"Schmerz vereint den Menschen": Soul-Sänger Seven im Interview

Bernhard Amelung

Blue, Yellow, Red, Purple. "4colors", das aktuelle Album von Jan Dettwyler alias Seven ist ein berauschender Ritt durch Farben und Genre. Am 21. November tritt er im Jazzhaus auf. Was er mit den Farben verbindet und was er sieht, wenn er die Augen schließt, erzählt er im Interview.

Was siehst du, wenn du in diesem Augenblick die Augen schließt?

Jan "Seven" Dettwyler: Ich sehe nasse Wäsche, die noch in der Waschmaschine liegt. Das Bild erinnert mich daran, dass ich die Wäsche rausholen und aufhängen muss. Sonst sind all die Sachen, die man so braucht, wenn man ein Baby hat, nicht bereit. Ich bin gerade zum zweiten Mal Vater geworden und merke erneut, wie viel Wäsche ein Baby mit sich bringt.

Was für einen Klang hat dieses Bild?

Seven: Ich assoziiere nicht mit jedem Bild einen Klang. Mein Gehirn vertont so belanglose Sachen wie Wäsche einfach nicht. Wenn ich dagegen Musik höre, bebildere ich die im Kopf ziemlich schnell. Diese Richtung ist bei mir sehr stark ausgeprägt.

Weißt du, was Pharell Williams, Frank Ocean und Lady Gaga gemeinsam haben?

Seven: Das sind alles Synästhetiker.

"Ich sitze sofort in der Musik drin."

Wie sieht es denn bei dir aus?

Seven: Ich kopple musikalische Stimmungen mit Farben und Bildern. Das kommt einfach. Manche Stimmungen verbinde ich mit der Farbe Rot. Die Komponente der Farbe ist bei mir ganz klar ein Teil der Musik. Bei anderen Stimmungen fühle ich mich wie morgens taufrisch auf Island. Das machen aber viele Menschen so, auch unbewusst. Zum Beispiel, wenn sie sich vorstellen, einen Song oder ein Album in einem Cabriolet zu hören.

Wie erklärst du das deiner Band im Studio?

Seven: Wenn wir einen Song proben oder aufnehmen, benutze ich sprachliche Bilder, um Stimmungen zu erklären. Man kann Musik zwar sehr präzise aufschreiben, aber man kann sie trotzdem auf unendlich viele Arten interpretieren. Ein Dirigent gibt ja auch nicht nur den Takt vor. Er gibt die Spielweise, die Emotionen vor.

Worauf achtest du beim Musikhören zuerst?

Seven: Ich sitze sofort in der Musik drin. Sie zerfällt dann für mich in alle Einzelteile. Ob sie mir gefällt oder nicht gefällt hängt immer von der Stimmung ab, die sie transportiert. Je mehr die Musik auch als Soundtrack geeignet ist, desto mehr spricht sie mich an. Ich kann sie dann auch einfacher bebildern.

"Ich langweile mich schnell."

Dein aktuelles Album heißt "4colors". Was ist die Idee dahinter?

Seven: Die Idee ist immer mein Problem. Ich will zu viel. Ich bin kein Musiker, der auf der Suche nach Perfektion ist, um diese dann bis zum Überdruss zu wiederholen. Ich langweile mich schnell. Deshalb entstehen meine Alben auch nie nach demselben Schema.

Was willst du denn mit "4colors" erreichen?

Seven: Ich saß zwei Jahre im Studio. Ich hatte gemerkt, dass ich Lust auf vier unterschiedliche Alben mit vier unterschiedlichen Stimmungen hatte. Diese habe ich auf vier Farben aufgeteilt. So war das Problem gleichzeitig auch die Lösung. Diese Aufteilung hat mir die Freiheit gegeben, dass ich jede Phase des Albums sehr intensiv produzieren konnte. Wäre das ein normaler Longplayer geworden, hätten ja alle gesagt: "Was ist das nur für ein Gemüsegarten."

In der "Purple"-Phase zitierst du Prince als musikalischen Übervater. Was spricht dich an ihm so an, dass du ihm ein Kapitel des Albums gewidmet hast?

Seven: Prince hatte nichts übrig für musikalische Regeln. In jedem Bereich seines Schaffens hat er Crossover getrieben. Allerdings mit so viel Stilsicherheit, dass immer etwas Neues entstand, das weitere Musiker inspiriert hat. D’Angelo, India Arie oder Maxwell würden heute nicht so klingen, wenn Prince den Grundstein nicht dazu gelegt hätte.

Was verbindest du mit der Farbe "Purple"?

Seven: Spielfreude und Körperlichkeit. Bei "Purple" ist alles erlaubt. Die Musik darf opulent sein. Es gibt kein Heute, kein Morgen. Das ist auch, was Prince ausgezeichnet hat. Er hat immer etwas Neues erschaffen, ohne dass er wie ein Getriebener gewirkt hat. Er hat perfekten Kitsch inszeniert, ohne kitschig zu sein. Diesem Sound wollte ich Tribut zollen. Prince ist sehr wichtig für mich.

Vor welchem Hintergrund ist der Song "Don’t Help Me", der die blaue Phase deines Albums eröffnet, entstanden?

Seven: Mit diesem Lied verarbeite ich eine Phase in meinem Leben, in der mich viele Dinge beschäftigt haben. Mir ging es nicht gut, ich musste warten, und dieser Schwebezustand war übel. Ich bin ja eigentlich ein Mensch, der immer etwas tun muss.

"Ich denke, der Schmerz ist das, was uns Menschen verbindet."

Was hast du getan?

Seven: Ich habe gelernt, dass es einem auch einmal schlecht gehen darf und dass Aktionismus nicht hilft. Man will auch von keinem Außenstehenden Hilfe bekommen. Denn auch dieser kann die Ungewissheit nicht beseitigen. Das Einzige, was hilft, ist, wenn der andere Mensch einfach da ist, nichts sagt, und man weiß, dass man nicht alleine ist.

Verlangt unsere Gesellschaft nicht, dass wir dauerhaft glücklich sind?

Seven: Wir leben und präsentieren uns oft an der Realität vorbei. Es geht nur darum, wie gut man aussieht, was man Tolles isst, wo man gerade am Strand liegt. Durch diese Überinszenierung ist alles Showbusiness geworden. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. So eine Entwicklung endet mit einem harten Aufprall.

Als Musiker bist du Teil des Showbusiness.

Seven: Ich trage keine Maske.

Die blaue Phase endet mit dem Song "Thank You Pain", einer Danksagung an den Schmerz. Was hat dich veranlasst, diesen Song zu schreiben?

Seven: Ich denke, der Schmerz ist das, was uns Menschen verbindet. Wir freuen uns nicht über dieselben Dinge. Freude ist sehr individuell. Jeder Mensch hat aber Angst, Fehler zu machen, die man bereuen könnte. Jeder Mensch hat auch Angst, jemanden zu verlieren. Der Schmerz macht einen guten Job. Er vereint uns Menschen und zeigt uns, was uns wirklich wichtig ist. Er ist universell.

Wie hältst du Schmerz aus?

Seven: Wenn ich traurig bin, bin ich wirklich traurig. Ich zeige das auch. Ich denke, es ist wichtig, dass man seine Gefühle zeigt. Der Schmerz bietet mir eine Chance, mir einzugestehen, wie viel Wert ein anderer Mensch für mich hat. Indem ich den Schmerz als Chance betrachte, kann ich ihn aushalten.
Verlosung

fudder verlost unter allen Mitgliedern im Club der Freunde drei Mal je zwei Freikarten für Seven im Jazzhaus Freiburg. Mitglied in fudders Club der Freunde kannst Du hier werden.Um zu gewinnen, schicke eine E-Mail mit deinem Namen und dem Betreff "Seven Colors" an gewinnen@fudder.de.

Sollten zu wenige Club-Mitglieder an der Verlosung teilnehmen, werden die Karten unter den restlichen Einsendungen verlost. Teilnahme ab 18 Jahren, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss ist Montag, 20. November, um 16 Uhr. Die Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt.

  • Was: Seven
  • Wann: Dienstag, 21. November 2017, 20 Uhr
  • Wo: Jazzhaus, Schnewlinstr. 1, 79098 Freiburg

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