Shut up and Bop: Rockabilly-Festival im Waldsee

Matthias Cromm

Halt die Klappe und Tanz! So lautet das Motto des ersten Freiburger Rockabilly-Festivals, das dieses Wochenende im Waldsee stattfindet. Was uns erwartet? Internationale Bands, verschiedenste Spielarten des Rockabilly, grandiose DJs und ein rauschendes Fest mit Besuchern aus aller Welt. Szene-Kenner Matthias Cromm erklärt uns, wie so ein Rockabilly-Festival aussieht und welche Bands am Freitag und Samstag auftreten.

[Mitch Oliver, Gitarrist und Sänger der Rocket Wheels]  

Die bekanntesten Rockabilly-Festivals

Man sollte wissen, dass ein Teil der Szene unzählige solcher Festivals weltweit bereist. Der Rockabilly Rave an der englischen Südküste hat dieses Jahr sein fünfzehntes Bestehen gefeiert; weitere alteingesessene internationale Festivals sind:
  • Get Rhythm in Italien
  • Hemsby Rock'n'Roll Weekender in England
  • High Rockabilly in Spanien
  • Summer Jamboree in Italien
  • Viva Las Vegas in den USA
  • Walldorf Weekender in Deutschland
  • Let’s get Wild in Deutschland
  • Calella Rock'n'Roll Holidays in Spanien
  • Senigallia in Italien
  • Rockin' Around Turnhout in Belgien
Diese Festivals verteilen sich über das ganze Jahr; einige dauern nur ein Wochenende, andere, besonders die in wärmeren Regionen, bieten sich direkt als Urlaub inklusive Festivalbesuch an, wieder andere finden sogar direkt in vorgebuchten Hotels statt, in denen dann gefeiert und gewohnt wird.

Zumeist werden für die Festivals exklusiv Bands eingeflogen, die neuesten Szene-Highlights oder uralte Recording-Artists von Labels wie Sun Records sind die jeweiligen Headliner während es für kleinere/neuere Bands oft einem Ritterschlag gleichkommt, auf einem der großen Festivals zu spielen. Tagsüber gibt es oft ebenfalls Konzerte, Flohmärkte und Workshops von und für Tänzer und Musiker. Neben den Konzerten finden immer auch Record-Hops statt, bei denen DJs zumeist mit ausgesuchten original 7inches Tanzmusik auflegen.

Die Rockabilly-Szene

Die Szene ist trotz der Überbegriffe Rockabilly und Rocknroll natürlich alles andere als homogen; Musik, Kleidungsstil, Verhalten und Selbstverständnis sind extrem verschieden. Stark vereinfacht gibt es den authentischen Typen, der je nach Vorliebe in oft originalen 20er bis 50er Klamotten mit passender Frisur, entsprechende Musik von Jazz und Swing bis 50s Rockabilly vorzieht, dann ab dem Rockabilly Revival der späten 70er und vor allem 80er Jahre die Freunde des Neo-Rockabilly, die zum Beispiel Brian Setzer und seine Stray Cats als Helden haben; die Teds hingegen stehen auf den britischen Kleidungsstil und Rocknroll.

Es gibt Halbstarke, Rocker mit dicken Kotletten in Lederwesten mit Patches, Country-Fans in alten Westernklamotten, Greaser, Surf-Fans und Tikifreunde bis hin zu Punknrollern mit Würfelketten und Flammenhemden und Psychobillys mit Flats. Einige Festivals spezialisieren sich, andere versuchen, möglichst vielen Guppen gerecht zu werden. Die szeneinternen Grenzen sind mal weicher mal härter.


[Nick Carbonara, Veranstalter des Shut up and Bop Festivals]

Das Shut up and Bop Festival von Nick Carbonara tendiert eher in die Neo-Rockabilly-Richtung; die authentischen 50er stehen bei den Bands nur am Rande auf dem Programm:

Das Shut up and Bop Festival

Freitag, 16. September 2011

Die B. Goode Boys aus Freiburg spielen zur Eröffnung leicht punkigen Rocknroll; sie sind sich auch für das ein oder andere Ärzte-Cover nicht zu schade.

Die B Shakers aus der Schweiz betätigen sich vornehmlich als Coverband und pressen grosse Hits der Musikgeschichte in ein wildes Rockabilly-Gewitter. Weder Golden Earring, The Sweet noch Aerosmith sind vor dem Quartett sicher.

Interessant sind auf jeden Fall die Piccadilly Bullfrogs, stecken doch hinter dieser britischen Formation keine geringeren als ein Teil der grandiosen Stargazers. Die Stargazers waren Anfang der 80er Jahre die Speerspitze des Swing- und Jive-Revivals. Peter Davenport, Danny Brittain und Tim Purkess bilden nun ein klassisches Trio, zwei Gitarren und Kontrabass. Auf das Schlagzeug wird verzichtet, das gab es im frühen Rockabilly auch nicht: Johnny Cash and the Tennessee Two haben genau wie Elvis, Scotty & Bill so angefangen.

Die Piccadilly Bullfrogs tun sich sowohl als Songwriter als auch als ausgezeichnete Musiker hervor, denn ihr Sound ist zugleich lo-fi und reduziert auf das Wesentliche, als auch frisch und roh. Trotz der Abwesenheit des Schlagzeuges fehlt den Songs weder Kraft noch Schwung.


[Die Picadilly Bullfrogs]

Die letzte Band am Freitag sind die Swamp Ratz aus Japan. Das gibt natürlich einen grossen Exotenbonus, denn Bands aus Japan sind selten in Europa zu bewundern. Harter Neo-Rockabilly in absolut britischer 80er Jahre Manier à la Frenzy und Restless.

Die beiden DJs des Abends sind der grandiose DJ Moritz aus Freiburg und die wunderbare DJane Sylvia aus Stuttgart. Spätestens da heißt es dann: Shut Up and Bop.

Samstag, 17. September 2011

Der Samstag beginnt um 14 Uhr mit einem Tanzworkshop; um 15:15 Uhr gibt es einen Gitarrenworkshop mit dem Schweizer Gitarristen Mitch Oliver. Außerdem findet von 14 bis 18 Uhr eine Rockabilly-Jamsession statt.

Die erste Band am Samstag sind die Kentucky Boys, mittlerweile schon seit 18 Jahren im Auftrag des Teddyboy unterwegs. Diverse Umbesetzungen konnten der Band nichts anhaben. Im Gegenteil: Die Schwarzwälder haben sich musikalisch aus dem engen Teddyboy-Schema heraus weiterentwickelt, ohne ihre Herkunft zu leugnen. Eigenständiges Songwriting und dazu einige gelungene Adaptionen, zum Beispiel von The Clash, Iggy Pop, Ramones aber auch Bob Dylan.

Auch die Italienische Formation The Adels sind schon lange im Geschäft. In ihrer Heimat gelten sie als eine der begehrtesten Live-Bands des Genres. Heißblütiger Neo-Rockabilly mit einer leichten Priese Humor und legendären Live-Energie.


[The Adels]

Die Rocket Wheels aus der Schweiz mit Mitch Oliver an der Gitarre sind so etwas wie ein Brian Setzer Klon, die kreischende Gretsch beherrscht das Geschehen, bedient in hundertprozentiger Manier des großen Meisters. Hier sind absolute Könner am Werke.

Johnny Fallstaff ist der unbestrittene Headliner des Festivals. Der Texaner vereint Punk-Attitüde mit Hillbilly-Spirit, traditionellen Country mit Humor und Charme. Das ist Honky Tonk der absoluten Spitzenklasse. Klug und urban, zugleich schmuddelig und gemein. Er biedert sich nicht an, er treibt die Rinder über die Weiden - stets die Gitarre im Anschlag und eine Story auf den Lippen. Einer der Besten seines Genres.

Das Wochenende wird zeigen, wie viele Besucher aus fernen Landen ins Waldsee finden werden; aber die Party steigt ja nicht nur für die Szene, sondern auch für die Freiburger. Hier ist die Szene nicht nennenswert existent, aber die Waldseetür steht natürlich jedem Interessierten offen, gleichwohl welcher Frisur oder welchem Musikgeschmack er frönt.

Mehr dazu:

Was: Shut up and Bop Festival
Wann: Freitag, 16. September und Samstag, 17. September 2011
Wo: Waldsee
Eintritt: Tagesticket 25 Euro, Wochenendticket 45 Euro [Bilder: Promo]