Kerzen und Stille

SC-Fans gedenken der getöteten Studentin

Felix Klingel

Mit kurzem Schweigen und Kerzen haben die SC-Fans beim Spiel gegen Augsburg an die Studentin erinnert, die vergangenen Sonntag in der Nähe des Stadion getötet wurde.

Plötzlich ist es still. Gespenstisch still. 23.000 Fußballfans schweigen. Kein Wurst-Schmatzen und kein Zuprosten, kein "Ohohoho SC Freiburg" und kein "Heut mache ma se platt". Nicht ein Ton. "Ein krasser Moment", sagt ein SC-Fan. "Aber das Leben muss weitergehen." Anpfiff.


Es war ein Moment der Andacht kurz vor dem Spiel des SC Freiburg gegen den FC Augsburg. Andacht für die getötete Medizinstudentin, die am vergangenen Sonntagmorgen direkt hinter der Nordtribüne des Schwarzwald-Stadions in der Dreisam gefunden wurde.
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Im Vorfeld des Spiels gab es im Verein noch Diskussionen, ob eine solche Andacht überhaupt angebracht sei. Es ist nicht bekannt, dass die Studentin Fan des SC war. Aber der Fundort liegt direkt am Stadion. Nicht wenige Fans nennen es ihr Zuhause.

"Wir haben uns im Verein schließlich dafür entschieden", sagt SC-Sprecher Sascha Glunk. Es sei auch die Bitte vieler Fans gewesen. Dennoch geht der Verein sensibel mit dem Thema um. Es ist keine offizielle Schweigeminute, die müsste der DFB organisieren. Darum war der Andachtsmoment auch in der Live-Übertragung des Spiels nicht zu sehen. Wie sehr den Fans das Verbrechen nahe geht, zeigte sich schon vor dem Spiel.

Gengenbacherin organisiert Lichter-Aktion

Samstagmittag, 12.30 Uhr, am Dreisamuferweg hinter dem Stadion. Es ist ein herrlicher Herbst-Tag, die Sonne scheint, ein Flaschensammler bereitet sich auf sein Geschäft vor. Die ersten Fans mischen sich unter die Spaziergänger, unschwer zu erkennen an den rot-weißen Schals, die um den Hals oder den Gürtel gewickelt unter den Jacken hervorlugen.

Der Weg zur Nordtribüne führt unweigerlich an der Stelle des Verbrechens vorbei. Ein Weg, den auch Sabrina Giesler an diesem Fußball-Samstag geht. "Es fühlt sich komisch an", sagt die 27-Jährige. Sie ist seit dem 8. Lebensjahr eingefleischter SC-Fan. "Schon im Vorfeld hatte ich ein mulmiges Gefühl." Darum hat sie sich die Gengenbacherin entschieden, etwas zu organisieren. Eine Kerzen-Aktion vor dem Stadion. Über Facebook ruft sie dazu auf und hält auch mit dem Verein Rücksprache.

Am Ottiliensteg sammeln sich Fans und Trauernde, sie legen Kerzen und Blumen an einem Baum ab und halten kurz Inne. Einige gelbe Herbstblätter stecken in dem letzten verbliebenden Absperrband, dass noch um den Baum gewickelt ist. Hier hatte die Polizei den Tatort weiträumig abgesperrt.

Die Kerzen-Aktion ist keine große Aktion, aber sie ist von Dauer: Kaum verlässt eine Person den Kreis, tritt eine andere heran. Eine Gruppe junger Menschen stimmt ein Lied an: "Gott, lass meine Gedanken sich sammeln zu dir" – es endet mit den Worten "Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich". Bis zum Spielbeginn löst sich der Kreis nicht auf.



Auch die Kriminalpolizei ist unterwegs, in zivil. Sie kontrolliert einige Personen, darunter auch den Flaschensammler. Er ist aus Mazedonien und versteht kaum Deutsch. Irgendwann hat er aber verstanden, was hier passiert ist und schüttelt fassungslos den Kopf.

Schweigeminute geht nahe

"Es ist schon komisch, ich bin hier schon so oft zu Spielen gelaufen und habe mit Freunden gefeiert", sagt Johannes Schiefer auf dem Weg zum Stadion. Der 30-Jährige findet gut, dass nicht sofort zur Tagesordnung übergegangen wird, sondern die Tat auch beim Fußball Thema ist. "Klar wird es nach dem Gedenken etwas ruhiger sein", sagt er. "Aber wenn der SC gewinnt, wird sicher gefeiert".

"Es war nicht wie sonst", sagt Sabrina Giesler dagegen nach dem Spiel. "Die Schweigeminute ging einem nahe. Dann war die Stimmung schon 15 Minuten gedrückt." Viele hätten sich die Tränen verdrückt. Doch der SC gewinnt das Spiel gegen Augsburg mit 2:1. Der Sieg wird natürlich gefeiert. Das Leben geht weiter. Es muss.

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