Satellit im Brennpunkt

David Weigend

Dieses ehrgeizige Projekt der neuen Theaterintendantin Barbara Mundel und des Dramaturgen Arved Schultze heißt Orbit. Der soll, so dachten sich das die beiden, als Satellit des Theater Freiburg durch die Stadt "treiben", zur Wieder- bzw. Neuentdeckung künstlerischer Ideen und Ansätze zwischen Stadt und Theater. Warum die hehre Idee an der Weingartener Realität abschmiert, lest ihr hier.

„Eh, bisch du für Libonon oder für Israel?“ fragt Jason seinen Kumpel Leonardo, beide 8 Jahre alt. Sie stehen vor diesem weißen Theaterdingens zwischen den Hochhäusern an der Krozingerstraße in Weingarten. Leonardo geht auf die Frage vorsichtshalber nicht ein und sagt: „Daheim hab ich en richtiges Nindschaschwert aus Metal. Damit hab ich schon Glas kaputtgeschlagen.“ Später werden sie sich noch prügeln und dann wird Sebastian Wagner dazukommen, eingreifen und sagen: „Jungs, wenn einer am Boden liegt, ist’s vorbei!“ Wagner ist einer von drei Berliner Performancekünstlern der Gruppe Pony Pedro, beauftragt vom Freiburger Theater, um die Orbitstation Weingarten zu beleben.


Man kann Mundel und Co. nicht vorwerfen, sie würden den Kontakt mit den sogenannten Problemzonen der Stadt meiden. Der mobile Pavillion, von dem aus ein Jahr lang verschiedene Kommunikationsaktionen in diversen Stadtteilen gestartet werden sollen, steht genau dort, wo die Jugendlichen des Freiburger Westens so viel Zeit haben, dass sie auf dumme Ideen kommen. Orbitfrau Franziska Werner (31) und aus Berlin, sagt: „Wir kommen kaum dazu, mit den interessierten Kids in unserer Siebdruckwerkstatt zu arbeiten, weil hier manche Typen ständig Terror machen.“

Die Theaterwissenschaftlerin als Betreuerin verhaltensauffälliger Kinder. Ein Siebenjähriger, der sich um 13 Uhr mit dem Satz „Ich muss jetzt in Therapie“ verabschiedet, gehört auf dem Weingartener Parkdeck zur Normalität, genauso die Erbsenzwillen, mit denen sich manche Halbstarke bereits mittags um den weißen Container drücken. „Besucher sollen Gelegenheit erhalten, ihre Biographien, ihren Alltag und die sie bewegenden Fragen zu beschreiben und in den ORBIT einfließen zu lassen“, heißt es im Credo der Orbitmacher. Insofern darf man sich schon freuen, dass der Brainstormcontainer an der Krozi überhaupt noch steht.

Vor den Berliner Ponypedros indes gilt es den Hut zu ziehen. Das Trio versucht mit relativ lustigen Aktionen, Bewegung und Irritation rund um den Weingarten Center zu bringen. Um 20.15 Uhr machen sie „Joggen gegen Fernsehen", sie organisieren einen „Bärtestammtisch“ für Menschen mit echten und aufgeklebten Bärten und basteln Laternen. Alles unter dem Motto „Gruppen- und Schwarmbildung“. Das Feedback der Weingartener sei gering, aber positiv, so Werner. Für die ungekünstelte Direktheit kann man die Jugend dieses Stadtteils nur beneiden.