Selbstversuch: Wie ich versuchte, im Freiburger Gendermix-Chor mitzusingen

Sédric Curic

Tenor, Bass oder Sopran? fudder-Mitarbeiter Sédric Curic, wusste vor seinem Besuch beim Gendermix-Chor "Alle Register" nicht, in welcher Stimmlage er singt. Gesungen hat er trotzdem – und einiges gelernt.

Etwas verschwitzt stolpere ich in den Raum der Rosa Hilfe, wo der Freiburger Gendermix-Chor "Alle Register" jeden Mittwochabend probt. Sofort begrüßen mich mehrere Mitglieder und ich schüttele Hände.


Ich bin noch gar nicht richtig angekommen und frage mich, wer hier wohl der Chorleiter ist, da reißt mich Marius Barendt aus meinen Gedanken. Er studiert Schulmusik an der Musikhochschule in Freiburg und ist seit April 2017 ehrenamtlicher Chorleiter von Alle Register. Außerdem ist er der jüngste Chorleiter, den ich je gesehen habe. "Du bist der von Fudder, oder?", fragt er mich. Ich bejahe. "Tenor oder Bass?". Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet und es dauert auch ein paar Sekunden bis ich sie verstehe. "Tenor!", antworte ich und versuche mir dabei nicht anmerken zu lassen, dass ich keine Ahnung habe ob ich ein Tenor oder ein Bass bin.
Zunächst komme ich mir etwas dämlich vor, während ich auf Zehenspitzen "Äpfel von den Bäumen hole".

Das letzte Mal habe ich in der sechsten Klasse im Unterstufenchor gesungen. Da war ich wohl weder Tenor noch Bass. Also wird mir ein Platz neben Doro zugewiesen. "Ich springe als Tenor ein", sagt sie. "Sonst hätte der Chor heute nur einen." Ich höre, wie Marius vorne meinen Namen nennt und spüre wie der 20-köpfige Chor sich nach mir umdreht. Ich stelle mich vor versammelter Runde kurz vor und danach beginnen wir mit Aufwärmübungen.

Ich komme mir etwas dämlich vor, als ich auf Zehenspitzen "Äpfel von den Bäumen hole". Doch ich fühle mich nach ein paar Übungen wesentlich entspannter. Zwei Tage später leide ich unter Nackenschmerzen. Also hole ich dieses Mal in meinem Zimmer "Äpfel von den Bäumen" und wieder sind die Nackenschmerzen weg. Der Besuch beim Chor hat sich schon gelohnt!
"So schlimm ist mein Gesang wohl nicht."

Gleich geht es los. Das erste Stück ist ein Kanon, der in zehn Stimmen gesungen wird. Schnell warne ich Doro noch vor. Und tatsächlich verhaue ich den ersten Ton so dermaßen, dass ich erst einmal leise in mich hinein singe. Nach kurzer Zeit werde ich aber mutiger und singe fröhlich mit. Dass danach meine Tenor-Kollegin behauptet, ich hätte schon einmal in einem Chor gesungen, stärkt mich. So schlimm ist mein Gesang wohl nicht.

Danach singen wir "Be Our Guest" aus dem Walt Disney-Klassiker "Die Schöne und das Biest". Das kann der Chor ziemlich gut. Das müssen sie aber auch: In nur zwei Wochen steht ein Konzert im Jos Fritz Café an. Ich setze währenddessen aus. Als ich versuche, bei "Hello Goodbye" von den Beatles wieder einzusteigen, stellt sich heraus sich, dass ich wohl doch eher ein Bass-Sänger bin. Für den Rest der Probe bleibe ich trotzdem bei den Tenören. Nach einer Stunde ist erst einmal Pause.

"Meine Freunde und ich haben vor vier Jahren nicht nur eine Gesangsgruppe gesucht, sondern auch einen Raum, der frei von Vorurteilen ist - in dem man Gleichgesinnte treffen kann". Peter Wehmann
Während der Pause versuche ich, Chormitglieder für ein Interview nach der Probe zu bekommen. Stattdessen werde ich von vielen zur lockeren Runde nach der Probe in der Passage 46 eingeladen. Überhaupt ist die Stimmung innerhalb des Chores gelöst und locker. Ich beschließe, nach der Pause beim schwedischen Lied "Gabriella’s Song" aus dem Film "Wie im Himmel" nicht mit zu singen und bereue es nicht. Der Gesang um mich herum versetzt mich sofort in die Schlussszene des Films und erzeugt bei mir Gänsehaut.

Die Musikstücke kommen aus verschiedensten Genres. "Pop, Klassik und Soundtracks gehören ebenso ins Repertoire, wie skandinavische Volkslieder", erzählt mir Marius bei einem Drink nach der Probe. "Die Stücke werden in einem gemeinschaftlichen Prozess ausgewählt". Besonders nach der Probe wird nochmals deutlich, dass den Chor vor allem seine flache Hierarchie und eine dadurch sehr entspannte Atmosphäre ausmachen.

Gründungsmitglied Peter Wehmann erklärt mir: "Meine Freunde und ich haben vor vier Jahren nicht nur eine Gesangsgruppe gesucht, sondern auch einen Raum, der frei von Vorurteilen ist - in dem man Gleichgesinnte treffen kann". Um die soziale Bindung innerhalb des Chores zu stärken werden daher auch Proben-Wochenenden und Wanderungen geplant und veranstaltet. An diesem Abend gehe ich mit der Melodie von "Hello Goodbye" im Ohr nach Hause und mit der Frage, ob ich nicht doch wieder einem Chor beitreten möchte.
Der Gendermix-Chor Alle Register tritt am 26. Januar 2017 um 20:30 im Jos Fritz Café auf. Geprobt wird immer mittwochs ab 20 Uhr in den Räumen der Rosa Hilfe in der Adlerstraße 12. Jeder ist willkommen

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