Rezension: Kaspar Häuser Meer

Lisa Geiger

Zur Zeit läuft im Freiburger Theater das Stück "Kaspar Häuser Meer" von Felicia Zeller. Dabei handelt es sich um eine Auftragsarbeit. Anlass war der "Fall Kevin" und viele andere Fälle von misshandelten Kindern, die an Folgen von Verantwortungslosigkeit starben. Lisa hat sich das Stück angesehen.



Drei Frauen in einer gelben Kiste. Mono- und Dialoge, verwirrend ineinander verflochten und ohne jeden Zusammenhang, so dass die Pausen erholsam scheinen. Doch auch diese sind bedrückend: Unter den ersten Takten von „We will Rock you“ spielt jemand Counter Strike, projiziert über die eingefrorene Szene.




Beklemmend sind auch die Steh- und Sprechhaltungen der Damen. Barbara (Rebecca Klingenberg), Silvia (Bettina Grahs) und Anika (Britta Hammelstein) arbeiten im Jugendamt. Sie sind dazu da, alles unter Kontrolle zu haben. Die Familien, die gleichgültigen Eltern, die hilflosen Kinder. Doch haben sie sich selbst unter Kontrolle unter diesem unmenschlichen Druck?

Felicia Zeller beantwortet diese Frage ganz klar mit einem Nein. In ihrem Stück verlieren die drei Damen ihren Verstand über der Verantwortung, der sie verzweifelt versuchen, gerecht zu werden. Zeller versteht sich als Sprachkünstlerin und verbrachte in Vorbereitung auf das Stück viel Zeit in Jugendämtern, um die Sprache der dort Beschäftigten zu studieren.

Diese Sprache verarbeitete sie in Regieanweisungen wie für einen Plattenspieler. Die Dialoge sind gescratcht, haben bewusst Hänger und die Darsteller befinden sich „in einer gewissen Entfernung voneinander, wie Möbelstücke in einem Büro“.



In Zellers Stück sind die Damen völlig überlastet. Sie müssen sich die Entschuldigungen der Eltern anhören, die der Zuschauer in leierndem Tonfall wiedergegeben bekommt. Die drei Damen sind am Ende ihrer Kräfte, immer verkrampfter stehen sie da, klammern sich an die glatten, gelben Wände. Doch neben der Beklemmung versteht es Felicia Zeller auch, einen gewissen Witz, eine Art Galgenhumor, zur Sprache zu bringen.

So wehren sich die Mitarbeiterinnen voreinander: „Ich liebe meinen Beruf“, auch wenn da keiner mehr wirklich daran glaubt. Die Rettung finden sie in der Einhaltung der unnützen, aber Halt gebenden Bürokratie. „Ich hab alles protokolliert, mich kann so leicht niemand in den Knast...“, beten sie sich selbst vor und auch die „Eingabe auf Leitungsebene“ ist das Zauberwort für getane Arbeit. Diese Art zu Sprechen, die abgehackten Sätze und leeren Phrasen sind typisch für dieses Stück und generell für Zellers Arbeit. Und doch ist alles sinnlos, jede verliert auf ihre Art die Kontrolle...

...worüber eigentlich? Vor allem über sich selbst: „Was soll ich denn unternehmen? Ich bin doch kein Unternehmer!“ Und wenn die Hoffnung, die Kontrolle, der Halt vollkommen verloren sind, ertönt noch einmal ein niederschmetterndes „We will Rock you“, von Kinderstimmen gesungen. Das projizierte Gewehr des Computerspiels ist auf die drei hilflosen Damen gerichtet.

[Fotos: Matthias Kolodziej]



Was: Kaspar Häuser Meer
Wann: Freitag, 28. März, 20 Uhr
Wo: Kleines Haus, Theater Freiburg