SC Freiburg: Der große Jahresrückblick

Clemens Geißler

Christian Streich ist zum Kulttrainer avanciert, und der SC Freiburg steht auf Tabellenplatz fünf. Wie das passieren konnte, erklärt uns Clemens Geißler in seinem Rückblick auf das Jahr 2012:

   

Der Rest von Jahr 2011/2012 ...

... hätte kaum erfolgreicher verlaufen können. Der Sportclub holte 27 Punkte in der Rückrunde. Die Mannschaft präsentierte sich als Heimmacht – schlug Hochkaräter wie Schalke und trotzte sogar den Bayern ein denkwürdiges Remis ab. Gegen Mitte der Rückrunde klappte es dann auch auswärts. Ein überraschender Erfolg in Hamburg, ein weiterer in Leverkusen, der Ex-Trainer Robin Dutt den Kopf kostete, einer in Berlin und schließlich ein 0-0 bei der Heimmacht Hannover, was den Klassenerhalt sicherte.



Hervorzuheben ist dabei: Die teilweise überraschenden "Abgänge" gestandener Spieler (unter anderem Cissé, Butscher, Bastians) wurden nicht nur kompensiert – was überraschend genug war. Es gelang sogar noch mehr: Statt planlos den Kader aufzublähen, setzte man auf die eigene Jugend und ließ unter denkbar schweren Bedingungen junge Spieler Erfahrungen sammeln, die später noch von sich reden machen sollten.

Der Anfang von 2012/2013

Dass die Tabelle nicht lügt, ist eine altbekannte Phrase. Aber im Falle des Sportclubs wird selbst dem größten Miesepeter klar, dass die Erfolge dieser Mannschaft verdient sind: Tabellenfünfter der Bundesliga-Hinrunde und unter den letzten Acht im DFB-Pokal – obwohl man dort seit Menschengedenken nur noch auswärts antreten muss.

Dies belegt ein Blick in die Statistik: Freiburg hat die zweitwenigsten Gegentore der Liga kassiert (18), nur Bayern steht besser da. Zugleich lässt die Elf von Christian Streich hinter Bayern und Dortmund die drittwenigsten gegnerischen Torschüsse zu. Und im Gegensatz zu fast allen anderen Verfolgern hat man ein deutlich positives Torverhältnis.



Niederlagen gab es nur gegen die ersten vier Mannschaften der Tabelle – und Bremen. Womit man schon hypothetisch werden kann. Denn Bremen war nicht das einzige Resultat dieser Hinrunde, wo es gern hätte ein bisschen mehr sein können. In Düsseldorf agierte man 90 Minuten wie eine Heimelf, in Frankfurt und gegen Bremen musste man nach dem Spielverlauf auch nicht verlieren. Gegen Dortmund wurden alle drei Handspiele des Spiels gegen Freiburg gewertet, gegen Bayern spielte man praktisch von Beginn an in Unterzahl – auch hier mit zwei gegen die Breisgauer gewerteten Handspielen.

Umgekehrt fällt einem kaum ein Spiel ein, das der Sportclub wahnsinnig glücklich gewonnen hätte: "Wir haben sie (die Punkte) nicht gestohlen", resumierte auch schon Trainer Streich Mitte der Hinrunde. Auch wenn es angesichts der Tabellensituation größenwahnsinnig klingt: Drei, vier Punkte mehr hätten es sogar noch sein können.

Der Augenblick der Vorrunde ...

Bis zum 15. Dezember, 18.29 Uhr – kurz vor dem Anpfiff des Spiels auf Schalke – spielte der Sportclub eine ziemlich gelungene Runde. Am 18. Dezember, um 20:50 Uhr – nach dem Schlusspfiff in Karlsruhe – wurde es zu einer überragenden. Sieg auf Schalke und Platz fünf in der Liga, Sieg beim KSC und Viertelfinale im Pokal. Vier Tage, in denen vielen klar wurde, dass das, was der Sportclub im Moment spielt, sogar noch etwas mehr ist als Bundesliga-Mittelfeld.

Der Einblick

Woher nun dieser Lauf? Zu allererst muss Trainer Christian Streich genannt werden. "Der beste Mann bei Freiburg sitzt auf der Bank", konstatierte vor dem Bayern-Spiel Trainer-Ikone Jupp Heynckes. Und für die User auf zdfsport.de ist er mit 39 Prozent eindeutig der "Trainer der Hinrunde". Er kommt aus der Region, ist bodenständig, hat klare Vorstellungen vom Fußball und weiß, wie er mit jungen Spielern – dem einzigen Kapital des kleinen südbadischen Vereins – umgehen muss.



Ihm ist es hauptsächlich zu verdanken, dass die Mannschaft inzwischen ein junges regionales Gesicht hat und dazu noch erfolgreich Fußball spielt. Wer kannte noch vor einem Jahr Spieler wie Oliver Sorg, Matthias Ginter oder Jonathan Schmid? Inzwischen sind sie aus dem Streich-Ensemble kaum mehr wegzudenken. Und mit Immanuel Höhn, Christian Günter oder Marc Lais stecken noch weitere Pfeile im Köcher.

Der Ausblick

Pokalsieger? Champions-League-Teilnehmer? Oder Goldene Ananas? Für die ersten beiden Optionen muss alles, aber auch wirklich alles passen. Wohingegen eine kleinere Durststrecke schon reichen kann, um den Sportclub ins Niemandsland abrutschen und damit eine tolle Saison irgendwie doch enttäuschend enden zu lassen.

Bekommt diese Truppe – kaum auszudenken – noch einen Schub, wenn der Klassenerhalt sicher und alles andere die Kür ist? Ist es besser, wenn das internationale Parkett ein "Darf" ist und nicht ein "Muss" wie bei vielen anderen Vereinen? Oder kommt zum Tragen, dass eben diese Vereine auch ungleich größere Mittel zur Verwirklichung ihrer Ziele in die Hand nehmen werden?

Eines ist sicher: Sollte die Mannschaft von Christian Streich ihre phänomenale Konstanz auch ins Neue Jahr mitnehmen, werden wir nicht nur ansprechende Leistungen, sondern auch den tabellarischen Lohn geboten bekommen.



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[Bilder: dpa]