Sesshin: Schweigen im Walde

Alexandra Hockauf

Wie ist es, eine Woche lang zu schweigen und die meiste Zeit ohne jegliche Ablenkung zu sitzen? Alexandra hat diese Meditationsübung, im Zen-Buddhismus "Sesshin" genannt, versucht. Ein stiller Bericht aus einem Zen-Kloster im Hotzenwald.



Terminkalender leeren

Für mich ist die Zeit um Weihnachten und Neujahr immer eine Zeit, in der ich mich nach Ruhe und Einkehr sehne. Mir scheint diese Zeit wie keine andere im Jahr dazu geeignet, Vergangenes noch einmal Revue passieren zu lassen. Alljährlich versuche ich mich daher für ein paar Tage von allen Verpflichtungen und To-do-Listen zu befreien, um Zeit für die stille Einkehr in einem buddhistischen Tempel im Schwarzwald zu haben.

Dieses Jahr ist es mir besonders schwer gefallen, mir diese Zeit frei zu schaufeln. Ich hatte die erste Dezemberwoche lange geplant und war mir meiner Sache sicher, zumindest bis kurz vor der Abreise. Die Zweifel an dem ganzen Vorhaben kamen plötzlich, als es darum ging, tatsächlich Termine für die Woche abzusagen, den Lernplan für meine Prüfungen um eine Woche zu verschieben und Freunden zu erklären, warum ich in der nächsten Woche nicht mit in die Mensa könnte.

War es nicht vermessen, wenn ich mir gerade kurz vor meinen Prüfungen anstatt für Urlaub und Erholung für ein Schweigeretreat eine Woche lang frei nehmen würde?



Schließlich entschied ich mich gegen meine Bedenken und meine Ängste, ich könnte in dieser Woche den Anschluss verpassen an meinen Alltag. Es hatte mich eine unbestimmte Freude auf das Kommende gepackt und ich war mir meiner Sache auf einmal sehr sicher.

Jetzt präsentierte ich meinen Freunden stolz den leeren Terminkalender. Eine Woche lang alles leer. In Zen-Buddhistischen Tempeln, die es mittlerweile in sehr vielen Ländern gibt, nicht nur in Japan, dem Ursprungsland des Zen-Weges, ist die Woche vor dem 8. Dezember traditionell eine Zeit der stillen Einkehr. Dem Beispiel des indischen Prinzen folgend, der vor 2500 Jahren unter einem Bodhi-Baum sitzend beim Anblick des Morgensterns Erleuchtung erfahren haben soll, finden sich in dieser Zeit auf der ganzen Welt Menschen zusammen, um gemeinsam den ‚Weg-Suchenden Geist’ zu untersuchen.

Die Woche vor dem Tag, an dem man in vielen Ländern die Erleuchtung des einstigen Prinzen Siddhartha Gautama feiert und damit die Begründung seiner Lehre von der Überwindung des Leidens, ist daher eine besondere Zeit der Achtsamkeit und Ruhe für Zen-Buddhisten. Auch in der Tradition des Tempels, in den ich mich aufmachte, nutzt man diese Woche, um ‚den Geist zu sammeln’ oder ‚das Herz zu berühren’, was der japanische Titel des Seminars, Sesshin, in etwa bedeutet.

Für mich war es das erste Retreat in dieser Form, ich hatte in den Jahren zuvor Seminare und Praxistage mitgemacht, jedoch nie ein derart langes und intensives Seminar besucht. Der Zeitplan der Woche lautete in etwa: Aufstehen um 4 Uhr, stille Meditation im Sitzen und Gehen den ganzen Tag lang – unterbrochen durch kurze Pausen, Arbeitsphasen und ritualisierte Mahlzeiten, sowie durch einen Vortrag und einen Spaziergang im Gänsemarsch – Schlafen um 22 Uhr.



Es klingt hart und das war es auch. Ich will es nicht beschönigen. Ein Tauchurlaub in Ägypten ist sicherlich die softere Variante des Abtauchens um diese Jahreszeit. Aber am Abend war es dann zu spät, um doch noch die Webseiten der Urlaub-in-letzter-Minute-Anbieter zu besuchen. Mit dem ersten Ton der Klangschale, der die Abendmeditation im Meditationssaal einleitete, begann das Schweigen, das nun eine Woche lang anhalten sollte. Nur für Funktionales Sprechen, also etwa das Sprechen in der Küche beim Zubereiten der Mahlzeiten, durften wir das Schweigen unterbrechen.

Vor dem Zubettgehen wurden die Regeln verlesen, an die wir uns darüber hinaus zu halten hatten. Die Vorgaben für die Schweigewoche beinhalteten solche, die das Schreiben und Lesen untersagten, aber auch Regeln, die die Körperpflege betrafen: Duschen und Baden war demnach zu unterlassen, Rasieren war für die Männer nicht erlaubt. Lange Haare sollten zusammengebunden werden. Zum Glück hatte ich ein kleines Arsenal an Haarspangen und –bändern dabei.



Die Woche des Schweigens

Wie spricht man also über eine Woche des Schweigens? Immerhin, ich habe es überlebt – die Torturen schmerzender Körperteile und das ständige Lauschen auf das innere Gequassel. Was ich da erlebt habe, ist so ziemlich das Gegenteil dessen, worum es in der Konsum- und Spaßgesellschaft geht. Diese basiert zum Großteil darauf, dass ich eben nicht aushalte, was ist.

Wenn es ziept oder wenn ich friere, lege ich mich mit Badeschaum in die Wanne oder melde mich gleich zum Wellness-Wochenende an. Wenn ich üble Laune habe, gehe ich mit Freundinnen shoppen. Auch gegen einen Fernsehabend ist dann nichts einzuwenden.

Doch wenn man eine Woche lang nicht fernsieht, nicht in wohligem Badewannenwasser schwimmt, weder Kaffee noch Wein genießt und dabei die Sorgen vergisst, dann weiß man wieder, wie das ist: einfach nur da sein. Vielleicht sollte ich jetzt noch zwei Dinge erwähnen, falls sich jemand angestoßen fühlt, das auch mal zu versuchen.

Erstens: Auch wenn man einfach nur da ist, die Maschine im Kopf ist es sicherlich auch und das kann so ganz ohne Divertimento, also ohne all unsere tägliche Zerstreuung, ganz schön nerven. Zweitens: es ist also kein Spaß, aber es bessert sich von Tag zu Tag. Man mache sich auf Unvorhergesehenes gefasst, denn ganz nebenbei trifft man sich selbst.



Im Dezember will ich mir wieder Zeit dafür nehmen, auf einem Kissen auszuharren. Dann werden bestimmt wieder genug Gedanken umherschwirren und mir das Leben schwer machen. Nach ein paar Tagen wird es ruhiger werden und ich werde mich wieder getragen fühlen vom Rhythmus des Sesshins und von meiner eigenen, wiederentdeckten Gelassenheit.

Doch wer weiß schon, was dieses Jahr geschehen wird? Ob der Boden noch da sein wird, wenn ich den Fuß aufs kalte Holz der Meditationshalle setze, Schritt für Schritt, zu nachtschlafender Zeit? Vielleicht werde ich auch in elf Monaten noch nicht vollständig erforscht haben, was eigentlich mit dem Weiß des Schnees geschieht, wenn der Schnee schmilzt.