommerurlaub ist diese Beschränkung schnell erreicht: Menschen brutzeln drei Wochen im Sommerurlaub täglich am Strand in der Sonne und legen sich anschließend zu Hause zur so genannten Bräunungskonservierung noch auf die Sonnenbank. Da ist die Zahl der 30 Sonnenbäder schnell überschritten."

 



Sonnenanbetern, die einfach nicht genug bekommen können, drohen vorzeitige Hautalterung und die Erkrankung an Hautkrebs.
Es gibt den so genannten weißen Hautkrebs und den schwarzen Hautkrebs. Vereinfacht erklärt bilden sich beim sogenannten weißen Hautkrebs Tumore in der Haut, die zwar das umliegende Gewebe schädigen, aber in der Regel keine Metastasen bilden.

Man unterscheidet zwei Arten von weißem Hautkrebs: Der Basalzellenkrebs geht von der Hautoberschicht aus und der Stachelzellkrebs vom Deck- beziehungsweise Drüsengewebe.
Beide Krebsarten können durch UV-Strahlen hervorgerufen werden, lassen sich aber in den meisten Fällen durch eine Operation beseitigen.  Die gefürchtetste Form des Hautkrebs ist das maligne Melanom, auch schwarzer Hautkrebs genannt. Die Hautzellen, die für die Bildung des Hautpigments Melanin verantwortlich sind, entarten und bilden einen sehr aggressiven Krebs, der früh Metastasen bildet und diese über Lymph- und Blutbahnen streut. Dies führt in den meisten Fällen zum Tod.

Doch nicht nur auf den Körper können die Sonnenstrahlen einen negativen Einfluss haben, sondern auch auf die Psyche.
Ist das Sonnenbad auf der Sonnenbank erst noch schön und entspannend, kann die Sonnenbank-Nutzung zu einer echten Sucht werden, Tanorexie genannt. Der Wunsch nach der perfekten Bräune übersteigt dabei ein normales und gesundes Maß. Die Menschen, die an dieser Krankheit leiden, fühlen sich nur dann schön und attraktiv, wenn sie braun sind. Ähnlich wie ein Magersüchtiger merken sie dabei nicht, wie sie ihrem Körper damit schaden. Sie entwickeln ein völlig falsches und verzerrtes Bild von sich selbst und der Haut. Obwohl sie schon unnatürlich braun sind, wollen sie die Bräunung noch verstärken.

In den 20er Jahren war es noch schick, blass zu sein. Der helle Teint unterschied die reiche Gesellschaft von der Arbeiterklasse, die in der Hitze schuften musste. Coco Chanel, die mit  gebräuntem Gesicht aus den Ferien zurückkam, brach den Trend der „noblen“ Blässe. Heute ist die perfekte Bräune ein beliebtes Urlaubsmitbringsel und zugleich Schönheitsideal. Man will das ganze Jahr über aussehen wie frisch aus dem Karibikurlaub. Ein Trend, der gefährlich werden kann.

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