SC vs. Schalke: Bittere Mittwochspille

Clemens Geißler

Schalke holt seinen ersten Saisonsieg in Freiburg – das ist seit gestern Abend nicht mehr nur der Satz, den man diese Woche bezüglich Fußball am häufigsten vernommen hat, sondern auch bittere Realität, Aus zwei ernstzunehmenden Angriffen machen die Schalker zwei Tore und entführen so alle drei Punkte vom Dreisamufer.



Fünf raus, fünf rein: Erneut hatte „Mr. Schalke“ Felix Magath zum Gastspiel in Freiburg die halbe Mannschaft ausgetauscht und doch scheint diese Maßnahme anfangs wenig zu fruchten. Der Sportclub nimmt den Schwung aus Frankfurt mit in dieses Kräftemessen und bereits ganz früh in der Partie erstirbt der erste Torschrei des rotweißen Anhangs, als sich Cissé gekonnt über links durchsetzt, sein Zuspiel allerdings keinen Abnehmer findet.


Wie immer in dieser Saison betreibt die Dutt-Elf einen hohen Laufaufwand, ohne aber die Knappen wirklich in Verlegenheit zu bringen. Dann sehen nicht nur die sonnenbebrillten Augen von Rudi Assauer (Frage eines Zuschauers: „Hat den seine Alte verschlagen?“), wie die Freiburger Defensive Huntelaar sträflich frei stehen, wie Baumann dessen Schuss nur abklatschen lässt und wie schließlich Ivan Rakitic bereits nach neun Minuten die Gästeführung markiert. Überraschend viele blau-weiße Kuttenträger springen von ihren Sitzen, zum ersten Mal überhaupt in dieser Spielzeit ist der S 04 in Führung gegangen.



Also doch das, was man vermuten musste: Geld schießt Tore, die trotz des Tabellenstandes favorisierten, mit zahlreichen internationalen Stars gespickten Schalker liegen vorn. Kein Wunder, mag mancher konstatieren, spielen da doch zwei Mannschaften gegeneinander, von denen die eine an einem der letzten Wochenenden so viel Geld für Transfers ausgegeben hat, wie die andere in ihrer gesamten Bundesligahistorie nicht.

Es ist aber trotzdem nicht so, dass Schalke das Spiel dominiert – im Gegenteil. Die Gäste machen eigentlich schon recht früh deutlich, dass sie lieber erstmal verteidigen wollen. Das machen sie auch nicht schlecht, wenngleich der Sportclub nun für einige Zeit so etwas wie Druck aufbauen kann.

Zwingend ist trotz sichtlicher Feldüberlegenheit in Hälfte eins allerdings weniges, und als Abdessadki einmal schön für Cissé querlegt, kommt dessen Schuss zu kurz, der Senegalese hätte sich aber ohnehin im Abseits befunden. Schalke dann doch irgendwie gefährlicher: 40. Minute: Freistoß Schmitz, Baumann wehrt wieder mittig ab, lenkt dann aber reaktionsschnell Huntelaars Kopfball übers Gebälk.



In der Pause bildet sich eine Schlange von Autogrammjägern auf der Haupttribüne. Geschmeichelt zücken wir unsere Kugelschreiber, werden dann aber fast über den Haufen gerannt, weil sich zwei Sitze weiter Jogi Löw niedergelassen hat und nun die Ehre hat, einige abgewetzte Jerseys zu signieren: Danke, Jogi!

Wer aber jetzt noch auf solcherlei achtet, verpasst ein wirklich gutes, druckvolles Spiel des Underdogs aus Freiburg: 53. Minute: Nicu bolzt nach Tohuwabohu im S 04-Sechzehner aus aussichtsreicher Position in einen hineingrätschenden Schalker Abwehrspieler und weckt damit seine Kollegen und das Publikum endgültig auf.

Nach der besten Freiburger Kombination ist es dann soweit, minutenlang hallt der Name des Torschützen durch das stehende Rund: Pappis Demba Cissé ist es, der wieder mal goldrichtig steht und mit links ins lange Eck abschließt: 69. Minute: 1-1. Vorausgegangen war ein misslungener Hackentrick von Makiadi, der von einem Schalker Rücken dem aktuellen Toptorjäger der Liga vor die Füße fällt.



Von da an wackelt Schalke. Der Sportclub ist nun überlegen und jeder wartet auf den Nackenschlag für die immer müder wirkenden Königsblauen. Der Stadionsprecher vermeldet passenderweise eine Nachricht an die Gästefans: „ Die A5 Richtung Frankfurt ist völlig frei. Es gibt gar keinen Stau. Ihr werdet also schnell und gut nach Hause kommen.“

Vielleicht war es dieses „Ihr könnt nach Hause fahr’n“ – light, das den Schalker Matip noch einmal zu einem Sprint mobilisiert, zu einem Zeitpunkt, als es bereits nach einem Remis zwischen Zufriedenheit (Freiburg) und Vorsicht (Schalke) aussieht.

Jedenfalls setzt er sich nach Butschers Fehlpass auf rechts durch und flankt auf Huntelaar, der aus fünf Metern den Siegtreffer markiert. 84. Minute: 1-2. So bleibt es auch bis zum Schluss, trotz 7-2 Ecken für die Platzherren und trotz einer Schlusschance für Yano nach Cissés Kopfballverlängerung.

Kleiner Trost für alle Frustrierten: Schalke bleibt Tabellenletzter.



Suchen wir doch einfach die Schuld beim Schiedsrichtergespann! Natürlich, das macht man nur, wenn man das Spiel verliert. Gleichwohl war es etwas merkwürdig, was die Unparteiischen ablieferten: Gezählte dreizehn und gefühlte fünfzig Mal wurde der Sportclub wegen vermeintlicher Abseitsstellung zurückgepfiffen, mehrmals musste das bisweilen ungehaltene Publikum fehlende Abstimmung oder überstimmte Entscheidungen beobachten.

Aber das ist nur eine Randnotiz, denn die spielentscheidenden Situationen waren lupenrein und deswegen muss man sich an der Dreisam mit dieser Niederlage ohne den inzwischen fast branchenüblichen Verweis auf höhere Mächte auseinandersetzen.

Und so schlimm ist es ja auch nicht, als aktueller Tabellenfünfter, unter anderem vor Bayern, Hamburg, Bremen, Stuttgart und eben Schalke nach Wolfsburg zu reisen. Ein schönes Polster also, auf das aber ruhig noch das ein oder andere Kissen draufgepackt werden darf.

Am Sonntag wissen wir mehr.

Mehr dazu:

[Fotos: dpa]