Rollstuhlfahrer in Freiburg: Wie barrierefrei ist die Stadt?

Elisabeth Kimmerle

Das ist Michaela Kusal (vorn). Die 27-Jährige studiert Jura, Philosophie und Englisch. Dass sie im Rollstuhl sitzt, bringt im Freiburger Alltag einige Erschwernisse mit sich. Wir haben sie und ihre Freundin Jana (23) begleitet, als sie in der Innenstadt unterwegs waren und daraus einige holprige Erkenntnisse gewonnen.



Altstadt, Bächle, Studentenkneipen - wer von Freiburg spricht, kommt bei diesen Stichworten leicht ins Schwärmen. Viele Frauen echauffieren sich über das Kopfsteinpflaster, auf dem schon so manch hochhackiger Absatz abgebrochen ist. Darüber kann Michaela nur lachen. "Meine High Heels sehen super aus, mit denen laufe ich aber nicht rum. Meine Stoßdämpfer leiden jedoch ziemlich unter dem Kopfsteinpflaster. Ich muss sie alle sechs Monate auswechseln lassen." Die 27-jährige Studentin sitzt in einem elektrischen Rollstuhl und nimmt Freiburg aus der sitzenden Perspektive wahr, gezwungenermaßen.


"In Deutschland gibt es das Problem, dass Denkmalschutz gesetzlich vor Barrierefreiheit geht", sagt Michaela. Im Kollegiengebäude I der Freiburger Universität sei es beispielsweise nicht möglich, Sichtmarkierungen für Sehbehinderte anzubringen, eine einfache aber wirksame Methode, durch die stark Kurzsichtige die erste und die letzte Stufe einer Treppe erkennen könnten.

Kopfsteinpflaster und Bächle

Der Denkmalschutz steht auch einer Erhöhung des Bordsteins an der Straßenbahnhaltestelle Bertoldsbrunnen im Wege. Gehbehinderte können in der Stadtmitte weder ein- noch aussteigen. "Die ganze Haltestelle Bertoldsbrunnen ist nicht zugänglich für Rollstuhlfahrer, weil die Innenstadt historisches Pflaster ist", sagt Jana, eine 23-jährige Freundin von Michaela.

Jana sitzt im Schieberollstuhl, der sich auf Kopfsteinpflaster nur schwer manövrieren lässt. "Gerade am Münsterplatz ist es schwierig, weil ich dort immer mit den vorderen, kleinen Rollen zwischen den Steinen verhake und nicht vorwärtskomme. Ich versuche dann, den Rollstuhl nach hinten zu kippen, aber dort kippe ich mehr, als dass ich vorankomme." Es sei auch schon vorgekommen, dass sie Rollen verloren habe, sagt Jana.

Auch das Bächle kann zum unüberwindbaren Hindernis werden, etwa an der Kaiser-Joseph-Straße, auf der es wenige Rollstuhlübergänge gibt.

Oder am Uni-Café, das vom Bächle umflossen wird und für Rollstuhlfahrer nur an zwei Stellen überquerbar ist. "Wenn draußen die Leute an den Tischen sitzen, musst du sie erst bitten, aufzustehen oder rüberzurücken, damit du überhaupt ins Café kommst", sagt Michaela.



Straßenbahn

Die Straßenbahn ist in Freiburg nach wie vor eine der besten Möglichkeiten, als Rollstuhlfahrer von A nach B zu kommen. In jedem Tram gibt es eine Plastikrampe, mit der die Fahrer die Stufe beim Einstieg für Gehbehinderte überbrücken können. Michaela und Jana haben kaum schlechte Erfahrungen mit der Straßenbahn gemacht, die Fahrer seien gut instruiert und höflich. "Ich muss allerdings immer um Hilfe bitten. Die Straßenbahnfahrer warten immer erst mal ab, von selbst klappen sie die Rampe nicht aus", sagt Jana.

Es sei ihr aber auch aufgefallen, dass in Freiburg ungewöhnlich viele Leute das Gespräch mit ihr suchten. "Gerade ältere Menschen sprechen mich oft an und fragen, ob sie mich schieben sollen. In meinem Auslandsjahr in Schweden haben mich die Leute auf der Straße nie ohne Grund angesprochen, da musste ich immer um Hilfe bitten."



Das Thema Behinderung sei nicht mehr so tabuisiert wie noch vor zehn Jahren, meint Michaela: "Man sieht mehr alte und gehbehinderte Menschen auf der Straße, auch, weil die öffentlichen Nahverkehrsmittel sich auf barrierefreie Mobilität umgestellt haben." Dennoch sind da die Blicke der Passanten, die Michaela und Jana ernten. "Es ist schon unangenehm, wenn die Leute gaffen, als wäre man ein Unfall. Es gibt Tage, an denen kann man das ganz gut ab, dann guckst du zurück und lächelst. Manchmal nervt es aber einfach", sagt Michaela.



Eingeschränktes Freizeitangebot

Kellerclubs und Altbaukinos - die Ausgehmöglichkeiten in Freiburg sind für Rollstuhlfahrer deutlich eingeschränkt. "Das Freizeitangebot ist für uns Gehbehinderte eher mäßig. Im Sommer geht es noch, weil man überall draußen sitzen kann, aber im Winter sieht es echt mager aus", sagt Michaela.

Von den Kinos der Stadt sind nur das Cinemaxx und das Harmonie-Kino behindertengerecht, der Friedrichsbau ist Rollstuhlfahrern nicht zugänglich. Eintritt bezahlt im Cinemaxx nur der Rollstuhlfahrer selbst, die Begleitperson kommt kostenlos in den Film. "Ich bin auf eine Begleitperson angewiesen, die mir meine Jacke auszieht oder mir während des Films die Füße anders hinstellt", sagt Michaela. "In der Harmonie zahlt meine Begleitperson auch ermäßigten Eintritt. Wenn wir Pech haben, müssen wir auf das Parkett und zahlen dann auch den erhöhten Preis."

Über solche Regelungen ist sie verärgert. "Da fragt man sich schon, ob das gesetzlich in Ordnung ist. Ich habe die Begleitperson schließlich nicht ohne Grund dabei. Das Kino stellt auch kein Personal, das mir aus der Jacke hilft."

Schwierige Wohnungssuche

Ist der Mietmarkt schon für nichtbehinderte Freiburger ein Reizthema, so haben Rollstuhlfahrer erst recht Grund zur Klage. In der ganzen Stadt gebe es kaum barrierefreien Wohnraum nach DIN-Norm. Ausschlaggebend für diese Norm ist die Höhe des Waschbeckens und der Toilette, die Größe der Dusche, und dass der Raum befahrbar ist.

"Ich habe mein Zimmer im Wohnheim in der Berliner Allee zwischenvermietet, als ich im Ausland war, weil ich weiß, wie schwer es in Freiburg ist, eine behindertengerechte Wohnung zu finden", sagt Jana. "In ganz Freiburg gibt es nur zwei genormte barrierefreie Wohneinheiten in Studentenwohnheimen. Auf eine barrierefreie Sozialwohnung wartet man mindestens ein Jahr. Man hat kaum Auswahlmöglichkeiten", pflichtet Michaela ihr bei.

Immer mehr behindertengerechte Wohnungen würden ausgelagert ins Rieselfeld oder nach Weingarten. "Ich habe den Eindruck, das ist eine Bewegung, die gerade überall in Deutschland passiert: Kranke, Alte, Behinderte und Sozialfälle werden nach außen geschoben, damit der Kernbereich der Stadt schön ansehnlich bleibt", sagt Michaela.



Ist Freiburg behindertengerecht?

"Ja, aber...", so die Antwort von Michaela und Jana. "Freiburg ist zwar relativ barrierefrei, aber es besteht durchaus noch Handlungsbedarf. Man bemüht sich, aber es bleibt beim 'Wir bemühen uns'", findet Jana. "Vielleicht muss man einfach mehr Bewusstsein schaffen für das Thema. Wir müssen die Behörden darauf aufmerksam machen, dann können wir auch etwas erreichen. Es ist gerade viel in Bewegung und wir haben die Hoffnung, dass sich die Stadt dem Thema noch mehr annimmt", sagt Michaela.

Du bist gefragt!

Wie behindertengerecht ist Freiburg - wie ist Eure Meinung zu diesem Thema? An welchen Stellen gibt es Handlungsbedarf? Oder ist Freiburg in dieser Hinsicht vorbildlich? Wir sind gespannt auf Eure Kommentare.

Video: Jana an der Rampe am KG III

Via YouTube

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