Slutwalk auf Französisch: Der erste Schlampenmarsch in Straßburg

Fabienne Hurst

Sie demonstrierten gegen Seximus, die ungerechte Behandlung von Vergewaltigungsopfern und ekelhafte Blicke in der U-Bahn. Der erste Straßburger Slutwalk sorgte am Samstag für offene Münder und heftige Diskussionen. Eine Foto-Reportage.



Vanessa Martin trägt Netzstrümpfe, High-Heels und eine schwarze Corsage mit tiefem Ausschnitt. „Wir wollen ja schließlich provozieren“, sagt die 32-Jährige aus Straßburg und rückt ihre Brüste in den BH-Körbchen zurecht. Sie hat zusammen mit ihren Freundinnen den ersten Straßburger Slutwalk organisiert, beim „Schlampenmarsch“ ziehen an diesem Samstagnachmittag rund 150 Frauen und Männer (!) durch die Innenstadt.

Auch Chloé Bourgingon ist gekommen, sie trägt ein bauchfreies T-Shirt, Kniestrümpfe und roten Lippenstift. „Ich war beim ersten Slutwalk in Toronto dabei, damals habe ich an der York University studiert, an der damals der Polizist seinen Vortrag über Sicherheit im Alltag der Studenten gehalten hat", erzählt sie atemlos. Der kanadische Polizeibeamte Michael Sanguinetti hat im Januar folgenden Satz verkündet: "Mir wurde empfohlen, dies besser nicht zu sagen, aber Frauen sollten vermeiden, sich als Schlampen zu kleiden, um nicht zu Opfern zu werden."

Für das Recht kämpfen, sexy zu sein

 

Der Satz wirkte - vor allem auf die jungen Studentinnen der York Universität, an der es Jahre zuvor eine ganze Serie von Vergewaltigungen in den Studentenwohnheimen gegeben hatte. Am 3. April 2011 veranstalteten sie den ersten Slutwalk um gegen die ungerechte Behauptung zu protestieren. "Wir waren 3000 Demonstrantinnen und Demontranten, das war genial", erinnert sich Chloé. Die Ansichten von Polizist Sanguinetti seien typisch, sagt Organisatorin Vanessa Martin. Viel zu oft werden die Opfer sexueller Übergriffe dafür verantwortlich gemacht, was ihnen passiert.

Ein älterer Herr in weißem Hemd und Sonnenbrille betrachtet die ungewöhnliche Versammlung aus der Ferne. Plötzlich stemmt er die Arme in die Hüften und geht schnurstraks auf Vanessa Martin zu. "Sie sind doch verrückt", fährt er die junge Frau an, "wenn ihr euch so anzieht, müsst ihr euch doch wirklich nicht wundern, wenn etwas passiert." Vanessa weiß nicht, ob sie lachen oder sich aufregen soll. "Habt ihr den als Beweis hierher bestellt?", fragt eine grauhaarige Journalistin. "Nein, solche Menschen gibt's leider wie Sand am Meer", antwortet Vanessa.

Seit zwei Monaten hat die Grafikerin nur eines im Sinn: Möglichst viele Menschen für den Slutwalk zu begeistern. Für ihre Demo der etwas anderen Art hat sie Plakate und Flyer drucken lassen, im Internet die Werbetrommel gerührt, Transparente gemalt. Es geht um viel: das Recht, sexy zu sein, die Behandlung von Vergewaltigungsopfern, sexuelle Selbstbestimmung. Und es geht darum, was es bedeutet Frau zu sein, in einer Gesellschaft, in der 13 Millionen Zuschauer Dominique Strauss-Kahn in einer Talkshow verfolgen und bei der Banalisierung sexueller Übergriffe zusehen.

"Zieht an, was ihr wollt. Hauptsache keine Burka!"

 

Seit Toronto findet das Spektakel überall auf der Welt Nachahmer. In sechs französischen Städten, aber auch in London, Minneapolis, Bristol und Neu Delhi sind die selbst ernannten "Schlampen" unterwegs. Sie werden tatkräftig von Männern unterstützt, die Sprüche wie "Ein echter Kerl weiß, was nein bedeutet" auf ihre nackten Oberkörper geschrieben haben. "Frauen sollen anziehen, worauf sie Lust haben", sagt Abdel Karim, 26, von der Partei Europe Écologie Les Verts (Die Grünen), der mitdemonstriert. "Männer tun das schließlich auch."

Eines erreichen die Aktivistinnen mit ihrem lautstarken Marsch auf jeden Fall: Aufmerksamkeit. Touristen bleiben mit offenen Mündern auf der Straße stehen, Fensterläden klappen auf, Verkäufer lassen ihre Kunden an der Kasse stehen und stürzen zur Ladentür, um einen Blick auf das Treiben zu erhaschen. Ein marokkanischer Tabakladen-Besitzer ruft den Demonstrantinnen zu: "Ja, weiter so! Zieht an, was ihr wollt. Lang oder kurz ist egal, hauptsache keine Burka!" Er klatscht in die Hände. "Bravo!"

Morgane und Sybille, Studentinnen in Straßburg, haben sich besonders aufreizend angezogen und skandieren mit: "Non c'est non": "Nein heißt Nein!". Beide haben lange Zeit in Paris gewohnt und hatten das ekelhafte Zungenschnalzen und In-die-Luft-Küssen in der Metro satt. "Das Absurde daran ist, dass man sich tatsächlich denkt: Verdammt, wieso habe ich nur diese kurze Hose angezogen?", erzählt Morgane. "Man fühlt sich schuldig für etwas, das bei 30 Grad im Schatten eigentlich überhaupt kein Problem sein sollte."

Ob 13 oder 30: Die Männer glotzen einfach



Die Frauen, die an diesem Samstagnachmittag teilweise halbnackt durch die Straßen laufen, wollen genau dieses Gefühl nie mehr haben. "Die Scham muss das Lager wechseln" steht auf einem der Schilder. Eine junge Frau erinnert sich an ihre Pubertät, als ihr Körper schon sehr fraulich war, sie sich aber immer noch als Kinder gefühlt hat. "In diesem Alter angegafft oder begrapscht zu werden ist geradezu traumatisierend. Den Typen ist es doch egal, ob man 13 oder 30 ist, sie glotzen einfach."

Vanessa Martin will nicht, dass ihre Kinder einmal die gleichen Erfahrungen machen müssen. "Ich wünsche mir, dass meine Töchter in einer Gesellschaft aufwachsen, in der man nachts im Kleid nach hause laufen kann." Jedoch solle der Slutwalk auf keinen Fall ein Aufruf zum Leichtsinn bedeuten. "Wir wollen die Leute dazu auffordern, über ihr Verhalten nachzudenken."

Eine Gruppe junger Touristen beobachtet das Treiben auf dem Platz Kléber. "Was ist hier denn los?" fragt Lionel, 29. Eine Aktivistin in Lackstiefeln erzählt ihm vom Polizisten Sanguinetti, von den ungerecht behandelten Vergewaltigungsgopfern und ihrer Wut über Seximus in Frankreich. "Aber der Polizist hat doch Recht", findet Lionel. "Für uns Jungs ist eine Frau im Mini-Rock wie ein Stück Fleisch, das einem Hungrigen vorgesetzt wird. Man weiß doch sofort, was sie will." Verblüffend ist die Lässigkeit, mit der er diese Sätze ausspricht. "Männer sind eben Männer", sagt er und grinst. Seiner Freundin Olivia ist das Lächeln vergangen.

[Fotos: Fabienne Hurst]

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