Scotland Yard fürs Smartphone: Jagd auf Mr. X in der realen Welt

Christine Duttlinger

'Scotland Yard' ist ein Klassiker der Brettspielkultur. Mit U-Bahn, Bus und Fähre jagt man Mr.X durch London. Jetzt gibt es das Spiel auch fürs Smartphone: mit der kostenlosen 'Mr. X Mobile'-App verlegt man die rasante Verfolgungsjagd in die reale Welt. fudder-Autorin Christine Duttlinger hat zusammen mit fudder-Usern in der Freiburger Innenstadt Mr.X gesucht.



Ich stehe vor dem Colombihotel und weiß nicht wohin. Erst in einer Minute und zwanzig Sekunden wird mein Telefon mir anzeigen, wo Mr. X sich gerade aufhält. Unser Spiel wird nur noch vier Minuten dauern. Soll ich zum Stadttheater gehen oder lieber in Richtung Siegesdenkmal? Ich entscheide mich für das Stadttheater, wusel mich zwischen Passanten durch, mit dem festen Blick auf das Display meines Smartphones. Früher, als Kind wurde ich wütend, wenn mein Bruder mich beim 'Scotland Yard' spielen besiegt hat - und das hat er leider fast immer. Heute will ich unbedingt gewinnen.


Detektive, Ganoven und eine Verfolgungsjagd: Das Brettspiel 'Scotland Yard' wird seit 30 Jahren vom Ravensburger Verlag herausgegeben; 1983 war es 'Spiel des Jahres'. Das Konzept des Spieleklassikers ist ziemlich simpel: Mr. X ist auf der Flucht, und die Detektive sind bempht, ihn zu schnappen. Das Spielbrett ist eine Karte von London, und der Gesuchte muss nur ab und zu seine Position anzeigen. Der Standort der Detektiv-Spielfiguren ist allerdings immer für alle sichtbar.

Jetzt ist die Gangsterjagd vom Spielbrett aufs Smartphone und in die reale Welt umgezogen: Die deutsche Telekom hat in Zusammenarbeit mit der Universität Bonn eine Smartphone-Adaption des Spiels entwickelt. 'Mr. X Mobile' wird allerdings nicht mehr auf dem Küchentisch gespielt, sondern auf der Straße.

Die App besteht aus der Straßenkarte, auf der die realen Aufenthaltsorte der Spieler angezeigt werden. Der Standort von Mr. X wird nur in einem vorher festgelegten Intervall aktualisiert, der Aufenthaltsort der Detektive wird immer exakt angezeigt. Das Ziel des Spiels ist immer noch der gleiche: Mr. X muss gefangen werden, bevor die Zeit abläuft. Wer ihn schnappt, hat gewonnen. Gelingt ihm die Flucht, ohne erwischt zu werden, gewinnt Mr. X.

Die Spieler können Dauer der Jagd einstellen, sowie den Umreis des Spielfeldes. Verlässt Mr. X die Spielzone ist er leicht einzufangen, denn seine Position wird dann ständig aktualisiert.



Ich warte vor dem Stadttheater, das Smartphone griffbereit in meiner Tasche: Zusammen mit einigen fudder-Usern probiere ich die Mr. X Mobile-App aus. Ich freue mich. Aufgewachsen in einer Kleinstadt, wurde ich sowieso oft zum draußen spielen gezwungen und irgendwann habe ich es dann auch schätzen gelernt. Ohne infantil zu wirken, kann man sich als erwachsener Mensch leider nur noch schwer seine Freunde fragen, ob sie mit einem Räuber und Gendarme spielen. Eine interaktive App ausprobieren, das hört sich um einiges hipper und erwachsener an.

Mit breitem Lächeln auf dem Gesicht und Handys in der Hand laufen Miri und Sven auf mich zu - meine Mitspieler. Bevor es losgeht, müssen wir noch die technischen Details einstellen. Wir entscheiden uns für 20 Minuten Spieldauer und einem Umkreis von einem Kilometer. Das Symbol von Mr. X soll alle drei Minuten aufblinken.

Und dann geht’s auch schon los: Sven alias Mr. X kriegt einen kleinen Vorsprung und rennt schnell weg. Miri und ich besprechen uns „ Gehst du am besten in Richtung Bahnhof und ich in die Innenstadt?“, fragt Miri. Ich nicke. Ich schlendere in Richtung Bahnhof, den Blick konsequent auf mein Handy gerichtet. Nach drei Minuten blinkt es: Mr. X schwarze Markierung erscheint auf dem Smartphone: er ist auf dem Rathausplatz.



Miris Standort ist nur wenige Meter davon entfernt in der KaJo. Sofort kehre ich um und laufe Richtung Innenstadt. Ich werde ein bisschen nervös und habe Angst, dass Miri ihn schon vor mir erwischt hat. Ich will nicht verlieren!

Zwischen umherschlendernden Teenagergruppen, aktentaschentragenden Frauen und Männern und Omas mit Rollwägelchen vor sich, haste ich nun zum Rathausplatz. „Stop!“ schreit mich plötzlich ein Mann an - beinahe wäre ich in eine Straßenbahn reingerannt.

Hoppla, es ist gar nicht so leicht Hindernissen auszuweichen und trotzdem die Positionen der Mitspieler im Blick zu haben. Ich schau wieder auf mein Display, dann schnell wieder zurück auf die Straße, dann wieder Handy, Straße, Handy, Straße. Nein! Meine Map steht auf einmal auf dem Kopf.  Mr.X hat das Magnet- Gadget eingesetzt.

Das Magnet Gadget steht jedem Spieler zur Verfügung. Einmal aktiviert, dreht es den anderen Spielern für drei Minuten die Karte um 180 Grad. Aber das ist nicht die einzige mögliche Option um die Suche zu erschweren: Nebelkerzen, legen einen grauen Farbfleck über Teile der Karte, sodass man nicht mehr alles erkennen kann. Am allerwitzigsten ist jedoch das Scream Gadget. Es bewirkt, dass das Handy des anderen Spielers einen lauten schrillen Frauenschrei abspielt. Tarnkappen gibt’s auch noch. Diese machen die eigene Position für 30 Sekunden unsichtbar.

„He, du bist ja auch da!“ Ich blicke auf: Nicht Mr. X steht vor mir auf dem Rathausplatz, sondern Miri. Keine Spur von Svens blondem Haaren und seiner grauen Jacke. Das Spiel ist in fünf Minuten fertig. Wir müssen uns also beeilen. Ein grüner Balken auf dem Display zeigt an, wie lange es noch dauert, bis Mr. X Standort wieder aktualisiert wird. Es sind noch zwei Minuten. Um die Chancen zu erhöhen, laufen wir wieder in entgegengesetzte Richtungen.

Kleiner Nachteil der App: die ständige GPS- Ortung verbraucht eine Menge Akku; außerdem verursacht die Kommunikation mit dem Spielserver ein großes Datenvolumen. Alle Spieler sollten eigentlich eine Datenflatrate besitzen - und im Idealfall auch ein großes Datenpaket. Der Standpunkt wird auch bei den Detektiven nicht immer haargenau aktualisiert und so kann es schon mal vorkommen, dass sich Mitspieler oder Mr. X rund 50 Meter von der angezeigten Position entfernt befindet.

Doch der Adrenalinkick, den so eine Jagd mit sich bringt, lässt mich als Mitspielerin diese Minuspunkte vergessen. Kein Wunder, dass auch das Computermagazin Chip der kostenlosen App 4 ½ von 5 Sternen gegeben hat. „Am Besten ist es, wenn man es im Sommer mit vielen Leuten spielt!“, hat Sven vor Beginn erklärt. Ich glaube er hat recht. Doch auch zu dritt macht es schon Spaß. Mich selbst erinnert das alles an den Film 'Matrix' - man läuft durch die Stadt und ist gleichzeitig Teil einer anderen Dimension - in unserem Fall Teil einer Gangsterjagd. Die Realität wird mit dem virtuellen Hype verbunden. Ich bin begeistert und habe Spaß.

Ich will Sven einfangen. Unbedingt. Ich starre ungeduldig auf den Bildschirm meines Handys: sein Standort, der Standort von Mr. X muss jeden Moment aufblinken.

Endlich! Laut Karte schleicht er auf der Bertoldstraße zwischen Hausnummer 26 und 28. Ich gehe gerade die Rotteckstraße Richtung Stadttheater entlang, links von mir der Eingang des C&A. Ich bin also nur gefühlte 50 Gehsekunden von meiner Beute entfernt. Ich laufe schneller. Meine Hände umklammern das Smartphone noch fester. In drei Minuten wird das Spiel vorbei sein, bis dahin muss ich Mr. X eingefangen haben, sonst hat er gewonnen.

Direkt vor dem Cafe Aspekt reiße ich meinen Blick von meinem Smartphone los: Hier irgendwo muss er sein! Ich sehe ihn! Sven versucht noch, wegzulaufen, aber es ist zu spät. Ich erwische mit einer Hand seinen Rücken: „Hab Dich, Mr. X!“