Sea You 2015: Was geil war, was besser werden muss

Bernhard Amelung, Marius Buhl & Laura Maria Drzymalla

Die Sea You 2015 ist vorüber. Fest steht: Das Festival war ein Spektakel, das viele Menschen sehr glücklich machte. Wir haben uns gefragt: Was lief gut? Was kann man noch besser machen? 5 Lob- und 5 Kritikpunkte:



Lobenswertes

Die Sea You 2015 hat eine angenehme Größe: Klar, wo 20.000 oder 30.000 Gäste erwartet werden, kann man als Veranstalter finanziell ganz anders planen und das Line-up entsprechend zusammenstellen. Doch mit jeweils rund 7.000 Besuchern pro Tag hat die Sea You 2015 definitiv noch einen intimen Charakter. Man hat genug Platz zum Tanzen, Rumlaufen, Leute gucken, die wenigen Schattenplätze sind nicht so umkämpft, und man kommt recht schnell an die Drinks.


Die Flaniermeile am See: Der Hingucker 2014 war ja das große Opera-Zelt direkt am See. Das stand 2015 wieder im Landesinneren. Da die beiden kleinen Bühnen auch an jeweils einem Uferende standen, wurde ein breiter Korridor am See frei. Eine große Freiluft-Chill-Zone mit Daybeds und Hängematten im Wasser. Perfekt, um auch mal aus den Bassgrooves auszutakten, den Wakeboardern bei ihren Sessions zuzuschauen und runter zu kommen.

Die Spielzeiten der Künstler machen Sinn: Väth auf Kruse, Cox auf Väth, Kraviz auf Cox; Gaga auf Rost, Gawlas auf Gaga, Eden auf Gawlas; Pan-Pot auf Kröcher, Capriati auf Pan-Pot, Faki auf Capriati; Maceo Plex auf Kölsch. Ganz egal an welchem Tag an welcher Bühne: Die Spielzeiten der Künstler machen Sinn und halten das Euphorieniveau den ganzen Tag über gleichmäßig hoch. Naja. Die Kraviz, die Eden, der Maceo Plex packen jeweils noch eine Schippe drauf. Großes musikalisches Finale.



Die Polizei ist zufrieden: "Ohne größere Zwischenfälle, sehr friedlich, stimmungsvoll und weitgehend entspannt ging am Sonntagabend die diesjährige Musikveranstaltung "Sea You 2015"  im Bereich des Tunisees zu Ende." Die Bilanz zweier exzessiver Tage: 54 Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, davon 42 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Laut Polizei ging es dabei vor allem um kleinere Mengen für den Eigenverbrauch.

Konfisziert wurden unter anderem Cannabisprodukte, Ecstasy, Amphetamine und Kokain. 8 Personen wurden unter Einfluss von Drogen am Steuer eines Autos erwischt. Die Polizei registrierte nach eigenen Angaben weder Samstag noch Sonntag gewalttätige oder körperliche Auseinandersetzungen und auch keine Diebstähle.Auch die Zahl der Anwohner, die sich über die Lautstärke des Festivals echauffierten, sank nach Polizeiangaben im Vergleich zum vergangenen Jahr.

Social Media ist zufrieden: Auf Facebook wurde den Sea You-Veranstaltern fast ausnahmslos gedankt. Für tolle DJs, für dicke Bässe und sogar für das geniale Wetter. Das Festival hinterließ tausende, glückliche Menschen, brachte wirklich große Acts in den sonst eher Elektro-scheuen Breisgau und funktionierte reibungslos. Gefällt mir.

Kritikwürdiges

Ein Festivalguide fehlt: Ob das kleine Nachtdigital-Festival in der sächsischen Heidelandschaft oder die übergroße Fusion auf der früheren russischen Militärbasis in Lärz: So ziemlich jedes Festival für elektronische Tanzmusik legt ein Programmheft auf, das am Eingang ausliegt und auf dem Festivalgelände verteilt wird. Es gibt eine gebündelte Übersicht über das Festivalprogramm, bietet nutzwertige Informationen rund um das Festival und Details zu den Künstlern. Man kann es durchblättern, lesen oder als Unterlage für selbstgedrehte Zigaretten verwenden. Wir finden: Ein Festivalguide ist state of the art. Die Kür allerdings wäre eine Festival-App.

Das Geldwechselsystem ist undurchsichtig: Zehn Euro sind elf Token. Ein Token hat den Wert von 91 Cent. So weit so gut. Das Einwechseln von Echtgeld in die Festivalwährung klappt zwar einwandfrei. Doch kompliziert wird's, wenn man seine restlichen Tokens zurücktauschen möchte. Keiner weiß Bescheid, wo man das machen kann - und die beiden Mitarbeiter des Rücktauschschalters haben letzten Endes auch keine Ahnung, wie das so geht. Mal kursiert das Gerücht, man können nur elf Token in zehn Euro zurücktauschen. Einzelne Token würden nicht angenommen. Dann wieder heißt es, man könne nur elf Token auf einmal in Euro tauschen. Wer noch zwölf Token hat, muss also wieder zurück auf los - in die Schlange der Wartenden. Mit einem einzigen Token. Irgendwie geht es dann trotzdem, doch die gute Stimmung wechselt auch über'n Tresen.

Die Müllsituation ist katastrophal: Mehrtätige, von tausenden Gästen besuchte Festivals verursachen Müll. Das steht außer Frage. Doch dass am Abend des letzten Tages das Festival aussieht wie eine Müllhalde, das muss nun wirklich nicht sein. Jeder weiß: Nach dem siebten Bier, der fünften Pille und dem dritten Jointle zwischendurch, sinkt die Bereitschaft, der Umwelt etwas Gutes zu tun. Das sollte man als Veranstalter berücksichtigen - und den raveselig enthemmten Gästen ein wenig entgegenkommen. Mit viel mehr Mülleimern oder, so machen's inzwischen viele Musikfestivals, mit Recyclinginseln.

Etwas mehr Detailliebe fehlt: Ein fettes Line-Up, wunderbarer Sound, gutes Wetter: Dem Musik-Nerd reicht das wahrscheinlich für ein gelungenes Festival. Es gibt aber auch diejenigen, die das soziokulturelle Drumrum mehr interessiert als Drops und Bässe. Für die gab's bei der Sea You wenig zu sehen: Es fehlen Stände, an denen man sich Perlen in die Haare machen, Zöpfe flechten oder Hennatattoos machen lassen kann. Es fehlen Tänzer, Künstler und - das mag Geschmackssache sein - Farbe und Deko in jeglicher Hinsicht. Vielleicht wars aber auch so gewollt.

Gesundes Essen fehlt: Natürlich: Ein Festival ist keine Ayurveda-Kur. Aber angesichts der Tatsache, dass man als feierwütiger Ganztagestänzer auf das Essensangebot der Sea You angewiesen ist (und die Knallsonne sich auf den Hunger auswirkt), dürfte das Essens-Spektrum etwas breiter sein - oder vor allem: auch Gesundes audfweisen. Es gab Pommes, Wurst, Burger, Pizza, fettiges Fingerfood, Thai-Nudeln. Auf der Wunschliste steht: Mehr Obst, Smoothies, Gemüse, Salate, klassische Nudelgerichte, Sandwiches. 

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  [Video: Falko Wehr, Foto: Miroslav Dakov]