Sicherheit in Freiburg

So hat die Polizei Freiburg die ganze Nacht lang nach Straftätern gefahndet

Uwe Mauch

Das gab es noch nie in Freiburg: zeitgleiche Polizeikontrollen in der gesamten Stadt durch die ganze Nacht. Das Großaufgebot überprüfte hunderte Personen. Und wer sucht, der findet.

Wenn Spencer Dieringer seinen Vornamen buchstabiert, behilft er sich mit Bud, dem Schauspieler. An dessen Statur kommt er beinahe heran. Im strömenden Regen dirigiert er rund 40 Beamte auf der Elsässer Straße. Am Freitag um 22 Uhr wurde seine Kontrollstelle eingerichtet, "und zwar so, dass die Autofahrer sie nicht schon von weitem sehen". Wer ihr entgehen will, muss stadtauswärts in die Wirthstraße oder aus der Gegenrichtung in die Auwaldstraße rechts abbiegen - und wird dort ebenfalls von zumeist Männern in gelben Polizeiwarnwesten in Empfang genommen.


Die Fahndungsaktion soll auch das Sicherheitsgefühl verbessern

Wie viele Polizisten in dieser Nacht auf Samstag an der Aktion "Checkpoint" teilnehmen, will Präsidiumssprecher Martin Lamprecht ebensowenig verraten wie die Zahl der immer wieder wechselnden Kontrollstellen. "Aus taktischen Gründen." Polizeipräsident Bernhard Rotzinger spricht von einem "Fahndungsschleier", den er über die Stadt werfe. Anders als beim Begriff Schleierfahndung, der das gleiche meint, dürfte ihm Zustimmung weitgehend sicher sein. "Das geht voll in Ordnung", sagt ein junges Paar, das in seinem Kleinwagen im Stau stand und soeben kontrolliert wurde. "Das muss so sein."



"Die dramatischen Ereignisse tangieren das Sicherheitsgefühl." Julian Würtenberger, Staatssekretär im Innenministerium und ehemaliger Freiburger Regierungspräsident

Denn nichts ist, wie es war. Das Sicherheitsgefühlt im Raum Freiburg war nach den Morden vor zwei Jahren an einer Studentin in der Nähe des SC-Stadions und einer Joggerin in den Weinbergen von Endingen stark angeknackst. Auf dem Weg zu einer gewissen Normalisierung sorgte vor sechs Wochen die Gruppenvergewaltigung einer jungen Discogängerin für die nächsten Schockwellen. Weil die Tatverdächtigen aus Afghanistan, Syrien, Rumänien stammen - nur einer hat einen deutschen Pass -, lösten sie bundesweit Schlagzeilen aus. Stereotyp sehen überregionale Medien das "Idyll in Freiburg" bedroht.

"Die dramatischen Ereignisse tangieren das Sicherheitsgefühl", sagt Julian Würtenberger. Der Staatssekretär im Stuttgarter Innenministerium und früherer Freiburger Regierungspräsident macht sich selbst ein Bild. "Wir zeigen, dass der Staat wachsam ist", sagt er kurz vor Mitternacht und trotzt in Jeans und Regenjacke dem nasskalten Herbstwetter. So hatte es sein Minister Thomas Strobl im Rahmen des Sicherheitspaktes zwischen der Landesregierung und der Stadt angekündigt. Die Aktion solle "Licht aufs Dunkelfeld" werfen.

Wie reagiert der Fahrer?

Die Kontrollen sind trainiert und laufen nach festem Schema ab: Ein Polizist weist den Autofahrer oder die Autofahrerin ein, zwei Beamte leuchten mit Taschenlampe in den Innenraum, ein Sicherheitsposten beobachtet die Szene. Wie es dann weitergeht, sagt Einsatzleiter Dieringer, hänge auch von der Intuition und der Erfahrung der Kolleginnen und Kollegen ab. "Sie schauen dem Fahrer ins Gesicht. Wie reagiert er?" Das sei eine Sache des Gefühls. Oder des Geruchssinns. Nach dem Gespräch mit dem Fahrer eines SUV bittet ein Beamter, links ranzufahren, und signalisiert dem bereits wartenden Kollegen mit gespreiztem Daumen und Zeigefinger vor dem Mund, dass Alkohol im Spiel ist.

Fast alle kontrollierten Autos dürfen rasch weiterfahren. Freundlich seien jene Leute, "von denen wir nichts weiter wollen", sagt ein junger Polizist auf der Wirthstraße. Dort ist die Schlange zeitweise länger als auf der vierspurigen Elsässer Straße. Die vermeintliche Ausfahrt ist für so manchen die Endstation: Ein Mann, der breitbeinig am Polizeitransporter steht und abgetastet wird, war zur Fahndung ausgeschrieben.

Dokumentenprüfer des LKA checken Personalausweise und Führerscheine

Während die Hundertschaft im Regen steht, koordiniert der Lageraum im Polizeipräsidium an der Bissierstraße den Großeinsatz. Ruhig und warm ist es. Ein Dutzend Polizisten in kurzärmligen Diensthemden sitzt vor den Bildschirmen und verfolgt die Protokolle seiner Kollege vor Ort. "Von hier aus wird die Taktik vorgegeben", sagt Leiter Rainer Engler. "Wenn der Plan aufgeht, haben wir wenig zu tun." Ziel sei es, Straftäter aufzuspüren und nicht geklärten Identitäten nachzugehen, erklärt Polizeidirektor Berthold Fingerlin.

Deshalb ist sogar das Landeskriminalamt mit sieben Dokumentenprüfern und teuren Geräten angerückt. "Ohne Technik funktioniert das nicht", sagt Stefan Bertolini, der beim Kriminaltechnischen Institut die Abteilung biometrische Untersuchungen leitet. Das sind Scanner und hochauflösende Kameras von der Bundesdruckerei sowie Software, wie sie an Flughäfen eingesetzt wird. Die Experten sitzen im Kleintransporter und analysieren Personalausweise, Reisepässe, Führerscheine. Entscheidend ist der Chip auf den Dokumenten, den wohl nur die wenigsten überhaupt wahrnehmen. Dessen Daten lesen die LKA-Prüfer aus und vergleichen sie mit den Angaben im Pass und mit der Person, die vor ihnen steht. Sie können Fingerabdrücke scannen und mit deutschen und internationalen Datenbanken abgleichen. Dokumentenprüfer Rolf Fauser hat einen Stapel gefälschter Ausweise mitgebracht. Er wirft eine Plastikkarte hoch, die beim Aufprall, nun ja, scheppert. "Die ist echt." Die falsche ploppt nur matt. Die Täter spalten die Plastikkarte und ziehen eine neue, papierne Schicht mit falschem Passbild und falschen Daten ein. Mit Hilfe von Infrarotlicht kann Fauser den tatsächlichen Inhaber wieder sichtbar machen. Im Darknet, sagt Rolf Fauser, kann man falsche Pässe problemlos bestellen. Er ruft eine Seite auf: 312 Euro.

Zehn Verdächtigen werden an diesem Abend festgenommen

Im Regen auf der Elsässer Straße ist ein gefälschter polnischer Führerschein entdeckt worden - eines von drei gefälschten Dokumenten, wie die Polizei am Samstagmorgen in einer Bilanz mitteilt. Allein deshalb wurden zehn Verdächtige vorläufig festgenommen. 32 Straftaten seien aufgeflogen, davon allein 27 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ein 26-jähriger Somalier sitzt nun in Untersuchungshaft. Hinzu kämen zwei Ordnungswidrigkeiten.

Die Premiere sei gelungen, resümiert die Mitteilung. Und kündigt an: Der Aktion "Checkpoint" werden weitere Fahndungs- und Kontrollmaßnahmen folgen.



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