Sangsprüche und Hiphop: 5 Antworten vom Mittelalter-Germanisten Bent Gebert

Julian Schwizler

Was haben Walther von der Vogelweide und Kool Savas gemein? Auf den ersten Blick: nichts - trennen die beiden doch auch rund 800 Jahre. Wie sie Poesie im Wettkampf verwenden, lässt sich jedoch vergleichen, meint Bent Gebert, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Mediävistik an der Uni Freiburg. Genauer erörtert er dies heute in einem Workshop. Wir haben ihm dazu fünf Fragen gestellt:

[Autorbild aus dem sogenannten 'Codex Manesse', einer zwischen 1300 und 1340 entstandenen Handschrift mit deutschsprachiger Lyrik des 12. und 13. Jahrhunderts*]




fudder: Sangspruch und Hiphop - für Laien sind das zwei sehr unterschiedliche Felder. Was haben die beiden Bereiche in Ihren Augen gemein?



Bent Gebert: In unserem Workshop leuchten wir nicht die geschichtliche Entstehung der Hiphop-Kultur aus, sondern vorzüglich die Battles, Disses und den bestehenden Konkurrenzgedanken. Diese vergleichen wir mit der lyrischen Wettkampfkultur des 13. Jahrhunderts, denn auch damals befehdeten sich diverse Dichter untereinander.

Der Bezugspunkt ist die jeweilige Wettkampfinszenierung: In beiden Bereichen zielt die Rivalität weniger darauf, den Gegner mundtot zu machen, sondern in einer höchst provokanten Weise zu fördern und dabei sprachliche Kreativität freizusetzen. Ein Ziel des Workshops ist es, weitere Verbindungen und Gemeinsamkeiten solcher Wettkampfbeziehungen aufzuspüren.

Der Ton bei Rap-Battles ist oft rau, Obszönitäten werden ausgetauscht und kaum ein Blatt vor den Mund genommen. War die Wortwahl beim Sangspruch früher harmloser?

Harmloser erscheint sie uns nur heute - aus dem Abstand von 700 Jahren. Die mittelhochdeutschen Sangspruchdichter gaben sich jedoch genauso Tiernamen und kritisierten die Sprache, die Bildungsvoraussetzung sowie den sozialen Stand des Anderen. Selbst das 'Dissen' der Mutter des Gegners hat eine lange Kulturgeschichte. Diese findet man jedoch vor allem in der lateinischen Lyrik, weniger beim Sangspruch.


[Der deutsche Battle-Rapper Kool Savas]



Die Hiphop-Kultur entstammt den sozial schwachen Bezirken nordamerikanischer Großstädte, die gemeinhin als 'Ghettos' bezeichnet werden. Thematisiert wurden hauptsächlich die schlechten Lebensumstände und die Politik. Hatten die Minnesänger des 13. Jahrhunderts ebenso Grund zur Sozialkritik?



Bei der gesellschaftlichen Situierung von Hiphop und Sangspruch sind ganz klare Unterschiede festzustellen: Sangsprüche wurden im Mittelalter in sozial hoch privilegierten Settings aufgeführt. Auch wenn die soziale Stellung der fahrenden Sänger oft prekär war, so war ihre Kunstpraxis doch immer fest in die Repräsentationskultur der Adelshöfe eingebunden. Das Herrscherlob gehört – neben allen sozial- und moralkritischen Akzenten – zu den zentralen Zielen der Gattung.

Eine weitere Differenz stellt die Tatsache dar, dass sich die Sangspruchdichter selten als radikale Außenseiter und erst recht nicht als Angehörige von Subkulturen inszenierten, sondern in ihren Texten höchste Autoritätsansprüche reklamierten.



Sind die Inhalte des Sangspruchs heute noch aktuell?

Als Lebenslehre für das Jahr 2012 sind sie wohl nicht mehr unmittelbar anschlussfähig, zu deutlich sind viele Texte von den Normvorgaben religiöser Weltdeutung des Mittelalters geprägt. Was diese Texte für uns jedoch so interessant macht, sind die dort auftauchenden Muster der Wettkampfinszenierung: Mit welchen Mitteln stellt man sich und seine Sprache als überlegen dar? Wie schaltet man auf lyrische Art und Weise Gegner aus, hält sie aber gleichzeitig noch im System? Diese Kunst des produktiven Schmähens war damals schon so ausgefeilt, dass sich auch heutige Rapper eine Scheibe davon abschneiden könnten.

Wer würde denn ein Battle gewinnen? Rapper oder Sangspruchdichter?

Das kommt natürlich auf den Maßstab an, mit dem man das messen möchte. Sie würden aber definitiv zusammen auf eine Bühne passen.



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Abgebildet ist eine Wettkampfinszenierung: oben als Richter der Landgraf von Thüringen und seine Frau, unten die konkurrierenden Dichter. Bildunterschrift: "hie kriegent mit sange her walther von der vogilweide, her wolfram von eschilbach, her Reimar der alte, der tugenthafte schriber, heinrich von ofterdingen und klingesor von ungerlant" - also die Konkurrenten im Wettsingen.



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[Bild 1: Uni Heidelberg; Bild 2: Promo]