Schwarze Katze von links in der Walpurgnisnacht: Warum der Abstieg des SC Freiburg eigentlich unmöglich war

Clemens Geißler

Manchmal werden Dinge erst deutlich, wenn man sie aus der Entfernung betrachtet. So ist es auch mit dem Abstieg des SC Freiburg. Vier Wochen später wird langsam klar: Das war eigentlich gar nicht möglich! Die Analyse einer unwahrscheinlichen Saison:



Der unnötigste Abstieg aller Zeiten

Vor zwei Wochen ist der Sportclub Freiburg zum vierten Mal in seiner Vereinsgeschichte aus der Ersten Bundesliga abgestiegen. Ein Abstieg, der sich lange angedeutet hat, an den man aber trotzdem nie so wirklich glauben wollte, erst recht nicht nach dem Sieg über Bayern München am vorletzten Spieltag. Warum es trotzdem so kam, zeigen Rückblick und Analyse einer Saison, die alles andere als normal lief…

Vermutlich jede Mannschaft der Welt, die abgestiegen ist, wird betonen, wie viele unglückliche Momente es in der Saison zuvor gegeben hat. Das ist logisch, denn zum Abstieg gehören Misserfolge und immer wieder einmal gibt es eine Niederlage, die unglücklich zustande gekommen ist. Umso mehr im Fußball, wo eine einzige Situation den Ausschlag geben kann. Was dem Sportclub allerdings in der vorangegangen Runde widerfahren ist, toppt eigentlich alles – in negativer Hinsicht, versteht sich.

Das Protokoll des Grauens

Zum Mitleiden, Mitärgern und Haareraufen hier nochmal alle vermasselten Spiele der Saison:
  • 4. Spieltag: SCF-Hertha 2:1 nach 79 Minuten, am Ende 2:2 durch einen Ronny-Freistoß in der 96. Minute
  • 5. Spieltag: 1899-SCF 0:2 nach 33 Minuten (2x Mike Frantz), 2:3 nach 75, schließlich 93. Minute Ausgleich durch Vestergaard
  • 12. Spieltag: FSV Mainz-SCF 1:2 nach 58 Minuten, am Ende trifft Stefan Bell in der 88. Minute zum 2:2
  • 14. Spieltag: SC Paderborn-SCF 0:1 durch einen Darida-Elfmeter, 89. Minute Ausgleich durch Kachunga.
  • 17. Spieltag: SCF-Hannover 2:0 bis zur 83. Minute, dann Ausgleich durch Bittencourt und Joselu.
  • 32. Spieltag: HSV-SCF, 0:1 durch Mehmedi, in der 90. Minute Ausgleich Gojko Kacar
Dazu:
  • 2. Spieltag: SCF-Gladbach 0:0 (Mehmedi verschießt Elfmeter)
  • 15. Spieltag: SCF-HSV 0:0 (Darida verschießt Elfmeter)
  • 28. Spieltag: Schalke-SCF 0:0 (Schuster verschießt Elfmeter)
Wir sind jetzt mal so vermessen und zählen einfach alle verlorengegangenen Punkte zusammen (18!), addieren sie zu den tatsächlich erreichten (34), konzentrieren uns, zählen nochmal nach, erhalten 52 Punkte und ordnen den Sportclub einfach mal locker flockig auf Rang 5 dieser neuen virtuellen Tabelle ein. Wäre also alles normal gelaufen, würden wir im nächsten Jahr vielleicht wieder in Sevilla antreten und nicht in Sandhausen, könnten wir uns mit Dortmund und Bayern messen und nicht mit Heidenheim und Leipzig.

Nun werden Skeptiker entgegnen, dass nie alles normal läuft. Geschenkt, aber wir reden ja eigentlich auch nicht von Europa, sondern vom schieren Klassenerhalt, dem nackten Verbleib in der Liga. Und hierzu hätte nur ein einziges dieser neun Spiele für uns laufen müssen.

Gut, einen Elfmeter kann man mal verschießen, aber dann haben wir immer noch sechs andere Jokerpartien, von denen einige schon für sich genommen unglaublich schlecht liefen, aber in der Summe jenseits aller Vorstellungskraft. Freitag, der Dreizehnte plus schwarzer Katze von links bei Vollmond in der Walpurgisnacht.

Gehen wir aber einmal weg von den Emotionen hin zu den Fakten: Hatte der Sportclub ein Konditions-, ein Konzentrationsproblem oder einfach nur Pech? Zunächst ist offensichtlich, dass man in sechs Partien entscheidende Gegentreffer in den Schlussminuten kassierte, selbst aber nur einen einzigen erzielte (und den paradoxerweise gegen Bayern).

Das würde für nachlassende Kräfte gegen Ende sprechen. Auch gingen einigen dieser Gegentreffer (z.B. Paderborn oder Hannover) recht skurrile individuelle Fehler voraus. Trotzdem muss man sagen, dass viele Spiele gegen Ende recht unglücklich liefen oder von Schiedsrichterentscheidungen beeinflusst wurden.

Nicht unterschätzt werden darf auch ein weiterer Faktor: Wenn man schon ein paar Mal in den letzten Minuten Gegentore bekommen hat, flattern einem umso mehr die Nerven.

Hat der Sportclub den Abstieg verdient?

Vordergründig ja: Denn erstens lügt die Tabelle bekanntlich nicht, zweitens sind nur sieben eigene Siege eine ziemlich magere Ausbeute, drittens konnte man zuletzt wichtige Heimspiele gegen Mainz und Paderborn nicht gewinnen und viertens war man zu häufig nicht imstande, entscheidende Situationen eines Spieles für sich zu nutzen.

Hinzu kommt der Langzeitfaktor: Der Sportclub wurstelte in den vergangenen sechs Jahren vier Mal unten herum, blieb dabei immer wieder unter der 40-Punkte-Marke und trotzdem in der Liga. 2014: 36 Punkte, 2012: 40 Punkte, 2010: 35 Punkte Die Erkenntnisse der Stochastik in einfache Worte gekleidet: Irgendwann erwischt es einen halt.

Nichtsdestotrotz sprechen viele Daten für den Sportclub: Mit nur 14 Niederlagen lässt man sechs Teams hinter sich und befindet sich gleichauf mit Hoffenheim und dem BVB. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man 20 Spiele nicht verloren hat! Mit einer solchen Bilanz abzusteigen, ist fast ein Kunststück, das in der Bundesligahistorie kaum jemandem und zuletzt Bielefeld gelang (2003).

Auch das Torverhältnis ist besser als das von sechs anderen Mannschaften, mit 47 Gegentoren stellt man die zehntbeste Abwehr der Liga, 36 geschossene sind zwar nicht Weltklasse, jedoch auch nicht Abstiegsplatz. Aber: Nur fünf Heimsiege sind einfach zu wenig und die Bilanz gegen die direkten Konkurrenten ist abgesehen von den vier Punkten gegen Hertha auch dünn: Paderborn 1, HSV 2, VfB 1, Hannover 1.

Im Langzeitvergleich offenbart sich erst wirklich, wie unverdient, zumindest aber unnötig dieser Abstieg war: Der SC hatte vermutlich den besten Kader der jüngeren Bundesligageschichte zusammen: Bürki mit zahllosen Top-Leistungen, in der Hinrunde Darida, phasenweise Höfler, zuletzt auch Sorg wussten auf der “Sechs” zu gefallen, vorne sorgten im Wechsel Frantz, Mehmedi, Petersen und auch Philipp für Gefahr und Tore.

Auch die Abwehr war für die erreichte Tabellenregion ordentlich: 47 Gegentore und solide bis verheißungsvolle Auftritte von Riether, Mitrovic, Kempf, Torrejon und natürlich Krmas. Wie konnte eine Mannschaft dieser vergleichsweise hohen Qualität, ein Kader, der so viele Optionen bietet, ein spielerisch und taktisch so gut funktionierendes Gefüge absteigen, wenn vor sechs Jahren eine Mannschaft die Klasse gehalten hat, in welcher Oliver Barth lange Bälle auf Mo Idrissou gedroschen hat?!? Je mehr man darüber nachdenkt, desto ärgerlicher wird es.

Fazit

Die Analyse hat gezeigt: Der Sportclub hat in der abgelaufenen Runde einiges falsch gemacht, aber längst nicht alles. Die Auftritte waren meistens ansprechend, zu oft allerdings brachte man sich um den Lohn der eigenen harten Arbeit. Setzt man Aufwand, Möglichkeiten und Ertrag ins Verhältnis, so ist dieser Abstieg als der unglücklichste in der Freiburger Bundesligageschichte zu bezeichnen.

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[Foto: dpa Picture Alliance]