Porträt

Schülerrat, Grünen-Mitglied, Klimapolitiker – der 19-jährige Jesko Treiber

Jana Luck

Jesko Treiber ist Vorsitzender des Schülerrats, tritt bei der Kommunalwahl an und sitzt als Sachverständiger für Kinder- und Jugendhilfe im Ausschuss für Schulen und Weiterbildung. Abi macht er auch noch. Er ist 19. Wie sieht sein Leben aus?

Jesko Treiber ist ein gefragter Mann. Kann man einen 19-jährigen Schüler so nennen? Blendet man sein Alter aus, muss man sagen: ja. Es ist Jeskos viertes Interview an diesem Tag; er hat mit Radio- Online- und Zeitungsredakteuren gesprochen: Darüber, wie er den Schülerstreik "Fridays for Future" mitorganisiert hat, dafür als Pressesprecher tätig war. Über seine Kandidatur für die Grünen bei der Kommunalwahl in diesem Frühjahr. Über sein Amt als erster Vorsitzender des Schülerrats in Freiburg.


Treffpunkt für dieses Gespräch ist die Waldorfschule in St. Georgen. Hier macht Jesko gerade Abitur. Er begrüßt den Mann am Empfang, der kennt ihn schon, "ah, hallo Jesko! Was kann ich für dich tun?" Er drückt Jesko einen Schlüssel in die Hand für ein leerstehendes Klassenzimmer, "viel Spaß beim Interview", sagt er und zwinkert ihm zu.

"Früher war mein Hobby Fußball, jetzt ist es Politik." Jesko Treiber

"Politisch geworden bin ich so mit 15 Jahren", sagt Jesko. Er öffnet die Tür des leerstehenden Klassenzimmers der 6a mit dem Generalschlüssel. Die Holzstühle sind jetzt, am Nachmittag, ordentlich auf die Tische geschoben. Einen der Stühle zieht er von einer Tischreihe und lässt sich auf die schmale Sitzfläche fallen. Er sagt: "Früher war mein Hobby Fußball, jetzt ist es Politik." Weit mehr als ein Hobby eigentlich: Vor drei Jahren wurde Jesko Mitglied im Schülerrat Freiburg, seit zwei Jahren ist er dort erster Vorsitzender. "Es macht mir einfach riesigen Spaß, Projekte anzuschieben und zu merken, dass ich etwas verändern kann", sagt er. "Und ich finde es auch toll, an Sitzungen und Konferenzen teilzunehmen und politische Diskussionen zu führen."

Mit anderen Schülern startete er ein Projekt gegen moderne Sklaverei

Mit dem Schülerrat hat er sich für Vorbereitungsklassen für Geflüchtete an Schulen eingesetzt, er hat die .komm Schüler.Innen-Tagung mitinitiiert und fährt auf Bundesschülerkonferenzen. Es scheint Jesko leicht zu fallen, sich zu begeistern und daraus Handfestes zu machen. Er erzählt von der Bundesschülerkonferenz, nach der er mit einigen anderen Schülern ein Projekt gegen moderne Sklaverei gestartet hat. Auf die Frage, wie das genau zustande kam, reagiert er leicht verdutzt, als sei das selbstverständlich. "Naja, wir haben darüber diskutiert, und dann gedacht: wäre doch cool, wenn aus der Diskussion auch was entstehen würde. Die nächsten drei Tage haben wir dann auf der Tagung Spenden gesammelt, davon Flyer finanziert, eine Facebook-Seite gemacht und eine WhatsApp-Gruppe. Der Workflow ist dann einfach entstanden. Es hat riesigen Spaß gemacht." Das sei sowieso das wichtigste: Dass das, was man tue, Spaß macht.

"Ich bin für Chancengleichheit." Jesko Treiber
Seit zwei Jahren sitzt Jesko als Sachverständiger im Ausschuss für Schulen und Weiterbildung des Gemeinderats. Denn neben der Kinder- und Jugendbeteiligung an Politik ist Bildung sein großes Thema. Dafür ist er auch Mitglied im Vorstand des Freiburger Bündnis "Eine Schule für alle e.V." und setzt sich für Gemeinschaftsschulen ein. "Im dreigliedrigen Schulsystem sind die Aufstiegschancen nicht gleich für alle. Das hängt vom Einkommen der Eltern ab. Ich bin für Chancengleichheit."

Zur Digitalisierung des Schulunterrichts macht sich Jesko viele Gedanken

Auch die Digitalisierung des Unterrichts ist ihm wichtig. "Aber richtig gemacht", betont er. "Einfach nur digitale Tafeln aufstellen, auf denen dann rumgemalt wird, das ist Quatsch. Man sollte nicht nur Sachen machen, die gut aussehen, sondern gucken, was gebraucht wird, um den Unterricht besser zu machen." Zum Beispiel: E-Books statt Bücher. "Im Schulausschuss meinte jemand neulich: nicht, dass wir die Bücher verlieren im Unterricht. Aber ich wäre froh, wenn wir sie verlieren – und nicht mehr schleppen müssen!" Außerdem will er Medienkunde als Unterrichtsfach. "Manche in der Schule sagen Sachen wie: ’Auf Facebook wird mir nur Schrott angezeigt.’ – ’Ja, weil du da draufklickst!’, meine ich dann. Wir müssen lernen, wie Algorithmen funktionieren und wie wir damit umgehen können, wie wir aus unseren Filterblasen rauskommen und wie wir mit Quellen aus dem Internet richtig umgehen. Das fehlt aktuell total im Unterricht." Wenn man mit Jesko über Politik spricht, vergisst man sein Alter. Er könnte dann auch ein Politiker mit jahrelanger Berufserfahrung sein. Die kindlichen Gesichtszüge mit dem flachsblonden Haar und den gleichfarbigen Augenbrauen scheinen zu verschwinden. Inhalt ist wichtiger als Alter.

"Ehrlich gesagt, habe ich früher nicht gerne vor der Klasse geredet." Jesko Treiber

Jesko zieht sein Portmonee und das Handy aus der Hosentasche, legt beides neben sich auf die Holzplatte. Er sitzt leicht zurückgelehnt und spricht ruhig von seinen Aktivitäten und Projekten. Hat er gelernt, wie man richtig spricht, Interviews führt, Reden hält? "Ich hab schon ein paar Rhetorik-Workshops besucht, aber das war viel Learning by Doing", sagt er. "Ehrlich gesagt, habe ich früher nicht gerne vor der Klasse geredet – aber in solchen Positionen und bei diesen Veranstaltungen musst du halt was sagen. Ich bin das dann bewusst angegangen und habe zum Beispiel mehr Referate in der Schule gehalten. Bei den Ausschusssitzungen vom Gemeinderat melde ich mich aber weniger." Denn: "Ich will nicht nur was sagen, um was gesagt zu haben. Sondern nur dann, wenn ich wirklich was beizutragen habe. Viele machen das anders und wollen nur Präsenz zeigen. Das nervt mich."

Vor einem Jahr trat Jesko den Grünen bei

Seit einem Jahr ist Jesko Treiber Mitglied der Grünen und des Kreisparteirats, auch in der Wahlkampfkommission für die Kommunalwahl 2019. Hierfür tritt er selber an: er steht auf dem Listenplatz 20. Am vergangenen Samstag war die Wahl für die Listenplatzkandidaten. Angetreten war Jesko auf Platz 6, dort wurde aber ein anderer gewählt. "Es ist natürlich nicht so gelaufen, wie geplant, aber ich bin nicht so enttäuscht. Da waren so viele andere starke Kandidierende da und es geht ja um die Partei, dass die stark aufgestellt ist. Ich unterstütze die Kandidierenden, die auf den Listenplätzen vor mir sind und werde selbst mein bestes geben." Bei den Grünen ist er, seit er ein Praktikum im Landtag beim Abgeordneten Reinhold Pix gemacht hat. "Danach wollte ich mich politisch engagieren. Warum bei den Grünen? Wenn wir jetzt nicht handeln gegen den Klimawandel, haben wir und unsere Kinder keine Zukunft."



Was sagt seine Familie zu all den Dingen, die er so macht? Sind sie stolz auf ihn? "Die sagen: du musst auch ein bisschen auf die Schule achten", sagt Jesko und grinst. Oder wenn er nach einer Fahrt durch die Bundesrepublik – 38 ICE-Fahrten zählte er letztes Jahr – mal wieder Zuhause ist, "dann sagen sie: bist du auch mal wieder da?" Wenn Jesko krank ist, dann sagen seine Mitschüler nur: "Der macht doch wieder Politik."

Wie schafft er das?

"Gutes Zeitmanagement", meint Jesko. "Ich habe schon oft so 70-Stunden-Wochen, am Tag bis zu vier Termine." Vor einigen Tagen musste er morgens früher aus dem Matheunterricht gehen, wegen eines Interviews. "Meistens ist das ok. Es ist ja meine eigene Verantwortung." Wenn es mit dem Posten im Gemeinderat klappt, will Jesko in Freiburg bleiben, Politik oder Wirtschaft studieren. Hat er Ziele, wo sieht er sich in Zukunft? Jesko nennt kein Amt, kein Mandat oder keinen Beruf. Er sagt stattdessen: "In einer Welt, in der bei weitem nicht alles perfekt ist – Klimawandel, Kriege, Ungerechtigkeiten – wenn ich da am Ende sagen könnte, ich habe was dagegen getan oder es wenigstens probiert, das wäre was. Ich würde gerne das Leben von anderen und meins verbessern." Er habe schon Interesse, sich bundes- oder europapolitisch zu engagieren. "Jetzt und immer gilt aber die Devise: think global, act local. Und in der Politik kann man eh nichts planen."

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