Schmüsesänger ohne Haare: Was ging bei ... Milow?

Stefan Rother & Marius Buhl

Der Notizblock ist des Journalisten Heiligtum. Auch fudder-Redakteur Marius Buhl hatte einen dabei, als er gestern auf dem Konzert des Popsängers Milow in der Rothaus-Arena war. Nun gewährt er Einblick:



Die Crowd

Gekommen sind: SWR-3-Hörer, Mädchen mit halbhohen Stiefeln, Frauen mit Kurzhaarfrisuren, Männer mit Karohemden. Soll heißen: Ein Querschnitt durch die Bevölkerung ohne besondere Auffälligkeiten. Naturgemäß ist die Pärchenquote recht hoch, beim übrigen Publikumsanteil überwiegen leicht die Frauen. Beim textsicheren Mitsingen sind die Frauen deutlich lauter.

Die Show

Pyrotechnik, wechselnde Outfits, ein elaboriertes Bühnenbild – all das gibt es bei Milow nicht und wird von seinen Fans auch kaum erwartet. Hier steht ganz klassisch die Musik im Mittelpunkt. Daneben erweist sich Jonathan Vandenbroeck, so der bürgerliche Name des Sängers, aber auch als sehr begabter Erzähler, der sich immer wieder über die Begleiterscheinungen des Showgeschäfts lustig macht.

#doublefail

Zwei Fails waren zu beobachten. Erstens: Die Rothaus-Arena. Wahrscheinlich ist es einfacher in den Weiten Sibiriens so etwas wie "Stimmung" aufkommen zu lassen, als in dieser Halle. Viel zu groß (ein Drittel der Halle war unbesetzt), viel zu hoch, viel zu kalt (viele hatten ihre Jacken gar nicht abgegeben), viel zu hässlich (Luftabziehrohre an der Decke).

Zweiter Fail: Nach Stromae war Milow bereits der zweite belgische Popsänger von internationalem Format, der Freiburg besuchte. Warum schafft Belgien, was deutsche Popsänger nur ganz selten
schaffen: internationalen Erfolg?

#win

Sehr amüsiert berichtet Milow etwa von einem Interview bei seinem jüngsten Auftritt in Bremen, dass er sich später nochmals zu Gemüte führte – und feststellte, dass er dort als "Schmüsesänger" tituliert wurde. Mit gespielter Entrüstung weist er diese Kategorie während des Konzerts immer wieder von sich und gibt gleich noch eine Schlagzeile auf Deutsch zum Besten: "Keine Haare, viel Charisma".

Die Musik/Set-List

Dass mit dem Charisma ist unbestritten, aber liegt die Einschätzung von Milow als Balladenfreund wirklich so falsch? Ein Rocker ist er sicher nicht, schüttelt aber auch etwas mitreißende Nummern wie  "You don’t know" aus dem Ärmel. Zudem gelingt es ihm, auch seine zahlreichen ruhigen Stücke intim aber fast völlig schmalzfrei zu halten. Dazu gibt es immer wieder Abwechslung wie "Mistaken" vom aktuellen Album "Silver Lining" mit seinem wehmütigen Blues-Chor.

"Ayo Technology", die Cover-Version des Rap-Songs von 50 Cent, ist trotz aller Versuche das Lied zu toppen, Milows bestes Lied. Als er es spielt, ist die Präsenz von 50 Cent kurz spürbar - "while you sit down on top of me". Wie schmutzig das Lied ist, hat aber in der Halle kaum einer mitbekommen.

Kassensturz

Um die 40 Euro kostete die Karte, mit Bier/Wein/Sekt mussten Fans so um die 50 Euro zahlen. Das ist im Rahmen, gefühlt aber eher ein bisschen zu viel Geld.

Bester Gag

Selbstironie ist ja das letzte Mittel des Schmusesängers. Nur so kann er sich gegen den Vorwurf wehren, eine windelwiche Schmalz-Nudel zu sein. James Blunt hat das perfektioniert, Milow eifert ihm nach. So sinniert in einem Song darüber, wie er wohl nach dem sicher unvermeidlichen Höhenflug und darauffolgendem Absturz dastehen werde.

Programmatischer Titel: "I used to be cool". Schmerzfrei lässt sich der Sänger die Zeile dann auch gleich noch vom Publikum und Gitarrist Tom Vanstiphout singend vorhalten. Der nuckelt derweil an einer Bierflasche. Nein: Dass Milow und seine Entourage irgendwann ein Hotelzimmer zerlegen oder besoffen ein konzert abbrechen, das ist unrealistischer als ein Atomangriff durch den Vatikan.

Fazit

Ob es wirklich zu dem Absturzszenario kommt, ist fraglich – sicher aber, dass mit Milow noch eine ganze Weile zu rechnen sein wird. Sein Singer-Songwriter-Pop mag zunächst unscheinbar wirken, ist aber handwerklich einwandfrei, stimmlich überzeugend und textlich durchaus tiefsinnig. Ihm vorzuwerfen, damit allzu offenkundig auf den Radioeinsatz zu schielen, wäre verfehlt – solche Programmpunkte machen das Formatradio eher erträglich. Am besten funktionieren die Songs aber auf der Bühne – das nächste Konzert kann gerne auch vor Ablauf von fünf Jahren kommen.

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Foto-Galerie: Miroslav Dakov

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