Roma und Deutsche: Kommt ihr klar?

Juri Andresen & David Weigend

Das sind Bekir Gasi (24) und Lion Baumann (16). Sie werden morgen im Freiburger Theater stehen, bei der Premiere des Stücks "Carmen Now!" Wir haben vorab mit ihnen gesprochen - über den Ausdruck "Zigeuner", ihre Familien, Rassismus und über die Frage, wer hier wen integriert.



Bekir, du bist vor fünf Jahren vom Kosovo nach Freiburg gekommen. Wie identifizierst du dich? Als Kosovoalbaner? Moslem? Roma?

Ich fühle mich vollkommen als Roma. Nicht als Albaner, Serbe oder sonst was. Dazu stehe ich.

Wohnst du allein oder zusammen mit deiner Familie?

Allein, in einem kleinen Zimmer im Wohnheim. Die Küche muss ich mir mit anderen Familien teilen. Meine Eltern wohnen in einem anderen Wohnheim. Dass ich von ihnen getrennt wurde, war gegen meinen Willen. Ich musste eben raus. Die Stadt ließ Häuser abreißen, daraufhin mangelte es an Platz.

Lion, bist du Freiburger?

Nein, ursprünglich komme ich aus Nürnberg. 2003 bin ich hierher gekommen. Seitdem wohne ich hier mit meiner Mutter und ihrem Freund.

Welche Schule besuchst du?

Die Waldorfschule in der Wiehre, ich gehe in die zehnte Klasse. Ich weiß noch nicht genau, was ich für einen Abschluss machen will. Beruflich will ich auf jeden Fall was mit Theater oder Musik machen.



Bekir, machst du eine Ausbildung?

Ich besuche die neunte Klasse der Römerhofschule und will mich bald um einen Ausbildungsplatz bewerben. Ich mache viel mit Musik und Videoschnitt, vielleicht kann ich Tontechniker werden. Aber ich tanze auch gern.

Welche Rolle spielst du in "Carmen Now!"?

Den besten Freund des Bräutigams.

Und du, Lion?

Ich spiele mehrere kleine Rollen: den deutschen Freund einer Roma und ein anderes Mal genau das Gegenteil, also einen Typen, der eigentlich auch Vorurteile hat und gegen Roma ist.

Bekir, wie war es für dich, nach Deutschland zu kommen?

Es war ein Schritt in eine komplett andere Kultur. Ich musste mich anpassen.

Was bedeutet für dich der Begriff „Integration“?

Ich integriere mich selber, zum Beispiel, indem ich mich schnell darum bemüht habe, Deutsch zu lernen. Viele Deutsche halfen mir dabei. Ich habe viele deutsche Freunde gefunden.



Hast du auch Rassismus erfahren?

Gute und schlechte Menschen gibt es überall, nicht nur in Deutschland.

Hast du Vorurteile gegenüber Deutschen?

Es gibt immer Vorurteile, die Roma über Deutsche haben und umgekehrt. Das ist normal, finde ich.

Zum Beispiel?

Im Moment fällt mir nichts ein. Eigentlich habe ich doch keine Vorurteile gehabt.



Lion, hattest du Mal Vorurteile gegenüber Roma?

Nein, nie. Ich bin kein Rassist und will auch nie einer sein. Ich hab es am liebsten, wenn alle was zusammen machen und es keinen Ärger gibt. So, wie jetzt, bei unserem Theaterstück. Andererseits habe ich auch oft schon schlechte Erfahrungen mit Ausländern gemacht. Schlägereien in der Stadt zum Beispiel, die einfach produziert wurden. Daher kommt vielleicht das Vorurteil: „Ja, die blöden Ausländer, die provozieren ja nur und schlagen zu!“ Dabei ist es ja gar nicht immer so. Da gibt’s auch ganz andere, auch Deutsche, die dauernd provozieren. Da muss man aufpassen und differenzieren.

Warum ist der Ausdruck „Zigeuner“ eigentlich ein Schimpfwort?

„Zigeuner“ kam vor hunderten von Jahren von den Deutschen. Es bedeutet „Ziehende Gauner“. So wurde das dann verbreitet. Wir Roma können uns untereinander schon so nennen, aber wenn es ein anderer sagt, ist es für mich ein Schimpfwort. Aber viele kennen auch nur diesen Ausdruck.

Was bedeutet für dich die Roma-Kultur? Was ist es, das euch vereint? Immerhin lebt dein Volk ja auf der ganzen Welt verstreut.

Die Sprache, die Musik. Unsere Hochzeitskultur zum Beispiel.



Hochzeitskultur?

Ja, ich war schon bei vielen Roma-Hochzeiten dabei, seit ich klein bin. Da kommt dann wirklich die ganze Familie: mein Bruder mit seiner Frau, meine Schwester und meine ganzen Cousins: ersten Grades, zweiten Grades, dritten Grades und so weiter. Und dann natürlich noch die Bekanntschaften der anderen Familie. Alle sind auf einmal da, man tanzt, trinkt und macht Party.

Hm. Ist das arg anders als bei deutschen Hochzeiten?

Ich glaube, wir halten innerhalb der Familie besser zusammen. Denn die Familie ist alles, was wir haben. Wir sind immer füreinander da, wenn jemand aus der Familie Schwierigkeiten hat. Bei den Deutschen ist das, soweit ich das bisher gesehen habe, nicht immer so. Ich habe auch schon oft gehört, dass die nicht mal alle ihre Cousins kennen.

Küsst du deine Cousins zur Begrüßung?

Ja. Das machen die Türken doch auch, oder? Es muss jetzt nicht unbedingt rechts, links sein. Ich küsse auch meinen Bruder gerne. Den sehe ich ja auch nicht so oft.

Wo liegt deine Heimat?

Hier, in Freiburg. Es gibt kein anderes Zuhause für mich. Zurück in den Kosovo will ich nicht. Seit dort Krieg war, ist es da nicht mehr so wie früher. Was dort alles passiert ist…es sind schlimme Erinnerungen. Ich denke, dort will niemand mehr hin zurück.



Carmen Now!: Die Hintergründe

In dem Stück „Carmen now!“, das am Samstag Premiere feiern wird, geht es um Vorurteile von Deutschen gegenüber Roma und umgekehrt. Es handelt von der Liebe vom Roma Sare zur Deutschen Carmen. Dieser Liebe stehen einige Hindernisse im Wege. Letztlich kommt es zu einer spannenden Begegnung zwischen der deutschen und der Roma-Kultur. Eine wichtige Rolle im Stück spielt die Musik, gespielt von einer zehnköpfigen Live-Band.

Wie findet man Jugendliche, die bei solch einem Stück mitmachen wollen? „Wir haben fast alle Asylheime in Freiburg abgeklappert und viel telefoniert“, sagt Margarethe Mehring-Fuchs, die das Projekt leitet. Es gebe viele Asylheime in Freiburg, in denen Roma-Familien leben. „Die Familien wollen einen natürlich kennenlernen. Man geht in die Familien, stellt sich vor und klärt sie auf, um was es geht.“ Man traf sich also anfangs mit den Jungs, später mit den Mädchen. Seit Oktober proben sie gemeinsam, 24 Darsteller, Roma und Deutsche. „Einige der Stücke haben die Jugendlichen selbst komponiert“, sagt Ro Kuijpers, der die Band leitet.

Im Gespräch mit den Jugendlichen stellte sich heraus, dass die Hochzeit eine zentrale Rolle in der Roma-Kultur spiele und im Stück unbedingt vorkommen solle. Frau Mehring-Fuchs sagt: „Das einzig Sichere, was die Roma haben, ist ihre Familie. Sie werden in großen Teilen Europas noch immer verfolgt.“

Stephan Laur, ebenfalls Projektleiter, sagt: „Viele aus der jüngeren Roma-Generation geben sich im öffentlichen Leben nicht gern als Roma aus, sondern lieber als Albaner oder Rumäne. Wenn sie sich als Roma outen, werden sie oft mit Vorurteilen konfrontiert.“

Diese Vorurteile werden in „Carmen Now!“ thematisiert, auch die Benachteiligungen, mit denen die Roma leider immer noch zu kämpfen haben: „Etwa, wenn ein Roma keine Wohnung bekommt, obwohl er ein gesichertes Einkommen hat“, sagt Mehring-Fuchs. Ähnlich schwierig sei es für die Roma bei der Jobsuche oder auch in den Schulen: „Da spüren sie die Ausgrenzung stark. Wenn sie einfach sagen, sie seien Serben oder Albaner, ist das nicht so extrem.“

Mehr dazu:

Web: Theater Freiburg
Was: Carmen Now!
Wann: Samstag, 24. Januar, 17 Uhr (Premiere) und Sonntag, 25. Januar, 18 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Werkraum
Eintritt: 7 Euro

Foto Credits: fudder / Claudia Kaniak / Oliver Rath