Shakespeares Sturm: Geister, Magie und Puppenspieler

Lorenz Bockisch

Am Samstag feierte das Prunkstück der aktuellen Freiburger Theatersaison seine Premiere: Der Sturm, recht frei nach William Shakespeare, mit Musik aus der Feder des Finnen Jean Sibelius. Die Vereinigung der Sparten Theater, Oper und Puppentheater verursachte Entzückung für Augen und Ohren, bei manchem Zuschauer auch für noch mehr Sinne.


Nach dem Riesenerfolg "Peer Gynt" der vergangenen Spielzeit hat Regisseur Jarg Pataki wieder das Philharmonische Orchester (in bewährter Position im hinteren Teil der Bühne) mit den Puppenspielern, Schauspielern und einigen Opernsängern auf der Bühne vereinigt, diesmal für eine Shakespeare-Adaption.


"Der Sturm", Shakespeares letztes Werk, handelt von Prospero, dem Herzog von Mailand, der durch eine Intrige von seinem Bruder Antonio entmachtet wurde und mit Tochter Miranda auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Während der böse Bruder innerhalb von zwölf Jahren seine Macht ausbaut und sich mit Prosperos Erzfeind Alonso, dem König von Neapel, verbündet, lebt sich Prospero auf der Insel ein.

Mit einiger Magie macht er sich den dort lebenden Luftgeist Ariel zum Helfer und den Ureinwohner Caliban zum Untertan. Wie das Schicksal (also ein von Ariel verursachter Sturm) so spielt, landen Alonso samt Bruder Sebastian und Sohn Ferdinand, aber auch Antonio, der betrunkene Diener Stephano und der alte Ratsherr Gonzalo als Schiffbrüchige voneinander getrennt auf der Insel.



Die Handlung auf der quadratischen Bühne beginnt des Nachts um zwei Uhr. Prospero (wie eine elisabethanische Königin Elisabeth aussehende Uta Krause) befiehlt ein Verwirrspiel, bei dem Ariel (kraftvoll-ballettös und Star des Abends: Johanna Eiworth) es innerhalb von vier Stunden schafft, die Geschwister Prospero und Antonio wieder zu versöhnenden und den neapolitanischen Prinzen Ferdinand mit der süßen Miranda zu verkuppeln. Bündnis zwischen Mailand und Neapel inklusive.

Eine eigentliche Nebenhandlung, nämlich die Unterwerfung des Ureinwohners Caliban durch den Alkohol ausschenkenden Diener Stephano, bringt in dieser Inszenierung die wahre Action: prügelnd, saufend, küssend, über die Zuschauerreihen turnend und am Ende in Kloake und Gold gehüllt bringen die beiden richtig Leben in die Bude (und ein paar sinnliche Überraschungen für die Zuschauer der ersten Reihen). Dass sie in ihrer Wortwahl eindeutig vom Shakespeareschen Text abweichen, passt zu den beiden Saufkumpanen.

Das Beste an dem ganzen Stück ist Ariel in seinen ganzen Erscheinungen, nicht nur als Arschtritte verteilender grüner Springinsfeld. Die Puppenbauer um Andreas Becker liefern (mal wieder) ein Meisterwerk ab: Ariel erscheint als kleiner süßer leuchtender Fötus, als furchteinflößende Geiergerippe oder als rotäugiges Monster.

Die Musik, die Jean Sibelius in den 1920er Jahren zu diesem Schauspiel schrieb, ummalt die Handlung wie Filmmusik – mit einem Ohrwurm geht man deswegen nicht nach Hause. Sie passt wunderbar zu so mancher Geisterszene. Die wenigen Gesangseinlagen (noch ausbaufähig: drei Studenten der Musikhochschule Freiburg) passen sich gut in das gesamte Werk ein. Nur die Besetzung des Schlusschores sollte die musikalische Leitung noch einmal überdenken und dem/der ein oder anderen Sänger(in) das solistische Vibrato abgewöhnen (im Theatercafé-Nachgespräch fiel dazu die Bezeichnung "Quintenschaukel").



Mit vielen im wahrsten Sinne des Wortes begeisterten Eindrücken (und einer im Gedächtnis bleibenden bildlichen Mahnung zu ehelicher Treue) geht man nach knapp drei Stunden aus dem Theater. Ein Shakespeare, der mitreißt und fasziniert – obwohl am Ende keiner stirbt. Und eine Inszenierung, die zwar recht modern ist, die aber an jeder Stelle mit der Handlung im Einklang steht.

Urteil: Hingehbefehl. Größeres Kino bekommt man derzeit in der Region sicher nicht.

Mehr dazu:

  • Nächste Vorstellungen: Sa., 28.2.2009, Fr., 6.3.2009, Sa., 14.3.2009, Do., 19.3.2009, So., 22.3.2009, Do., 26.3.2009, Fr., 27.3.2009, So., 29.3.2009, jeweils 19:30 Uhr;
  • Karten: 7€ bis 48€

(Fotos: © Maurice Korbel)