Schrottgrenze Hamburg: Schrottig, schön & schrottigschön

Carolin Buchheim

Am vergangenen Sonntag im Café Atlantik: Schrottgrenze aus Hamburg und als Vorband die frischgepackenen Eurockéenes Tremplin Bandwettbewerbgewinner My Baby wants to eat your pussy aus Mannheim. Ja, die heißen wirklich so. Hamburger Schule und trashiger Glam Rock mit viel Make-Up am gleichen Abend? Geht das? Ja, das geht. Und unterhaltsam war es auch.

Will man ein Konzert von "My baby wants to eat your pussy" beschreiben, so hat man ein Problem, nein, eigentlich gleich eine ganze handvoll Probleme: Sagt man was zu diesem Bandnamen? Zu den Pseudonymen? Beschreibt man Kostüme, Haare und Make-Up? Und good lord, in welche Schublade muss man diese Musik denn eigentlich packen?


Um all die Probleme kurz abzuhaken: "My baby wants to eat your pussy" ist ein Bandname, mit dem eine Karriere auf dem Nordamerikanischen Festland zweifelhaft, wenn nicht sogar unmöglich ist. Ist ja auch out, dieser Tage, dort Karriere machen zu wollen. Mehrdeutige Pseudonyme mit sexuellen Untertönen hingegen sind ja total 'in', heuer, und so heißt der Dreadbehangene Sänger von My Baby wants to eat your pussy ziggyHAS, die Sängerin Debùsy D'eeper, der/die Gitarrist/in Diva Eva D, der Bassist Donni Bella Luna, der Keyboarder tightENG und der Drummer Ray Gattner.

Bevor die Damen und Herren von "My baby wants to eat your pussy" auf die Bühne gehen, plündern sie zweifelsohne Humana Shops auf der Suche nach sexy Kunstfaserfetzen, stürzen sich dann kopfüber in die Make-Up Displays eines Drogeriemarkts, und dann nehmen sie ihre Instrumente und machen das große, glamouröse Rock'n'Roll Ding, und zwar knietief im Trash, und nachdem sie einmal klauen waren, und zwar bei allen, von AC/DC bis Zappa.

 
Man fragt sich aus welcher Stelle seines dünnen Körpers ziggyHAS diese seine unglaublich gute Stimme herholt, die glücklicherweise kein bisschen so klingt wie seine Haare aussehen. Debùsy D'eeper steht ihm in nichts nach, diese Frau könnte auch grässlichen Disco R'n'B à la Mariah Carey singen, aber stattdessen macht sie halt Rock'n'Roll, wie sympathisch. Sie singt so gut, dass das tiefe Dekollete gar nicht sein müsste. Stört aber auch nicht.

Bassist Donnie Bella Luna sieht aus, als sei er dem Robocop Kraus Video Fake Boys entsprungen und spielt dazu auch noch einen wirklich schönen Bass, der Keyboarder macht im Seidenbademantel auf Hugh Hefner und an den Keyboards auf 80er Jahre Synthie-Pop. Diva Eva D spielt eine nervig-fiese 80er Jahre Metalgitarre und der Drummer sitzt hinten drin und rockt.

Zusammengeworfen ist das ein großer anarchischer Spass zwischen Punk und Rock und Ska und Wahnsinn und Pop. Songs werden zerstückelt und wieder zusammengeworfen, und da werden leichtfüssig gut und gerne zwanzig Jahre Rockgeschichte in einem einzigen Song verbraten.

Das Erschreckende ist: Diese Herren mit Dame wissen, was sie tun. Die können das. Die können wirklich singen und auch wirklich ihre Instrumente spielen, und genau deswegen haben sie so eine Heidenfreude daran, in Kunstfaserkleidchen und mit reichlich Make-Up im Gesicht herumzutrashen. Man verzeiht ihnen deswegen sogar den arg platten Anti-Amerika-Mitsing-Song.

Einzige Kritikpunkte: Zum Einen wird das anarchische Song-Zerschmettern nach einer Weile ein bisschen vorhersehbar und ein wenig zu ausgiebig zelebriert, da wäre ein bisschen mehr Variation schön, und zum anderen nuschelt Herr ziggyHAS den Bandnamen so schnell runter, dass man sich fragt, ob er sich vielleicht doch dessen schämt. Das ist schade, und zwar beides. Aber das wird sicher noch, mit der Zeit, vielleicht ja sogar noch rechtzeitig bis zum Eurockéenes. Wir sehen uns dann am ersten Julisonntag am Plage, Pussies! Ich freu' mich.

Es folgten Schrottgrenze aus Hamburg. Man hatte den Eindruck, das Atlantik sei in eine Zeitmaschine gesteckt worden, einmal zurück in die frühen 90er bitte; schon lange keine Band gesehen, die so klassisch das Hamburger Schule Ding hingelegt hat, wie diese. Angeblich haben Schrottgrenze eine Punk Vergangenheit, von der man heutzutage aber nun gar nichts mehr hört. In irgendwelchen Pressetexten stand, sie seihen einzuordnen zwischen Virginia Jetzt! und Angelika Express (R.I.P.), und Menschen die das behaupten haben eindeutig keine der drei Bands je gehört.

Müsste man Schrottgrenze ins Regal zu irgendwelchen CDs dazustellen, dann schon eher in die Ecke im CD-Regal, in der Nationalgalerie, Tomte und Kettcar stehen; zum emotionalen, schrammelig-melodiösen Indiepop aus Hamburg, halt.

Leider zeigten Schrottgrenze sich am Sonntag nicht unbedingt in Höchstform. Vom langen touren kränkelnd war Sänger Alex Tsitsigias ausgenommen zickiger Laune. Man hätte zählen müssen, wie oft er auf das 2:2 des SC gegen die Sportfreuden Siegen zu sprechen kam. Fünfmal? Zehnmal? Die Fußballmannschaft der Gastgeberstadt zu dissen ist beim ersten Mal vielleicht lustig, wirkt aber spätestens ab dem fünften Mal nicht nur einfallslos und langweilig, sondern auch einfach schrecklich uncool.

Dank größtenteils sinnfreier aber prätentiöser Zwischen-den-Song-Ansagen wurde einem dieser Mann nach und nach durch und durch unsympathisch
. Vor lauter Antipathie wollte man ihm die emotional reichhaltigen und textlich erfrischend unpeinlichen Songs dann auch irgendwie nicht wirklich abnehmen, und emotionaler Rapport entstand wohl nur zwischen ihm und der handvoll knallharter Schrottgrenze Fans, die freudig in der ersten Reihe tanzten.

Bassist Herr Pohn
war ebenfalls gesundheitlich angeschlagen, spielte trotzdem eine schöne fette Basslinie, konnte aber krankheitsbedingt eben nicht mitsingen. Einzig Gitarrist Timo Sauer schien wirklich mit Herz und voller Energie bei der Sache zu sein, und der Enthusiasmus den er versprühte machte das emotionale Involvement das bei Sänger Alex Tsitsigias fehlte, immerhin ein klein wenig weg. Drummer Caddy lieferte dazu mit erfrischender Leichtigkeit tighte Drums, wie sie glücklicherweise langsam beim deutschen Indiepop Trend zu werden scheinen (think: Daniel Klingen von Klee/Subterfuge).

Insgesamt war das ganz nett, was Schrottgrenze am Sonntag im Atlantik machten.
Ganz nett, aber eben auch nicht mehr. An einem anderen Abend, mit besserer Laune und Attitüde von Alex Tstsigias könnte das viel mehr sein als nur nett, und wenn ich mir heute das kleine Video von Sonntag Abend ansehe und die Songs des neuen Albums "Chateau Schrottgrenze" anhöre, so rührt mich das weitaus mehr an, als die Band das live getan hat. Schade, eigentlich.

Insgesamt aber: ein schöner Sonntagabend im Atlantik, besser als das Fußballspiel vom Nachmittag oder Tatort-Gucken allein zu Haus, allemal.
    MEHR DAZU:

  • Die Eurockéenes de Belfort finden vom 30.Juni bis zum2. Juli statt. Website