Reisinger, Fußballgott! Freiburg erkämpft beim 2:2 gegen Hertha mehr als nur einen Punkt

Maria-Xenia Hardt

Der SC Freiburg hätte im Spiel gegen Hertha BSC den 0:2-Pausenstand fast noch gedreht, wäre nicht ein Tor aberkannt worden, weil Schiedsrichter Markus Wingenbach die vorausgehende Ecke noch nicht freigegeben hatte. So mussten sich Breisgauer nach einem packenden, emotionsgeladenen Spiel mit einem Punkt und der Stärkung ihrer Moral zufrieden geben.



Nach der ersten Halbzeit – Freiburg lag zu diesem Zeitpunkt durch Tore von Ramos (20.) und Niemeyer (45. +1) schon 0:2 zurück und hatte ein kümmerliches Bild abgegeben – war die Stimmung im Dreisamstadion mehr als gedrückt. Die dritte Heimniederlage in Folge schien so gut wie besiegelt zu sein. Symbolisch für die Leistung der Heimmannschaft in der erste Hälfte kann man eine Szene aus der 37. Minute nennen: Der Herthaner Rafael hebelte mit einem einzigen Übersteiger Schuster und Makiadi aus, die zeitgleich zu Boden gingen und dem Ball nur noch aus der Froschperspektive nachschauen konnten.

Das Freiburger Spiel war gekennzeichnet von Fehlpässen, Pech und anderen Pannen, selbst Torjäger Cissé setzt sich im Strafraum auf den Ball, statt einen Schuss abzugeben.



Mit der Einwechslung von Stefan Reisinger in der 53. Minute nahm das Spiel eine überraschende Wende: Reisinger rannte und machte und im Stadion kam das Gefühl auf: Hier geht noch was. Spätestens mit Reisingers Anschlusstreffer in der 61. Minute rissen die Hausherren die Platzhoheit an sich.

Antiproportional zur sich steigernden Freiburger Leistung ging die des Schiedsrichters Markus Wingenbach immer mehr in den Keller. Das immer packender werdende Spiel entglitt dem Unparteilichen zusehends, in der 80. Minute brachte er schließlich das gesamte Publikum mit einer mehr als zweifelhaften Aktion gegen sich auf: Reisinger hatte gerade nach einer Schuster-Ecke den Ausgleich erzielt und ließ sich feiern, als der Schiri den Ball packte und mit diesem zurück in Richtung Eckfahne marschierte. Sein Assistent hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er die Ecke noch nicht frei gegeben hatte, daraufhin wurde das Tor prompt wieder aberkannt.



Das Publikum pfiff sich die Seele aus dem Leib, die Freiburger rannten weiter und machten die Partie zu einem hoch dramatischen Spiel, das bis zum Ende auf Messers Schneide stand. Irgendwie brachte Reisinger in der Nachspielzeit den Ball dann doch noch zum dritten Mal im Tor unter, diesmal zählte der Treffer. Die Zuschauer skandierten: „Reisinger, Fußballgott!“ Die Spieler schienen nach Abpfiff zu erschöpft zum Jubeln.

Diskutiert wurde freilich weiter. Schlechte, oder zumindest fragwürdige Schiedsrichter-Leistungen gibt es immer wieder, meist werden sich auf dieselbe Art und Weise behandelt: Das Publikum pfeift, die benachteiligte Mannschaft lamentiert, die bevorteiligte sagt, so sei eben der Sport.

An diesem Samstag hatte das Szenario jedoch einen seltsamen Beigeschmack: In Köln war der Schiedsrichter Babak Rafati mit aufgeschlitzten Pulsadern in seinem Hotel gefunden worden, inzwischen ist er außer Lebensgefahr, die Umstände sind weiter ungeklärt. Spekulationen wären wohl fehl am Platze, aber vor einem solchen Hintergrund war der Umgang mit Wingenbachs Leistung dennoch ein anderer. Man muss auch an einem solchen Tag sagen dürfen: Die Leistung des Schiedsrichters war schlecht und durch diskussionswürdige Entscheidungen geprägt.

Die Freiburger Spieler ließen sich trotzdem nicht zu allzu kritischen Äußerungen hinreißen. Julian Schuster, Schütze der noch nicht freigegebenen Ecke, bezeichnete die Entscheidung des Schiris als „korrekt“ und stellt, statt zu lamentieren, die Leistung der Mannschaft in den Vordergrund: „Die zweite Halbzeit spricht für die gesamte Truppe. Es war unglaublich, wie wir zusammen gehalten und uns gegenseitig angefeuert haben. Diese Wahnsinnsmoral wird uns einen Schub geben, um in den kommenden Spielen Punkte zu holen. Man sollte darüber reden, wie wir zurück gekommen sind, nicht über einzelne strittige Entscheidungen.“ Stefan Reisinger – Fußballgott – fasste das Spiel in drei Worten zusammen: „Abhaken, arbeiten, weitermachen.“

Es kommt nicht allzu oft vor, dass eine Mannschaft, die aus 13 Begegnungen ganze elf Punkte geholt hat, so zuversichtlich auf die kommenden Spiele blickt. Und es kommt noch seltener vor, dass sie dazu sogar gute Gründe hat.