Ritalin: Leben mit ADHS

anonym

Ich nehme sonst nicht mal Aspirin. Und hier sitze ich nun mit einer kleinen weißen Tablette, die viel mehr mit meinem Kopf machen soll, als bloß einen lästigen Schmerz zu lindern. Diese Tablette soll mein Denken und Fühlen neu strukturieren. Ritalin. Ich bin erschöpft, erledigt, traurig. Diese Tablette, davon bin ich überzeugt, ist meine letzte Chance.



Ich habe genug Hochschulsemester für mindestens zwei Bachelor-Abschlüsse, drei Studienortswechsel und vier Fachwechsel hinter mir. Jetzt habe ich es endlich bis zur Diplomarbeit geschafft. Doch diese Arbeit, sie schafft mich. Wie so viele Arbeiten davor.


Vor eineinhalb Jahren bin ich zur Studienberatung gegangen, weil ich für jede Studienleistung viel länger brauchte als meine Kommilitonen, obwohl ich nicht den Eindruck hatte, dümmer zu sein als sie. Von der Studienberatung wurde ich zu einer auf Arbeitsstörungen spezialisierten psychologischen Praxis geschickt, von dort in die Uniklinik, zur Ambulanz für ADHS im Erwachsenenalter. Seitdem habe ich für mein Problem einen Namen: ADHS, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, unaufmerksamer Typ.

„Rund drei Prozent der Bevölkerung leiden an einem der Subtypen von ADHS, dem unaufmerksamen, hyperaktiv/impulsiven oder kombinierten Subtyp,“ sagt Dr. Alexandra Philipsen, Leiterin der ADHS-Ambulanz der Uniklinik Freiburg, wo intensiv zu ADHS geforscht wird.

ADHS entwickelt sich nicht bei Erwachsenen, sondern beginnt im Kindesalter. Immer mehr Patienten bekommen die Diagnose schon als Kinder, weil die Krankheit immer mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und Ärzte rückt. Wer als Erwachsener diagnostiziert wird, so wie fast die Hälfte aller Erkrankten, so wie ich, hat es nach Meinung der Expertin schwerer. „Dann sind leider viele Weichen schon gestellt, viele schon gescheitert. Ich habe den Eindruck, dass einige Menschen mit ADHS mit oft mühseliger Unterstützung durch die Eltern durch die Schule kommen und dann massive Schwierigkeiten auftreten, wenn sie auf eigenen Füßen stehen müssen. Viele kommen erst, wenn der Karren schon an die Wand gefahren ist.“

„ADHS, Unaufmerksamer Typ“
heißt für mich, dass ich äußerlich zwar ruhig und sogar sehr still wirke, innerlich aber nie zur Ruhe komme. Ich kann zwar stundenlang am Computer oder im Seminar sitzen, aber ich schaffe dabei nichts. Statt dessen tagträume ich, surfe im Internet, lese kurze Artikel, Überschriften, klicke mich durch Bilderstrecken. Längere Texte finde ich nach zwei Absätzen langweilig. Alles ist kurz interessant, nichts für längere Zeit. In Gesprächen merke ich nach einem halben Satz meines Gegenübers, dass ich gar nicht mehr zuhöre. Wenn ich mehrere Aufgaben habe, kann ich mich nicht entscheiden, mit welcher ich anfangen soll. Und mache gar nichts.

Ritalin

Das Problem mit einer Pille in den Griff zu bekommen ist verlockend, nicht nur für mich. Der dem Medikament Ritalin zugrunde liegende Wirkstoff Methylphenidat wurde 1944 entdeckt und hat seit den 90er Jahren eine steile Karriere hinter sich, die Verschreibungszahlen steigen rasant. Mit Medikamenten in der eigenen Hirnchemie herumzupfuschen ist keine attraktive Vorstellung – Nebenwirkungen! Abhängigkeit! Persönlichkeitsveränderungen! – aber ich bin verzweifelt. Und Ritalin hat kein gefährliches Image, sondern scheint in der Mitte der Gesellschaft zu stehen.

Die ZEIT veröffentlichte 2009 unter dem Titel „Ich bin ein Zombie, und ich lerne wie eine Maschine“ einen anonymen Artikel aus der Sicht eines gesunden Studenten, der mit Hilfe von Ritalin auf eine Prüfung lernt. Und für den Schweizer Tagesanzeiger benutzte die Journalistin Birgit Schmid die Pille, um besser arbeiten zu können. "10mg Arbeitswut"nannte sie ihren Artikel.  Beide wogen Vor- und Nachteile ab, analysierten ethische und medizinische Facetten des Hirndopings für Gesunde. Auch Kathrin Passig, Autorin des Buchs „Dinge geregelt kriegen, ohne einen Funken Selbstdisziplin“ outete sich als Ritalin-Konsumentin. Auf jede Ritalin-Lobeshymne scheint zwar ein Artikel zu kommen, der vor Neben- und möglichen Langzeitwirkungen warnt, aber leistungshungrige Selbsttester und verzweifelte Mütter hyperaktiver Kinder sind schwer abzuschrecken.

Der konzentrationsverbessernde Effekt des Medikaments auf Gesunde, auf Menschen ohne ADHS, ist dabei noch nicht deutlich nachgewiesen worden. „Gesunde bleiben zwar länger wach und fühlen sich oftmals subjektiv besser, in Studien sind aber keine überzeugenden Leistungsverbesserungen nachweisbar gewesen“, sagt Alexandra Philipsen. „Im Gegenteil, eine Studie hat sogar festgestellt, dass unter Einfluss von Ritalin das Gelernte schneller vergessen werde.“ So groß, wie der Hirndoping-Hype in den Medien geschrieben wird, ist er in den Medizinschränken der Deutschen aber wohl noch nicht. In einer Befragung von Krankenversicherten in Deutschland haben rund drei Prozent angegeben, bereits Psychopharmaka zu Dopingzwecken eingenommen zu haben. In den Vereinigten Staaten liegt die Quote bei Studierenden zwischen 20% und 30%.

Bei mir kommt aber eine Botschaft an: Ritalin funktioniert, und es funktioniert sehr gut. Ich möchte auch funktionieren. Denn so geht es nicht weiter.

Solange ich mich zurückerinnern kann, habe ich dieses Problem schon. Hobbys und Pläne fasse ich und lasse sie wieder fallen. Ich habe kaum Selbstkontrolle, überfresse mich, obwohl ich  keinen Hunger habe, bleibe lieber im Bett liegen, als in Vorlesungen zu gehen. Ich bin ein Erwachsener und benehme mich wie ein Kleinkind. Geld zu verdienen schaffe ich nur über Gelegenheits- und Tagesjobs, bei Praktika komme ich erst zu spät und irgendwann gar nicht mehr. An Aufgaben, bei denen ich nicht sofort Erfolge und Belohnungen erzielen kann, versuche ich mich gar nicht mehr. Vor der Diagnose wundere ich mich, wie alle anderen ihren Alltag meistern, wie jemals eine Industriegesellschaft entstehen konnte. Ich könnte wohl zur Not eine Jäger-und-Sammler-Zivilisation aufrechterhalten. Ich habe Angst, lebensuntüchtig zu sein.

Die Aussicht auf jede länger als wenige Minuten andauernde geistige Anstrengung löst einen elementaren Widerwillen aus, als plante ich, mir einen Finger abzuhacken. Ich lese einen Absatz, dann blättere ich vor, um zu sehen, wie lang das Kapitel noch ist. Ich schreibe einen Satz und mache erstmal Pause. Alle paar Sekunden muss ich mich wieder zurück an die Arbeit zwingen. Mal klappt es, mal klappt es nicht. Von jeder Stunde bleiben nur wenige produktive Minuten.

Hausarbeiten und Referate kann man so nur schwer schreiben. Zwei Stunden vor jedem Abgabetermin sitze ich nach vertrödelter Nacht überrascht vor dem Rechner und frage mich, wie das schon wieder passieren konnte. Ich liefere in letzter Minute zusammengeschusterte Arbeiten ab, mache mich mit entsetzlichen Referaten lächerlich oder verpasse den Termin gleich ganz. Für jeden Schein brauche ich mehrere Anläufe. Die Diplomarbeit, viermal so lang wie eine Hausarbeit und auf keinen Fall in zwei durchgemachten Tagen und Nächten machbar, ist für niemanden angenehm. Für mich ist es ein halbes Jahr tägliches Versagen.

Ich finde mich faul, vergesslich, unbedacht. Es fällt mir schwer, die Symptome von ADHS nicht als Charakterproblem zu sehen. Selbst mit der Diagnose durch die Uniklinik fällt es mir schwer, mein Verhalten als Krankheit einzuordnen und mir für das tagtägliche Scheitern an den Zwischenzielen der Diplomarbeit keine Selbstvorwürfe zu machen. Der Übergang zwischen „normalem“ und „krankhaftem“ Verhalten ist fließend. Im Prinzip kennt jeder die Probleme, mit denen ich kämpfe, aber wenn gleichaltrige Freunde mit Doktortiteln und gutbezahlten Jobs mir das sagen, fühle ich mich kein bisschen besser.

Stress und Zukunftsangst äußern sich in ausgefeilten Vermeidungsstrategien, Panikattacken, durchs nächtliche Knirschen beschädigten Zähnen, Hypochondrie, sozialer Phobie und depressiven Phasen, in denen ich mich isoliere, im Bett liege und weine. In den vergangenen Jahren hat sich mein Charakter geändert: Ich bin zynisch geworden, missgönne anderen Leuten die Erfolge, die ich nicht haben kann, setze fremde Leistungen herab, suche nach Fehlern und rede mir ein, dass ich ja ohnehin keine „richtige“ Karriere machen will, dass das alles den Ärger nicht wert ist. Ich werde wunderlich, mürrisch, misanthropisch. Und auch das macht mir Angst.



„ADHS im Erwachsenenalter kommt selten allein,“ sagt Alexandra Philipsen. „Da gibt es viele Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen, Suchtprobleme, Persönlichkeitsstörungen und oftmals ein sehr niedriges Selbstwertgefühl.“ An der Uniklinik wird erwachsenen ADHS-Patienten meist eine Kombinationsbehandlung aus medikamentöser Behandlung und einer Verhaltenstherapie nach einem vor Ort entwickelten Konzept empfohlen.

Meine Versuche, das Problem mit Verhaltenstherapie zu lösen, scheitern. Sorgfältig ausgearbeitete Pläne, die mich in der Praxis meines Psychologen euphorisch und zuversichtlich stimmen, habe ich vergessen, sobald ich die Praxistür hinter mir zuziehe.
Wenn ich mir die mit ihm zusammen erarbeiteten Lösungsstrategien aufschreibe, ist sofort der Zettel weg. Wenn ich ihn ausnahmsweise nicht verliere, und den Zettel über meinen Schreibtisch hänge, blende ich ihn aus. Meine Fähigkeit, Unangenehmes zu verdrängen, mich in anderen Tätigkeiten zu verlieren, ist beängstigend, wenn sie mir auffällt.

Den Standard-Ratschlag, jede Aufgabe doch in kleine, überschaubare Happen zu unterteilen, vergesse ich. Versuche, mich mit Belohnungen zu motivieren, scheitern: entweder ich habe keine Lust auf die Belohnung, dann funktioniert es nicht, oder ich habe Lust darauf, dann muss ich sie, wie ein Vierjähriger, sofort haben und nehme sie mir, ohne erst zu arbeiten. Dass ich unter diesen Umständen nicht, wie viele andere ADHS-Patienten, drogenabhängig geworden bin, ist wahrscheinlich reines Glück.

Der Abgabetermin meiner Diplomarbeit rückt näher. Ich bin im Rückstand, aber vielleicht könnte ich es ja doch noch schaffen. Vielleicht mit Hilfe. Vielleicht mit Ritalin.

Ich gehe mit einem Brief meines Psychologen zum Hausarzt und bekomme nach einem kurzen Gespräch ein Rezept und einen handgeschriebenen Zettel mit Einnahmeanweisungen. Erst eine niedrige Dosis, dann mehr. Ich fahre zur Apotheke und erhalte eine kleine, orange-weiße Schachtel.

Ich bin enttäuscht, dass ich es nicht ohne Medikamente geschafft habe, aber gleichzeitig unglaublich erleichtert, dass es jetzt bald vorbei sein wird. Voller Hoffnung fange ich an, die Pillen zu nehmen: dreimal am Tag zehn Milligramm, bei meinem Körpergewicht eine niedrige Dosis. Ich bin gespannt, wie sich die Normalität wohl anfühlt.

Aber der Normalzustand ist nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Statt einer positiven Wirkung bemerke ich nur Nebenwirkungen. Ich schwitze, mir ist heiß, ich habe Herzklopfen, Zittern, Kopf- und Brustschmerzen. Meine Bewegungen fühlen sich falsch an, ruckhaft und unpräzise. Ich fahre risikoreicher Fahrrad, schneller, habe einen Widerwillen, an einer Ampel oder Kreuzung anzuhalten. Auch zu Fuß werde ich sofort wütend, wenn jemand mein Vorankommen behindert, ein blanker Hass, der überraschend und berauschend ist und ebenso schnell und rückstandslos verfliegt, wie er kommt. Ich fühle mich übermächtig, unverwundbar, ich schreite über die Kaiser-Joseph-Straße wie ein zorniger Gott, pflüge unwiderstehlich durch die Menschenmenge, bilde ich mir ein. Auch anderweitig werde ich aggressiv: Aus einem Impuls heraus schreibe ich einer alten Bekannten eine plump-anzügliche SMS. Sofort ist es mir peinlich.

Die Wirkung des Methylphenidat ist mal erregend, mal erschreckend, und sie gefällt mir, der  als ADS-Kranker überdurchschnittlich suchtgefährdet ist, geradezu beunruhigend gut. Aber vor allem ist die Wirkung kein bisschen hilfreich.

Meine Aufgaben erledigen sich keineswegs wie die der gesunden Tester aus den Zeitungen auf einmal wie von selbst. Ich arbeite nicht „wie eine Maschine“, meine Arbeitsproduktivität bleibt völlig unverändert. Nach wie vor surfe ich zwanghaft im Internet, überfliege nacheinander alle Internetseiten, die mir einfallen, und fange wieder von vorne an, wenn ich durch bin. In der UB mache ich keine Literaturrecherche, keine Textarbeit, sondern tigere hin und her und male mir unwahrscheinliche Erfolgsszenarien aus, in denen ich doch noch reich und berühmt werde. Ich entwerfe Ströme von Ideen für Comics, Romane, Liedtexte, die ich nie umsetzen werde.

Und ich fühle mich um die Normalität betrogen, die ich mir von dem Medikament versprochen hatte. Meine Enttäuschung ist ebenso groß, wie es meine Hoffnungen waren.

„Bei drei Vierteln der Patienten wirkt Methylphenidat“, sagt Alexandra Philipsen. „Aber bei einem Viertel, den sogenannten Nonrespondern, nicht.“ Ich gehöre wohl dazu. Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben, eine falsche Dosis, ein falsches Präparat.

Ich breche die Ritalineinnahme nach zwei Monaten frustriert eigenmächtig ab. Und mit ihr meine Diplomarbeit. Den folgenden Monat verbringe ich damit, meine Selbstachtung zu rekonstruieren. Neugierige Freunde bitten mich um mein restliches Ritalin, aber ich werfe es weg. Laut Prüfungsordnung ist der nächste Versuch, die Diplomarbeit zu schreiben, mein letzter.


ADHS, ADS und Ritalin

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) ist eine psychische Störung. Die wichtigsten Symptome: Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme, Impulsivität und Hyperaktivität. Etwa drei bis zehn Prozent der Kinder sind betroffen. Neben ADHS existieren alternative Bezeichnungen, die zum Teil die gleichen Krankheitsbilder, teilweise spezielle Ausprägungen beschreiben. Verbreitet ist die Bezeichnung Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder -störung (ADS), die den „unaufmerksamen Subtyp“ bezeichnet.

Zur medikamentösen Behandlung von ADHS wird häufig der Wirkstoff Methylphenidat eingesetzt, der den Dopaminstoffwechsel im Gehirn beeinflusst. Der Wirkstoff ist besser bekannt unter seinem Handelsnamen Ritalin. Seit den 1990er Jahren steigen die Verschreibungszahlen für das Medikament rasant. Laut Studien wird Ritalin häufig missbräuchlich eingesetzt, um die Leistungsfähigkeit zu steigern.

Der Autor ist fudder-Mitarbeiter und möchte anonym bleiben.

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